Zeitung Heute : Ein Rätsel und keine Spur

Ärzte im Libanon haben Tote in ihren Kühlhäusern, deren Aussehen sie sich nicht erklären können. Die Frage ist in der Welt: Benutzt Israel geächtete Waffen?

Alfred Hackensberger[Sidon]

Im Keller des Bachir-Cham-Krankenhauses in Sidon liegen acht Leichen im Kühlhaus. Sie liegen am Boden, notdürftig in schwarze Plastikfolie gewickelt. Doktor Mansour legt Gummihandschuhe an, bevor er eines der Pakete öffnet. Vorsichtig holt er den schwarz verkrusteten Kopf eines Mädchens hervor. Dies ist Darine Kanoun, fünf Jahre alt, seit dem 17. Juli liegt sie hier. An diesem Tag war sie mit ihren Eltern und ihrem 15-jährigen Bruder vor den israelischen Bomben aus dem Südlibanon geflüchtet. Die Familie wollte in das sichere Beirut, schaffte es allerdings nur bis hinter die Hafenstadt Sidon. Als sie auf der Brücke von Reimleh ankamen, donnerten israelische Flugzeuge über sie hinweg und feuerten ihre Waffen ab. Alle Insassen des Minibusses waren sofort tot.

Nun liegen die kleine Darine und ihre Familie auf dem Fliesenboden im Kühlhaus, denn weil ihre Leichen so merkwürdig aussehen, ist ein Verdacht in der Welt. Setzt die israelische Armee auch chemische oder andere verbotene Waffen ein? Die Ärzte geben nun viele Interviews und erzählen von ihrem Verdacht.

Doktor Mansour nimmt den Kopf des toten Mädchens an den Haaren und dreht ihn. „Sehen Sie, die Haare sind voll intakt“, sagt er. Dann deutet er mit dem Finger auf das Gesicht. „Und hier die schwarze Hautfarbe. Das sieht aus wie Verbrennungen, aber das sind keine. Wir haben alles getestet.“ Neben der Leiche des Mädchens liegt ihr blaues T-Shirt in der Plastikfolie. „Auch völlig intakt, wie die anderen Kleidungsstücke aller Leichen“, fügt Mansour hinzu, bevor er die Folie wieder über das tote Mädchen legt.

Im Konferenzraum im ersten Stock des modern eingerichteten Krankenhauses empfängt Bachir Cham, der Chefarzt und Besitzer des Hospitals. „Wir gehen davon aus, dass das Mädchen und ihre Familie von chemischen Kampfstoffen getötet wurden“, sagt Professor Cham. Er ist Herzspezialist, 58, lange Jahre hat er, Christ und Belgier mit libanesischem Hintergrund, in Paris und Brüssel praktiziert, bevor er seine Klinik eröffnete. Der medizinische Befund sei eindeutig. „Bei sechs Leichen gibt es keinerlei innere und äußere Verletzungen, in der Lunge keine Ödeme. Nur zwei Tote haben Hirnverletzungen, die ein Resultat der Explosion sind. Aber alle weisen diese seltsame schwarze Hautfärbung auf.“ Am Computer zeigt der Professor Fotos aller Leichen. Eine Erklärung hat er weder für die Hautfärbung noch die Todesursache. Normalerweise gäbe es bei einer Bombe ein „blutiges Tartar“, sagt Cham. „Zerfetzte Gliedmaßen, Knochenbrüche, viel Blut.“ Aber bei diesen Opfern gebe es nichts, nicht die geringste Verletzung, und die Muskeln würden nicht steif wie bei normalen Toten. „Ich bin sicher, die Israelis verwenden irgendeine toxische Substanz, die vielleicht über die Haut in den Körper dringt.“

Der Befund des Leiters des Bachir- Cham-Krankenhauses in Sidon deckt sich mit weiteren Berichten aus dem Südlibanon. Das libanesische Fernsehen zeigte Bilder von 20 schwarz gefärbten Leichen in einem Minibus, der in der Nähe des Grenzdorfs Marwheen von einer israelischen Rakete getroffen wurde. Auch in und um Tyrus, der täglich schwer bombardierten Hafenstadt im Süden, beklagen Ärzte „unerklärlich geschwärzte“ Kriegsopfer. Besonders seltsam sind Berichte aus dem Regierungskrankenhaus in Tyrus. „Wir haben Opfer, die auf die Hälfte ihrer Größe schrumpfen“, sagte der Direktor Raed Salman Zeinedine. „Zuerst denkt man, es handelt sich um ein Kind, muss aber dann feststellen, dass es ein erwachsener Mann ist.“ Über die Ursache könne man bisher aber nur spekulieren.

Professor Bachir Cham möchte diese Lücke wissenschaftlich schließen. In Zusammenarbeit mit dem libanesischen Gesundheitsministerium und der nationalen Ärztekammer werden 24 Proben in Speziallaboren in Beirut derzeit untersucht. In etwa einer Woche soll es Resultate geben, sagt Cham , der per Fax Kofi Annan und Javier Solana von seinem Befund aber schon unterrichtet hat. „Wir brauchen auch ein unabhängiges Urteil.“

Ähnliche Symptome sollen bereits 2003 im Irakkrieg aufgetaucht sein, im Zusammenhang mit von der US-Armee benutzten Waffen. Das „California Center for Strategic Studies“ berichtete vor kurzem von stark geschrumpften Bussen. Für Brett Wagner, Präsident des CCSS, ein ehemaliger Professor am US Naval War College, „klingt das wie eine intensive Form von Mikrowellen“. Es bestehe die Möglichkeit, „dass energetische oder modernste chemische Waffen bei diesen Angriffen beteiligt gewesen sein können“, urteilt Wagner aus der Ferne. Nach Erprobung durch die US-Armee sei es kein Wunder, wenn im Libanon eine neue Generation der Mikrowellenwaffen benutzt würde. Die USA ist Israels Hauptwaffenlieferant.

Ein Sprecher der israelischen Armee wies das gestern aber zurück. „Wir verwenden im Krieg gegen die Hisbollah keine Waffen, die nach internationalem Recht verboten sind, auch kein Phosphor. Wir sind der Überzeugung, dass der Einsatz solcher Waffen uns bei unserem Kampf gegen die Hisbollah keinen Nutzen bringt. Wir bemühen uns beim Einsatz unserer Waffen, dass der Zivilbevölkerung kein Schaden entsteht.“

Und auch deutsche Experten für derartige Waffen melden Zweifel an. Jan van Aken, Chef von „Sunshine“, einem chemie- und biowaffenkritischen Projekt, sagt, geschwärzte und geschrumpfte Leichen passten zu keiner chemischen Waffe, die man kenne, und die Frage sei auch, wieso Israel etwas anderes einsetzen solle als das, was der Rest der Welt als effektiv ansehe. Eine Ferndiagnose sei aber „ganz, ganz schwer“.

Eine Mikrowellenwaffe gegen Menschen gebe es allerdings schon, bestätigt Jürgen Altmann, Physiker an der Dortmunder Universität, der als Deutschlands Experte zum Thema gilt. Die USA hätten sie entwickelt. Sie sei bisher aber als nicht tödliche Waffe gedacht, zur Auflösung gewalttätiger Demonstrationen zum Beispiel oder um Eindringlinge abzuwehren. Das Prinzip: Extrem kurze Mikrowellen würden von einer Sendeantenne, die maximal einen Kilometer entfernt stehen kann, zielgerichtet ausgestrahlt, die Wellen würden den menschlichen Körper, genauer die ersten Zehntelmillimeter der Haut, aufheizen, bis ein Schmerz zu spüren ist. „Die Frage ist, wann man aufhört zu heizen“, sagt Altmann. Theoretisch könnte man großflächige die Haut schwärzende Verbrennungen hervorrufen, nur hätten die Ärzte im Libanon die dann auch erkennen müssen, und das hätten sie ja ausgeschlossen. Außerdem habe diese spezielle Waffe eine über zwei Meter große Antenne und müsse auf einem Fahrzeug stationiert sein. Das passe nicht zum berichteten Raketenbeschuss. Die Schrumpfung sei ihm ganz unerklärlich. „Haut vielleicht, aber gleich auch Knochen?“, fragt er. „Wohl kaum.“ Natürlich sei es nicht auszuschließen, dass es Geheimprojekte gebe. Die High-Power-Microwave-Forschung laufe seit Mitte der 90er Jahre in vielen Industrieländern, und Ideen für HPM-Bomben und -Geschosse gebe es samt Zeichnungen genug.

Human Rights Watch (HWR) hat Israel bereits der Anwendung von Splitterbomben angeklagt, die gegen Zivilisten im Süden eingesetzt würden. Mitarbeiter hatten Fotos von Splittergranaten auf der israelischen Seite der Grenze gemacht und dabei auch Phosphorbomben entdeckt. „Wir haben sie in den Waffenlagern der israelischen Armee im Norden gesehen“, sagt Peter Bouckaert, Sprecher von HWR. „ Als offensive Waffe verstießen sie gegen internationale Konventionen.“ Die Verwendung chemischer und biologischer Waffen ist seit 1997 geächtet.

Egal wie die Diagnose lauten wird: Für Darine Kanoun und ihre Familie kommt jede Hilfe zu spät. Ihr Minibus liegt noch immer im Wasser unter der Brücke in Reimleh. Nicht alle Leichen konnten vom Roten Kreuz geborgen werden. Von oben sieht man noch deutlich den Fahrer im Wasser am Steuer sitzen. Als wäre die Fahrt nach Beirut noch nicht zu Ende.

Mitarbeit: Otfried Nassauer

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