Zeitung Heute : Ein radikaler Kämpfer, ein Visionär

Der Tagesspiegel

Die Nachricht vom Tode Hans Jürgen Ewers ist für alle ein Schock, genauso für die Befürworter wie für die Gegner seiner Reformen. Noch bei seiner Abschiedsrede am 18. Januar hatte der Wirtschaftswissenschaftler, der seit 1997 Präsident der Technischen Universität war, kämpferisch dem neuen rot-roten Senat entgegengehalten: „Berlin darf sich keinen Raubbau an den Wissenschaften erlauben, Wissenschaft und Politik müssen am gleichen Strang ziehen."

Wenn die Hälfte der Professoren in den Ruhestand tritt und sich die Universitäten durch die Berufung neuer junger Professoren radikal erneuern müssen, dann kann man exzellente Wissenschaftler nicht mit Magerkost gewinnen. Das hielt Ewers ständig den Politikern der Stadt vor, die so gern vom Wissenschaftsstandort Berlin sprechen. Ewers war ein radikaler Kämpfer für seine Technische Universität, und er hat sich in diesem Kampf verzehrt. Sein Ziel war es, die TU auf den ersten Platz in Deutschland zu bringen. Ewers war ein Visionär, der sich trotz seiner schweren Zuckerkrankheit eine zweite Amtszeit zumutete, um die Reformen zu Ende zu bringen.

Am Anfang stand die völlige Neuordnung der Technischen Universität in acht Fakultäten statt in 15 Fachbereiche. Aber hier zeigte sich bereits das Handicap seiner zwei Amtszeiten: Ewers war nur mit einer Stimme Mehrheit im Konzil gewählt worden, und auch im Akademischen Senat hatte er nur einen denkbar knappen Spielraum. So machten die Linken die beabsichtigte Zertrümmerung der Lehrerbildung nicht mit, und die Konservativen wollten Ewers bei der geplanten Neugliederung der Fakultäten nicht auf dem radikalen Weg einer völligen Verschränkung von Natur- und Ingenieurwissenschaften folgen.

Trotzdem ließ sich Ewers nicht entmutigen. Sein Ziel war die entfesselte Hochschule, in der der Staat draußen vor der Tür bleibt, während die Wissenschaftler in Kooperation mit der Wirtschaft die Erneuerung vorantreiben. Die Kooperation mit der Wirtschaft floriert: Daimler-Chrysler, Siemens und die Computerfirma Intel sind Partner der TU, gute Beziehungen gibt es auch zu IBM und VW. Den Rückzug des Staates aus der TU konnte Ewers leider nicht mehr erleben - zu einer Reformsatzung, wie sie inzwischen die Humboldt-Universität und die Freie Universität beschlossen hatten, reichte die Zeit nicht mehr. Für alle, die jetzt um Hans-Jürgen Ewers trauern, der gestern an einer neuen schweren Krankheit kurz vor seinem 60. Geburtstag gestorben ist, bleibt eine Hoffnung: dass die TU unter seinem Nachfolger, Kurt Kutzler, die Reform abschließen wird. Uwe Schlicht

Radio Kultur sendet heute um 11 Uhr 05 das letzte Gespräch mit Ewers, auf 92,4.

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