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Martin Busche

Die Berliner Firma datango bietet Internet-Einsteigern einen leichteren Zugang zum World Wide WebMartin Busche

Die Prenzlauer Allee gehört nicht zu gerade den Prachtstrassen Berlins, was natürlich auch für das Haus mit der Nummer 175 gilt. Tosender Großstadtverkehr direkt vor der Haustür, grau-braune Flur-Tristesse dahinter. Doch im dritten Stock beginnt die Zukunft. Glaubt zumindest Alexander Artopé, einer von sechs Gesellschaftern der Firma datango, die mit einer neuen Idee das Internet aufmischen will. "datango macht Schluss mit langweiligen Suchmaschinen", beschreibt Artopé sein Produkt, das vom 21. Oktober an unter datango.de kostenlos erhältlich ist. Die Idee dahinter: Viele Menschen entdecken gerade jetzt das Internet, finden die Online-Kommunikation prinzipiell klasse, kennen aber die richtigen Adressen nicht. Hier setzten Artopé und seine Kollegen an. Und tatsächlich macht datango das Websurfen um einiges leichter und menschlicher. Denn statt bei Suchmaschinen die Nutzung "boolscher Klammern" erlernen zu müssen und komplizierte "entweder oder" Fragestellungen einzugeben, bietet datango von Menschen moderierte Webtouren an, sogenannte Webrides.

Den Anfang macht Sabrina Staubitz. Die bekannte RTL-Talkmasterin führt durch das Onlineprogramm und zeigt, was ihr im Netz gefällt. Der TV-Sender Pro Sieben wird überdies die datango-Technologie für die Produktion eigener Webrides nutzen. Auch eBay, mit über drei Millionen Mitgliedern die weltgrößte Internet-Auktionsfirma, ist ebenso wie MyToys und Interstoxx.de eine Kooperation mit den Berlinern eingegangen.

Der Programmstart am gestrigen Donnerstag soll aber nur das erste Kapitel einer grossen Erfolgsstory sein, die das Unternehmen schreiben will. Denn Anfang Dezember wird eine erweiterte datango-Version ins Netz gestellt, mit der jeder Homepage-Bastler seinen ganz persönlichen Ausflug ins Netz erstellen kann. Mit geringsten Aufwand. "Eine handelsübliche Soundkarte, ein Mikrofon, etwas Speicher auf der Festplatte und eine Webcam reichen völlig aus", verspricht Artopé. Selbst Mac-User müssen auf datango nicht verzichten. Dort laufen die Bilder allerdings ruckeliger, was zu verschmerzen sein dürfte, in Anbetracht der verlockenden Vorstellung eines jeden Homepagebastlers, nicht nur seine Seite, sondern auch sich selber im Internet ausstellen zu können. Kostenlos versteht sich. Denn datango finanziert sich über E-Commerce-Kunden, die das Programm kommerziell nutzen und durch Werbung, die die Touren unterbrechen.

Dass die jemanden stören könnte, glaubt Artopé nicht. "Das ist der Preis für das Freeware-Angebot". Der studierte Informatiker ist vom Erfolg des Konzepts überzeugt. "Wir sind bislang konkurrenzlos", beteuert er. Was kein Wunder ist. Denn die Idee zu datango ist den Sechsen eher zufällig gekommen. "Wir saßen über einem Computerspiel, und plötzlich hat jemand angefangen, das Spiel zu moderieren. Das fanden wir viel angenehmer, als alleine über den nächsten Zug zu grübeln". Und weil die sechs Informatik studiert haben und eine Weile in den USA gelebt haben, war der Weg zum Internet nicht weit. Berufliche Erfahrung sammelten die Pioniere unter anderem beim European Communication Council, der Gesellschaft für Mathematik und Datenverarbeitung GMD, der Berliner Softwareschmiede Art+Com sowie am renommierten MIT. Ausgestattet mit ihren technisch-wissenschaftlichen Wissen und mit der innovativen Idee im Gespräch wagten sie jetzt den Sprung in die Selbstständigkeit - in einem Markt, wo aus Start-Ups über Nacht Millionäre werden.

Zwei Jahre Entwicklungszeit stecken in dem Programm. Aufwendige Recherchen nach möglichen Vorbildern in den USA, die vergeblich blieben. Herausgekommen ist ein Programm, das grafisch gelungen ist, im praktischen Internet-Alltag aber auch Schwächen offenbart. Die Handhabung ist einfach. Einmal aus dem Netz gezogen, baut datango eine Seite auf, die an eine Suchmaschine erinnert. Auf der linken Seiten werden die Touren aufgelistet, die sich stündlich wiederholen. Rechts stehen die ständig abrufbaren Rides. Werden diese angeklickt, erscheint Sabrina Staubitz in einem kleinen Fenster und führt durch das gewünschte Programm.

Mehr bietet datango aber nicht. Es mangelt vor allem an Interaktivität. Denn hinter der Software verbergen sich nur vorproduzierte Videos. Eine Möglichkeit, irgendwo einzugreifen, das Programm zu stoppen, einen anderen Link, als den von Staubitz ausgewählten, zu starten und das Programm dann später weiterlaufen zu lassen, gibt es nicht.

Zudem scheint das Webride-Angebot eher für Fun-User angelegt zu sein. Die mögen sich für die Tour durch Webseiten krimineller Organisationen und Surftips von Dieter Bohlen begeistern können. Spontane Wünsche, wie die vertonte Version der Glücksrittergedichte von Eichendorff zu finden und dann auch noch hören, erfüllt datango nicht.

Lohnen könnten sich der Einsatz des Programms im E-Commerce-Bereich, wenn zum Beispiel eine Buchhandlung wie Amazon.de ihre Bücher nicht mehr schriftlich vorstellt, sondern von Sprechern rezitieren lässt oder auf myToys die Spielwaren nicht nur gezeigt, sondern auch beschrieben werden. Aber: Könnte das nicht auch jedes andere Multimedia-Programm leisten? Die Antwort werden die Surfer selbst geben.
© 1999

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