Zeitung Heute : „Ein Qualitätsmerkmal“

Bernhard Tauscher über die Unterschiede zwischen konventionellen und alternativen Produkten

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Herr Tauscher, ernähren Sie sich mit Produkten aus ökologischem Landbau?

Ich ernähre mich nicht ausschließlich biologisch. Aber ich gehöre zu den Verbraucherinnen und Verbrauchern, die gelegentlich auch BioProdukte kaufen.

Warum kaufen Sie Bio-Produkte?

Ich kaufe Bio-Produkte, weil es mir gut tut. Wenn ich beispielsweise ein Hühnerei aus biologischer Produktion esse, weiß ich, dass das Huhn artgerecht gehalten worden ist . . .

. . . und dann geht es Ihnen besser?

Ja. Weil ich sicher bin, dass es dem Tier gut ergangen ist. Das ist auch ein Qualitätsmerkmal. Wir nennen das die Prozessqualität – also die Qualität der Lebensmittel, von der Erzeugung bis zur Verarbeitung. Fragen des Tierschutzes und der Tierhaltung gehören dazu.

Das Institut, an dem Sie arbeiten, hat Lebensmittel aus alternativer und konventioneller Produktion bewertet. Haben Sie dabei festgestellt, dass Bio gesünder ist?

Das gehört zum Aspekt Produktqualität und muss noch weiter erforscht werden. Es gibt aber Hinweise darauf, dass wir im ökologisch erzeugten Obst und Gemüse einen sehr hohen Anteil so genannter sekundärer Pflanzenstoffe haben – und zwar mehr als im konventionell erzeugten. Das würde bedeuten, dass wir hier die Möglichkeit haben, durch gezielte Ernährung Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Krebserkrankungen vorzubeugen. Es gibt jedoch keine Studien darüber, dass der ausschließliche Verzehr von ökologischen Produkten gesünder ist.

Wie sieht es mit Vitaminen aus, steckt in ökologisch produziertem Obst und Gemüse mehr drin?

Bei den Vitaminen dürfte es wenig Unterschiede geben. Entscheidender ist das, was ich eben sagte. In Obst und Gemüse aus ökologischem Landbau könnten höhere Mengen an sekundären Pflanzenstoffen enthalten sein, und die sind präventiv wirksam.

Woher kommt denn dieser höhere Anteil sekundärer Pflanzenstoffe?

Möglicherweise kommt das daher, dass eine Pflanze, die unter ökologischen Bedingungen angebaut wird, unter einer Art ,Dauerstress’ steht. Die Pflanzen sind in der Lage, sich unter solchen Stressbedingungen mit Abwehrmechanismen zu rüsten. Das heißt, sie wehren sich: Gegen Insektenbefall, gegen Befall mit Mikroorganismen und gegen Wasser- und Strahlungsstress. Dabei produzieren sie sekundäre Pflanzenstoffe. Außerdem wird nicht in dem Umfang gedüngt – auch das ist Stress für die Pflanze. Aber der Stress, den die Pflanze hat, bringt für den Verbraucher möglicherweise einen positiven Effekt.

Somit sind in biologischen Lebensmitteln auch weniger Schadstoffe?

Generell kann man sagen, dass sie erheblich weniger Rückstände von Pflanzenschutzmitteln aufweisen, insbesondere bei Obst und Gemüse. Schließlich ist der Einsatz von synthetischen Pflanzenschutzmitteln im ökologischen Landbau nicht erlaubt.

Aber vor Regen kann sich doch auch ein Bio-Bauer nicht schützen. Was ist mit den Immissionen?

Das ist richtig. Wir haben zum Beispiel Regen und Wind. Auch Sprühnebel verteilen sich so auf die weitere Umgebung. Deshalb findet man auch bei ökologischen Produkten hin und wieder geringe Mengen von Umweltkontaminanten.

In Ihrem Statusbericht ist auch zu lesen, dass die Babykost auf dem deutschen Markt von ökologischen Produkten dominiert wird. Warum ist das so?

Für Babynahrung zum Beispiel sind nur sehr geringe Nitratmengen zugelassen. Gemüse aus ökologischem Anbau enthält in der Regel weniger Nitrat als konventionell angebautes Gemüse.

Ein anderes Argument der Bio-Befürworter ist, dass Bio-Gemüse besser schmeckt. Stimmt das?

Viele Menschen sagen das. Geschmackseindrücke sind aber subjektiv. Unsere Studie hat einen Trend zu höherem Genusswert von Bio-Gemüse ergeben.

Es wird auch behauptet, dass Bio-Esser immer schlank seien?

Ich würde Bio-Esser anders apostrophieren: Wenn Sie einen ökologischen Lebensstil pflegen, dann werden Sie sich auch völlig anders in ihrem übrigen Leben verhalten: Sie ernähren sich bewusster, passen das Trinkverhalten an, bewegen sich, gestalten ihren Arbeitstag stressfreier. Wenn es gelingt, den eigenen Lebensstil auf einen ökologischen Lebensstil umzustellen, dürfte das für die Gesundheit – und die Figur – eher zuträglich sein.

Die Fragen stellte Anne Wüstemann.

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