Zeitung Heute : Ein rabenschwarzes Lächeln

Die letzte Predigt vor dem Konklave hielt Kardinal Ratzinger: Es wurde eine Art Wahlrede daraus

Paul Kreiner[Rom]

Fürchtet euch, das Ende  naht! Dieses Konklave, dann nur noch eines, und dann geht die Welt unter. So düster hat es ein angeblicher  irischer Mönch namens Malachias vor ein paar hundert Jahren verheißen, und so breiten es italienische Zeitungen seit dem Tod von Johannes Paul II. wieder und wieder aus: Rom wird zerstört, vergiftet werden, der Papst flieht über Massen von Leichen…

Doch es ist ja noch ein Pontifikat lang Zeit. Weil allen jedoch schon vorher das Warten zu lang wird – die Kardinäle, die Montagnachmittag singend, betend, schweigend, angeführt von einem Kreuzträger in die Sixtinische Kapelle ziehen, werden bis zum weißen Rauch kein Sterbenswort mehr verraten –  bleibt nur noch das Spekulieren,  mit Malachias zum Beispiel und mit den italienischen Zeitungen.

„Gloria Olivae“ hat der Autor jener Papstweissagungen den Nachfolger von Johannes Paul II. genannt: „der Ruhm des Ölbaums“. Aber was heißt das? Dass der nächste Papst, von dem man infolge  mittelalterlicher Geschichtswirrnis nicht einmal weiß, ob es der 263. oder der 265. ist, ein „Friedensstifter“ sein wird? Oder dass seine Haut dunkel sein wird wie die Oliven? Oder dass er, wenn man den Ölbaum als biblisches Symbol für das jüdische Volk auffasst, ein Jude sein wird?

Viel konkreter als der alte Malachias waren die aktuellen Voraussagen der italienischen Vatikanexperten zuletzt auch nicht mehr: Kardinal Joseph Ratzingers Stern ist am Wochenende etwas gesunken, dafür sah man Mailands Erzbischof Dionigi Tettamanzi im Aufwind.

Im Vorkonklave, den geheimen Beratungen der Kardinäle über Zustand und Zukunft der Kirche, hat sich kein eindeutiger Favorit herausgeschält, aber offenbar hat es die erwartete Polarisierung gegeben: Das konservative Lager soll sich eng um Ratzinger geschart haben; Bannerträger der Liberalen soll der frühere Mailänder Kardinal Carlo Maria Martini sein. Martini jedoch, der  schon seit Jahrzehnten als  Papst gehandelte Jesuit, soll krankheits- und altershalber gebeten haben, ihn nicht zu wählen. Altershalber, wenn das kein Wink mit dem Zaunpfahl war: Martini ist genauso alt wie Ratzinger.

Jetzt suchen die beiden Kardinalslager – oder sind es eher die von allen Informationen gnadenlos fern gehaltenen Medien? – nach einem dritten Mann.

So ganz grundlos indes scheinen die Gerüchte über das zerstrittene Konklave nicht zu sein: Am Samstag änderten die Kardinäle plötzlich und ohne Angabe von Gründen ihr Programm. Der für den späten Montagnachmittag fest geplante erste Wahlgang war auf einmal nicht mehr sicher. Man wolle darüber erst nach dem feierlichen Einzug in die Sixtinische Kapelle entscheiden, teilte Pressesprecher Joaquín Navarro-Valls mit.

Umso aufmerksamer studierten die Journalisten die Predigten, mit denen sich die Kardinäle am Sonntag von ihren römischen „Pfarrkirchen“ in die vatikanische Klausur verabschiedeten. Viel Konkretes war nicht zu finden. Zahlreiche Kardinäle rühmten Johannes Paul II. – ob das als Nachruf oder als Plädoyer für ein konservatives Programm zu verstehen war, blieb im Einzelnen offen. „Der Heilige Geist“, formulierte ein Kardinal ganz wolkig, „hat längst gewählt. Wir müssen nur noch herausfinden, wen.“

Einen halbwegs hörbaren Akzent setzte nur Walter Kasper, einer der sechs deutschen Kardinäle im Konklave. Er sagte, die Gläubigen bräuchten  „einen Felsen, an dem sie sich orientieren können“, aber keinen Befehlshaber, sondern „einen starken, milden, gütigen Hirten, der uns kennt und in dem wir uns wiedererkennen, einen Mann mit Herz“.

Kaspers Äußerung ist deswegen aufgefallen, weil der frühere Bischof von Rottenburg-Stuttgart in der römischen Kurie  als eine Art Gegenpol zu Glaubenshüter Ratzinger angesehen wird. Bei sorgsam ausgewählten Gelegenheiten – etwa wenn es um Ökumene ging – hat sich Kasper immer wieder von seinem dogmatischen Kollegen abgegrenzt. Ansonsten hat er sich in den letzten Wochen Johannes Pauls II. mit Wortmeldungen auffallend zurückgehalten, und je näher das Konklave rückte, desto höher wurden Kaspers Wahlchancen eingeschätzt: immerhin, ein  weltweit angesehener und bekannter Theologe…

Ratzinger indes, der stärkste unter den Favoriten, der Chef des Kardinalskollegiums, der die Übergangszeit bisher souverän geleitet hat, wird seinem Ruf am Montagvormittag wieder einmal gerecht. In der öffentlichen Messe zur Eröffnung des Konklaves nutzt er die Predigt für eine starke programmatische Ansage – und für eine Wahlrede nicht nur ans eigene Lager. Ratzinger, für seine rabenschwarze Sicht der Welt bekannt, geißelt die „Diktatur des Relativismus, der nichts gelten lässt als das eigene Ego und dessen Lüste“. Die Katholiken mit ihrem „unreifen Kinderglauben“ würden in den  Wellen der ideologischen Moden hilflos von einem Extrem ins andere geschleudert, „vom Marxismus zum Liberalismus  und  zum Libertinismus, vom Atheismus in einen vage-religiösen Mystizismus, vom Kollektivismus in den radikalen Individualismus“.

Jeden Tag, sagt Ratzinger, entstünden neue Sekten zum Betrug an den Seelen der Menschen. Ein „klarer und fester Glauben“ werde „oft als Fundamentalismus etikettiert“. Dabei, sagt Ratzinger, „müssen wir genauso diesen starken, den erwachsenen, von Denkmoden unabhängigen  Glauben reifen lassen; zu diesem Glauben müssen wir auch die Herde Christi führen.“ Ganz seelsorgspädagogisch schließt Ratzinger indes, man müsse den Menschen  „die Wahrheit in Liebe“ sagen. Damit hat er den Wahl- und Wappenspruch von Kardinal Kasper aufgegriffen.  Zufall? Absicht? Wahlnotwendigkeit?

Beim feierlichen Auszug aus dem Petersdom lächelt Ratzinger sogar, und manche Beobachter, gierig nach jedem Zeichen, deuten das als das hintergründige Lächeln eines Kindes, das gerade einen Streich ausgeheckt hat und sich noch nicht erwischen lassen will.

Am Abend dann, acht Uhr, steigt schwarzer Rauch aus dem Schornstein der Sixtinischen Kapelle.

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