Zeitung Heute : Ein richtiger Abschied

In Würde und ohne Schmerzen sterben: das Berliner Ricam-Hospiz, ein Ort gegen die Angst

Claudia Keller

Günter Kussatz ist braun gebrannt. Immer, wenn es warm war in den vergangenen Wochen, hat er auf der Dachterrasse gesessen, am liebsten in der Hollywoodschaukel. Jetzt ist der Sommer zu Ende, für ihn war es wahrscheinlich der letzte. Denn hierher, in den fünften Stock in der Neuköllner Delbrückstraße kommen die Menschen, um ihre letzten Monate und Wochen zu verbringen. Manchmal sind es auch nur Tage. „Ich hatte es noch nie so schön wie hier“, sagt Günter Kussatz und erzählt von der engen Wohnung mit der Ofenheizung, in der er gewohnt hat. Man muss nicht reich sein, um hier aufgenommen zu werden. Den Großteil der Kosten übernimmt die Krankenkasse. Für den Rest ist das Sterbe-Hospiz auf Spenden angewiesen. Am Sonnabend gibt es deshalb in der Friedrichstadtkirche am Gendarmenmarkt ein Benefizkonzert.

Tode wie im Film, mit Aufbäumen und Schreien, stirbt hier kaum jemand. Die meisten werden einfach immer schwächer, essen kaum noch und schlafen viel. Irgendwann komme dann „die Muße zum Sterben“, sagt Petra Anwar, Ärztin beim Berliner Home-Care-Projekt, einem ambulanten Team von Palliativmedizinern, das Sterbende zu Hause und im Hospiz betreut. Anwar lindert die Tumorschmerzen von Günter Kussatz, bei anderen Übelkeit und Bewusstseinsstörungen. Kürzlich hatten Forscher der Berliner Charité einen Bericht veröffentlicht, wonach immer mehr alte Menschen Selbstmord begehen aus Angst vor dem Tod und der Unterbringung in einem Heim. Selbstmorde gab es hier noch nie, sagt Anwar. Auch habe noch niemand die Todesspritze verlangt.

Das liegt vor allem daran, dass sich die 32 fest angestellten und 20 ehrenamtlichen Pfleger und Ärzte viel Zeit für ihre 15 Patienten nehmen. Tag und Nacht sind sie da, hören zu, trösten und machen auch mal einen Scherz. Und wenn jemand nicht mehr sprechen kann oder mag, versuchen sie von den Gesichtern und Gesten abzulesen, was sich der Kranke wünscht. Zum Beispiel noch eine Flasche Berliner Kindl. Günter Kussatz kann selbst jetzt, da der Krebs schon überall in seinem Körper ist, das Leben am besten mit Bier und Nikotin genießen. Wenn der 77-Jährige über den Flur schlurft, stört sich niemand an der Bierflasche, die aus seiner blauen ballonseidenen Jogginghose herausschaut. Alkohol kann ein gutes Zusatzmedikament sein, sagt Petra Anwar.

Dieter Weber ist 64 Jahre alt und wohnt seit Anfang September im Ricam-Hospiz. Manche bringen ihre Sessel, Teppiche und Plüschtiere von zu Hause mit. Dieter Weber hat in dem gelb gestrichenen Zimmer mit den hellen Holzmöbeln nur ein paar seiner Lieblingskakteen aufgestellt. Er sei immer ein ruhiger und genügsamer Mensch gewesen, sagt seine Frau. Er selbst kann nicht mehr sprechen, die Metastasen haben Speiseröhre, Kehlkopf und Kieferknochen kaputtgemacht. Der Mensch verändert sich, sagt Frau Weber. Jetzt sei ihr Mann schon mal unduldsam, gebe ihr dann aber durch einen Händedruck zu verstehen, dass es ihm Leid tue. Sie hätten lange Zeit gehabt, um sich auf den Tod vorzubereiten. Als die erste Chemotherapie vor vier Jahren begann, habe ihnen der Arzt gesagt, dass der Tumor nicht zu heilen sei. Jetzt müsse man es bis zum Ende durchstehen. „Wir sind seit 43 Jahren verheiratet, das schaffen wir jetzt auch noch, nicht wahr“, sagt die kleine, zierliche Frau und streicht ihrem Mann kurz über die Hand. Sein Gesicht bleibt unverändert.

Manche Menschen lassen am Ende leichter los, weil sie mit dem Leben zufrieden waren, sagt Petra Anwar, die Ärztin. Wer nicht viel Glück hatte, dem fällt auch der Abschied schwerer. Manche klingeln in den letzten Stunden besonders oft, andere ziehen sich zurück, wollen nicht, dass man ihre Hand hält. Fertige Ideale im Kopf helfen den Betreuern nicht viel, man müsse Zeichen lesen. Während die Frau von Günter Kussatz im Wintergarten ihren Nachmittagskuchen isst, stellt eine Pflegerin zehn Meter weiter eine große Kerze und einen Blumenstock vor eine Zimmertür. Es ist das Zeichen, dass hinter der Tür jemand gestorben ist. Nur eine Woche war der 55-Jährige hier, die Familie war bei ihm, als er die Augen zumachte. Während draußen auf dem Flur mit dem blauen Teppichboden weiter Kaffee ausgeschenkt wird, Besucher lachen und ein paar Kinder herumtollen, beginnen in Zimmer 15 die Abschiedsrituale. Dazu gehört auch eine Feier, in der die Pfleger um das Bett stehen, die Musiktherapeutin spielt ein Lied auf der Gitarre. Nacheinander entzündet jeder ein Teelicht, wer möchte, gibt dem Verstorbenen einen persönlichen Gruß oder eine Erinnerung mit auf den Weg. Morgen wird ein anderer in dem Bett liegen. „Wir gönnen uns einen richtigen Abschied“, sagt Dorothea Becker, die Geschäftsführerin, die das Hospiz vor sechs Jahren gegründet hat. Anders würde man das tägliche Sterben gar nicht verkraften. In den Krankenhäusern könnten sich Schwestern und Ärzte auch mit Ritualen verabschieden. Aber die meisten hätten Angst vor dem Tod. Nicht so in der Delbrückstraße. Hier gelten andere Regeln, sagt eine ehrenamtliche Betreuerin. „Manchmal werde ich ganz neidisch, wenn jemand so stirbt wie dieser Herr heute Nachmittag, gut versorgt und im Kreis seiner Lieben.“

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!