Zeitung Heute : Ein Psychothriller von Hartmut Schoen im Arte-Programm

Michael Burucker

Gäbe es heute noch "Straßenfeger" wie zu Durbridges oder Posträuber-Zeiten, Hartmut Schoens zweiteiliger Thriller "Warten ist der Tod" gehörte mit Sicherheit dazu (Arte, 20 Uhr 45, Fortsetzung morgen 20 Uhr 50). Als habe er Alfred Hitchcock persönlich über die Schulter geschaut, zieht er den Zuschauer immer tiefer in den Sog der Handlung, aber lässt sie ihn nie ganz durchschauen. Zunächst bietet sich ein Idyll: Die Männerfreunde Venske (Ulrich Tukur), Kellermann (Henry Hübchen) und Glöckler (Thomas Thieme) feiern sentimental ihren Abschied von der Luftwaffe. Mit 41 Jahren zu alt für den Dienst, wartet auf die Helden des NATO-Stützpunktes in den USA das Zivilleben in Berlin. Eben noch pflügten Pilot Venske und Schütze Kellermann den Himmel über der Wüste, dann sieht man sie auch schon - die Handlung überspringt einige Jahre - in den Häuserschluchten der Hauptstadt, unbeachtet, enttäuscht.

Niemand von ihnen hat Fuß fassen können: Aus dem tollkühnen Jet-Piloten Venske wurde das Faktotum eines Stadtbades in kurzen Hosen und Badelatschen, Kellermann plagen Schulden, und Glöckler hält sich mit einem Porno-Kino über Wasser. In ihrer Hoffnungslosigkeit beschließen sie den großen Coup. Doch um die Einnahmen einer Flugschau zu rauben, braucht das Trio der Amateure einen Profi, den es in dem undurchsichtigen Mike (Jörg Schüttauf) gefunden zu haben glaubt.

Wie Schoen das erste Zusammentreffen inszeniert, ist typisch für den Film, dessen Dramatik sich aus alltäglichen Situationen entwickelt, die überraschend in Bedrohung umschlagen. Zum Treffpunkt in einer Hochhaus-Bauruine gelangt man nur über den Drahtkäfig der Bauarbeiter, der an der Fassade des Rohbaus in die Höhe gleitet. Die Aufzugsfahrt wird zum nervenzerrenden Abenteuer über dem Abgrund, das die mühsam unterdrückte Panik der Männer unweigerlich auf den Zuschauer überträgt. Auch der Raub selbst, der für die Amateur-Gangster zum stümperhaften Fiasko gerät, bezieht seine Dramatik aus der aberwitzigen Verkettung von Zufällen. Die Beute mauert Venske, zum Ärger des Außenseiters Mike, in einem nur zeitweise zugänglichen Abwasserkanal unter dem Schwimmbad ein. Bald zeigt sich, dass die Männer dem zermürbenden Warten auf den Beute-Zugriff nicht gewachsen sind. Die scheinbar so festgefügte Freundschaft bröckelt rasant, jeder belauert jeden, Verfolgungswahn macht sich breit.

Schoen liebt provisorische Orte, verschachteltes Terrain und weite Flächen. In seinem Erstling mit Karin Baal war es ein leerstehendes Haus, in "Liebesfeuer" (1997) war es ein baufälliger Ausflugsdampfer, hier sind es Baustellen, Flughäfen und ein altes Berliner Stadtbad. Darin agieren keine glanzvollen Drehbuchhelden, sondern Charaktere, die in ihrer Normalität und Unzulänglichkeit fast dokumentarisch anmuten. Wie er aus Stars wie Tukur bedrückend echt den schäbigen Gigolo formt, der allenfalls noch einer kaugummikauenden Göre (Isabell Gerschke) imponiert oder aus der schönen Barbara Auer eine verhärmte Putze und hintergangene Ehefrau, das verrät den exakten Blick des Dokumentarfilmers Schoen. Aus dem Himmel der Illusionen lässt er seine Figuren mitleidlos auf den Boden der Realität stürzen.

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