Zeitung Heute : Ein Revier für Kultur

Gerd Appenzeller

Essen wird „Kulturhauptstadt Europas 2010“ und hat sich bei der Auswahl gegen das sächsische Görlitz durchgesetzt. Warum hat Essen von der EU-Jury den Zuschlag bekommen?


Ganz einfach: Essen bekam den Zuschlag, weil die Jury ihre eigenen Kriterien ernst genommen hat – und die sind heute weniger an der europäischen Hochkultur orientiert als noch 1985. Seit die griechische Kulturministerin Melina Mercouri die Idee für diese Herausstellung der großen kulturellen Traditionen Europas hatte – und Athen die erste Trägerin dieser ehrenvollen Auszeichnung wurde – geraten mehr und mehr Städte in den Fokus der Aufmerksamkeit, die in den vergangenen Jahrzehnten einschneidenden Veränderungen ausgesetzt waren. Mittlerweile werden weniger die traditionellen Bannerträger der Hochkultur wie Florenz (1986), Paris (1989) oder Madrid (1992) berücksichtigt. Heute sind es Gemeinwesen, in deren Entwicklung sich die großen Brüche des 19. und 20. Jahrhunderts widerspiegeln. Das ist die lange Phase des Übergangs von der industriellen Revolution zur modernen Dienstleistungsgesellschaften. Dafür standen schon Rotterdam (2001), Lille (2004), Cork (2005). Und dafür wird 2008 Manchester stehen, und eben 2010 Essen.

1986 fuhren auf der Zeche Zollverein das letzte Mal Bergleute ein. Damit endete die Essener Bergbaugeschichte mehr als 150 Jahre, nachdem die erste Bohrung niedergebracht worden war. Heute stehen die alten Zechenbauten auf der Liste des Weltkulturerbes – eine überaus segensreiche Aufstellung unter der Obhut der Unesco, die verhindern hilft, dass die Nachgeborenen aus Gedankenlosigkeit oder Geldgier die Denkmale ihrer großen Vergangenheit einreißen. Die Zeche Zollverein ist heute ein weit über die Region hinaus strahlendes kulturelles Zentrum, zusammen mit dem Opernhaus, einer Philharmonie, Museen und zahlreichen bedeutenden Orchestern, Ballettkompanien, Museen und Hochschulen.

Kulturhauptstadt Essen, diese Auszeichnung ehrt nicht nur die Stadt, sondern eine Region von 53 Kommunen, die hinter der Bewerbung standen. Mit den Essenern zitterten 5,3 Millionen Menschen. 600 000 von ihnen haben keinen deutschen Pass, sie stammen aus 140 Nationen, allein 260 000 sind Türken. Eingewandert, als Bergbau und Schwerindustrie in den frühen 60er Jahren Arbeitskräfte suchten. Es war die zweite große Immigrationswelle. Ab 1900 waren eine halbe Million Polen als Malocher gekommen, dazwischen die Italiener, die die Landschaft zwischen Ruhr und Emscher nicht nur mit ihrer Lebensart bunter, leichter und vielfältiger machten, sondern – genau wie danach die Türken – der schwerblütigen deutschen Küche mit ein paar exotischen Anregungen aus den muffigen Pantinen halfen.

Was die Einwanderer der beiden ersten großen Wellen versammelte, waren die katholische Religion, die Taubenzucht, der Fußball und der Gesang. Bis auf die Kirche band alles andere auch die Türken mit ein. Die Region ist heute ein Spiegel der kulturellen Vielfalt, in dem sich Belege der Integration und des Miteinanders besser erkennen lassen als in vielen anderen europäischen Zonen des Übergangs der Ethnien. Der „blaue Himmel über der Ruhr“, von Willy Brandt 1961 als Vision beschworen, ist Wirklichkeit. Wenn Kultur etwas beschreibt, das einer Generation nicht zufliegt, sondern immer wieder neu erarbeitet, erkämpft und verteidigt werden muss – dann ist Essen, ist die Ruhrregion ein würdiger Träger der europäischen Auszeichnung.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!