Zeitung Heute : „Ein Renner“

Dorothee Nolte

Ein Jahr Ganztagsschulprogramm: Bulmahn zieht positive Bilanz

Ein „voller Erfolg“, ein „Motivationsschub“, ein „Renner“: Bundesbildungsministerin Bulmahn (SPD) gerät ins Schwärmen, wenn sie vom Bundesprogramm zum Ausbau von Ganztagsschulen spricht. Nach einem Jahr Laufzeit dieses „größten Schulprogramms, das es je gab“, lässt sich festhalten: Zum neuen Schuljahr wird es in Deutschland 3087 mehr Ganztagsschulen geben als zuvor, überwiegend Grundschulen. Das entspricht einem Zuwachs von 64 Prozent gegenüber den 4841 bereits vorhandenen Ganztagsschulen, die die Kultusminister im Herbst 2003 gezählt hatten. Von insgesamt 48000 deutschen Schulen werden ab Herbst 2004 also knapp 8000 Ganztagsschulen sein.

Zur Erinnerung: Vor einem Jahr wurde das „Investitionsprogramm Zukunft Bildung und Betreuung“ unterzeichnet, mit dem die Bundesregierung bis 2007 insgesamt vier Milliarden Euro für den Ausbau von 10000 zusätzlichen Ganztagsschulen bereitstellt. Anfangs gab es in den CDU-geführten Bundesländern Vorbehalte, und die Mittel wurden nur zögerlich abgerufen. Diese Anlaufschwierigkeiten sind offensichtlich überwunden: „Alle 16 Bundesländer beteiligen sich an dem Programm“, verkündete Bulmahn. Der von den Ländern gemeldete Bedarf übersteige sogar bei weitem die zur Verfügung stehenden Mittel. Die CDU-geführten Länder Baden-Württemberg und Bayern stehen, schon wegen ihrer Bevölkerungszahl, sogar weit vorne auf der Liste. Bayern etwa will zum neuen Schuljahr 495 neue Ganztagsschulen bieten, Baden-Württemberg 369. In Nordrhein-Westfalen sind es sogar 750, Berlin hat 78 angemeldet.

Das Geld vom Bund ist nur für Investitionen gedacht, wobei der Investitionsbegriff, wie Bulmahn betonte, „sehr weit gefasst“ ist. Darunter fällt nicht nur die Einrichtung von Freizeiträumen, Labors und Küchen, sondern auch die Anschaffung von Büchern oder Musikinstrumenten. Zehn Prozent des Investitionsbedarfs pro Schule – durchschnittlich werden 400 000 Euro angesetzt – müssen die Länder zuschießen. Sie tragen auch die Personalkosten und entscheiden, welche Schulen umgerüstet werden und ob ein offener Ganztagsbetrieb eingerichtet wird – Vormittagsunterricht mit freiwilliger Nachmittagsbetreuung – oder ein „gebundener“, in dem sich Unterrichts- und Freizeitphasen über den Tag verteilen.

Das Programm habe eine breite Debatte über pädagogische Qualität angestoßen, meinte Bulmahn. Lehrer, Eltern und Vereine arbeiteten bei den Nachmittagsprogrammen zusammen. Laut einer Umfrage von Infratest dimap würden es 70 Prozent der Eltern begrüßen, wenn es mehr Ganztagsschulen gäbe. Sie erhoffen sich eine bessere Förderung ihrer Kinder und eine leichtere Vereinbarkeit von Beruf und Familie.

Das ist jedoch nicht in jedem Fall garantiert. Ein Beispiel aus Berlin: Die Eltern der Adolf-Glaßbrenner-Grundschule in Kreuzberg, die zur Ganztagsschule umgebaut wird, befürchten sogar eine Verschlechterung der pädagogischen Qualität und eine Einschränkung der Betreuungszeiten. Wenn nämlich der Hort geschlossen werde, sei die Ferien- und Spätbetreuung nicht mehr sichergestellt, und der Personalschlüssel verschlechtere sich. Darüber hinaus seien die Freizeiträume in der Schule ungeeignet, sagt Elternvertreterin Eva Walzik. „Drei zusätzliche Räume für 250 Kinder – das ist absurd.“ Die Überführung der Hortbetreuung in die Schulen sei ein „riesiges Problem“. Allerdings nicht für Bulmahn – denn die Umsetzung des Programms ist Ländersache.

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