Zeitung Heute : Ein Punkt verschwindet vom Radar

Um Mitternacht der letzte Funkkontakt, mittags die Meldung vom Untergang – was geschah in den zwölf Stunden dazwischen?

Andrea Nüsse[Kairo]

Gegen Mitternacht haben die Funker im saudischen Hafen Duba einen letzten Kontakt mit der „Salam Boccaccio 98“. Fast 1400 Menschen schlafen im Bauch des Schiffes. Die See ist schwer zu dieser Zeit. Zehn Meter hohe Brecher rollen heran, es regnet, Sand mischt sich in die Böen, denn über die saudi-arabische Westküste fegt ein Sturm hinweg. Irgendwann geschieht es, irgendwo auf dem Roten Meer. Vielleicht ein Ächzen, wie wenn riesige Stahlstreben nachgeben, das Rauschen von Wasser in langen Gängen, Schreie. Aber die Welt bekommt davon nichts mit. Von einem Radarschirm verschwindet ein Punkt. Was Berichterstatter nur Stunden später als eine der größten Schiffskatastrophen der Geschichte bezeichnen werden, geschieht im Dunkeln. In einer Zeit, in der ganze Kriege im Fernsehen ausgetragen werden, sterben Hunderte Menschen, und die Sender zeigen hilflos das Bild einer strahlend weißen Fähre vor blauem Himmel.

Im Hafen von Safaga, dem ägyptischen Hafen südlich der Touristenhochburg Hurghada, drängen sich am Freitagmorgen Tausende von Angehörigen der vermissten Passagiere und warten auf Neuigkeiten. Viele von ihnen waren schon nach Safaga gereist, bevor bekannt wurde, dass das Schiff gesunken ist. Sie hatten ihre Verwandten im Hafen empfangen wollen; die Ankunft war für 2 Uhr 30 in der Nacht geplant gewesen, nach sieben Stunden Überfahrt. Doch die Vorfreude weicht schnell dem Entsetzen. Lange geschieht nicht viel, aber jeder weiß, dass es noch furchtbare Meldungen geben wird. Gouverneur Bakr el Raschidi richtet einen Krisenstab ein und versetzte die örtlichen Krankenhäuser in Alarmbereitschaft.

An Bord sollen 1310 Passagiere und mehr als 100 ägyptische Mannschaftsmitglieder gewesen sein. Neben 1180 ägyptischen Passagieren sollen auch mehrere Saudis, sechs Syrer, vier Palästinenser, ein Kanadier und ein Sudanese mitgefahren sein. Starben sie, leben sie? In Schottland soll ein Notruf eingegangen sein, sagen die einen, die anderen melden, nein, einen Notruf gab es nicht. Stimmt das, ließe es darauf schließen, dass das Schiff extrem schnell gesunken ist.

Das mysteriöse Verschwinden eines so großen Fährschiffs in einem nur 150 Kilometer breiten und viel befahrenen Gewässer gibt viele Rätsel auf. Doch wann und wie auf das Unglück reagiert wurde, ist mindestens ebenso rätselhaft. So liefen die ersten Eilmeldungen über das Unglück erst gegen Mittag über die Nachrichtenagenturen – also gut zwölf Stunden nach dem Unglück. Und auch in den folgenden Stunden waren von ägyptischen Behörden oder dem ägyptischen Schiffseigentümer nur spärliche Angaben zu erhalten. Wann wurde die Rettungsaktion eingeleitet, wie viele Schiffe und Hubschrauber sind daran beteiligt? Warum wurden die ersten Menschen erst gegen 14 Uhr lokaler Zeit gerettet?

Lange war sogar unklar, um welches Schiff es sich eigentlich handelt. Um die „Salam Boccaccio 98“ oder die „Salam 89“? Während das ägyptische Fernsehen Fotos der weißen „Salam Boccaccio 98“ zeigte, war bei Reuters ein Schiff mit blauem Rumpf zu sehen – die „Salam 89“. „Mehr Fragen als Antworten“, lautete immer wieder die verzweifelte Antwort des BBC-Korrespondenten im Live-Gespräch. Am Ende herrschte dann Einigkeit, dass es sich um die 35 Jahre alte „Salam Boccaccio 98“ handeln muss, eine Fähre der ägyptischen Firma Salam Maritime Transport. Sie wurde auf der täglich befahrenen Strecke zwischen dem saudischen Hafen Duba und der ägyptischen Hafenstadt Safaga eingesetzt.

Laut Website der Reederei ist sie für 1487 Passagiere zugelassen. Das Schiff lief unter der Flagge von Panama. Über die Passagiere gehen die Meldungen auseinander. Es seien hauptsächlich Mekka-Pilger gewesen, für die die Schiffspassage der billigste Weg ist, an die heiligen Stätten in Saudi-Arabien zu gelangen, heißt es – womit sich die Zahl der Toten der diesjährigen Hadsch noch weiter vergrößert hätte. Beim Einsturz eines Hotels waren schon zu Beginn 76 Menschen ums Leben gekommen, zum Ende wurden dann bei einer Massenpanik auf einer Brücke nahe Mekka 362 Menschen zu Tode getrampelt. Andere Quellen berichten, an Bord seien vermutlich vor allem Ägypter gewesen, die in Saudi-Arabien arbeiten, und ägyptische Familien, die Verwandte in Saudi-Arabien besuchten. Westliche Touristengruppen benutzen die Verbindung nicht, Saudi-Arabien ist bisher kein Ziel westlicher Touristen.

Es war ein Sprecher der ägyptischen Botschaft in London, der sich als Erstes zum Beginn der Rettungsarbeiten zu Wort meldete: „Die Rettungsarbeiten haben etwa eine bis eineinhalb Stunden nach dem Unglück, das sich gegen Mitternacht ereignete, begonnen“, sagte Ayman Kaffas in der BBC. Andere Beobachter gehen jedoch davon aus, dass die Rettungsarbeiten frühestens im Morgengrauen, vier bis fünf Stunden nach dem Unglück begannen. Saudische Rettungsboote und Hubschrauber waren im Einsatz, fanden vor der Küste Saudi-Arabiens aber nach eigenen Angaben keine Schiffbrüchigen. Die ägyptische Marine wurde hinzugezogen. Großbritannien schickte ein Kriegsschiff in die Region, das allerdings erst am Samstag ankommen sollte. Bis zum Abend zogen die Helfer immer noch Überlebende aus dem Meer. 14 Passagiere sollen es sogar aus eigener Kraft bis zum Ufer geschafft haben, berichteten einige Helfer am späten Abend. Allerdings wurden auch viele Leichen geborgen. Je länger die Rettungsaktion dauerte, desto weniger glaubten die Beteiligten noch daran, von viele Überlebende finden zu können.

Der ägyptische Transportminister lehnte es am frühen Nachmittag im ägyptischen Fernsehen noch immer ab, über die Unglücksursache zu spekulieren. Darüber gebe es bisher „keine Hinweise“ lautet seine Auskunft. Überall werden nun Experten interviewt.

Es könnte sein, dass die „Salam Boccaccio 98“ zu den Schiffen gehört, die in Nordeuropa ausgemustert wurden, weil sie nicht mehr als sicher galten. Das Alter des Schiffes ließe nach Ansicht von Experten darauf schließen. Der Handel mit ausgemusterten Fähren von Nordeuropa in die Dritte Welt, wo die Sicherheitsauflagen oft geringer sind, floriert. Die Spekulationen schießen ins Kraut: Der Schifffahrtsexperte Yvan Perchoc sagt der Nachrichtenagentur AFP, das gesunkene Schiff sei ein ausrangiertes italienisches Fährschiff, dessen Kapazität mit Aufbauten aufgestockt worden sei. Ein Sprecher der Versicherung Lloyds London in der saudischen Stadt Jedda, Nizam Siddiqui, erklärt dagegen, die Sicherheitsvorkehrungen und der technische Zustand des Schiffes müssten ausreichend gewesen sein, denn die saudischen Behörden achteten genau auf deren Einhaltung bei den einlaufenden Schiffen. Siddiqui schloss einen Zusammenstoß als Unglücksursache aus, weil sich sonst ein anderes Schiff oder sein Besitzer gemeldet haben müssten.

Ein Schwesterschiff der gesunkenen Fähre, die „Salam 95“ des gleichen Transportunternehmens, war erst im Oktober im Roten Meer gesunken. Das Schiff mit 1500 Pilgern, die aus Mekka zurückkehrten, war mit einem Transportschiff zusammengestoßen, das gerade den Suez-Kanal durchquert hatte. Bei der Panik an Bord sind zwei Menschen zu Tode getrampelt und 40 verletzt worden. Aber dank der Nähe zur ägyptischen Küste konnten alle anderen Passagiere gerettet werden. Fehlverhalten des Kapitäns wurde später für den Unfall verantwortlich gemacht. Er soll die Vorfahrtsregeln missachtet haben.

Salam Maritime beschreibt sich auf seiner Website als das größte private Schifffahrtsunternehmen Ägyptens und des Nahen Ostens. Mit 15 Fährschiffen transportiere es eine Million Menschen jährlich, hauptsächlich auf Fährverbindungen im Roten Meer. Ein Sprecher des Unternehmens, Andrea Odone, versicherte, das Schiff habe den „internationalen Sicherheitsstandards“ entsprochen. Die Passagierzahl habe „unter der maximalen Passagierzahl“ gelegen.

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