Zeitung Heute : Ein röteres Rot

Labour sehnt sich nach linken Gewissheiten – und beklatscht Tony Blair trotzdem heftig

Matthias Thibaut[Bournemouth]

Auf die Videoleinwand haben sie seine Erfolge projiziert. 50 Errungenschaften der Regierung Tony Blair, von der Erhöhung des Mindestlohns bis zur niedrigsten Arbeitslosenrate seit 27 Jahren. Dann betrat der Labour-Chef Blair die Bühne. Ein triumphaler Einzug war es. Schon wieder eine Rede, von der seine politische Zukunft abhängen soll. Irgendwie scheint es so, als habe die Bühnendekoration im Konferenzzentrum seit der Rede von Schatzkanzler Brown am Montag ein intensiveres Rot bekommen. Die Parteibasis sehnt sich nach dem Irakkrieg und angesichts des Streits um die Reformpolitik nach linken Gewissheiten zurück. Morgen, zum Schluss des Parteitags wollen sie sogar die „Rote Fahne“ wieder singen. Ob Blair überhaupt den Text kennt?

Schatzkanzler Gordon Brown kennt ihn bestimmt, und er wusste, was die Partei hören wollte. „Labour braucht mehr als ein Programm, Labour braucht eine Seele“, rief er in den Saal und ließ keinen Zweifel, dass er die Seele der Partei kennt wie kein Zweiter. „Das wäre ein verdammt guter Premier“, murmelte Parteitagsbesucherin Karen Harris aus Nordostengland, als sie nach Browns Rede aufsprang. Zwei Minuten Beifall. Würde Blair nun wenigstens die Hälfte schaffen?

Schon der Eingangsapplaus war überwältigend. Nie hat ein Labour-Premier so lange regiert, und gleich zu Beginn deutete Blair eine mögliche dritte Amtszeit an. „Es war eine harte Zeit. Man sieht mir mein Alter an“, sagt er. Dann legt er los. „Man wirft uns vor, unsere Regierungsmehrheit nicht genutzt zu haben. Nichts könnte falscher sein.“ Und in glühenden Worten beschreibt er, wie Labour Großbritannien verändert hat. Mehr Krankenschwestern, höhere Löhne im öffentlichen Dienst, Rechte für homosexuelle Paare: „Das ist der Unterschied, den wir in Großbritannien gemacht haben.“ Und dann spricht er von der Härte des Jobs. Und – überraschend – über den Irak. „Viele waren wütend. Ich habe Verständnis für die, die anderer Meinung waren. Aber versucht meine Entscheidung zu verstehen.“ Noch einmal erklärt er die Irakentscheidung, und es gibt Beifall. Auch als er sagt: „Wir, die wir den Krieg angefangen haben, müssen nun den Frieden schaffen. Ohne Saddam wird der Irak ein besseres Land sein.“

Zwei Tage zuvor war Tony Blair im Marriott Highcliff neben einem Gummibaum gesessen und gab mit blendendem Lächeln ein Fernsehinterview: „Es gibt überhaupt keinen Grund, warum wir uns als Land entschuldigen sollten. Wir haben im Irak genau das Richtige getan“, sagte er schon damals.

„Es war wirklich ein strahlendes Lächeln“, sagt Swatambra Nandanwar. Er sitzt im Foyer des Konferenzhotels auf dem Blumenmustersofa, fast genau dort, wo Tony Blair Stunden vorher beim Fernsehinterview saß. Swatambra ist Gemeinderat aus Basildon, der agile Asiate arbeitet für das „Citizen Advice Bureau“ und hat einen der 500000 Jobs, die Labour durch Milliardeninvestitionen in die öffentlichen Dienste geschaffen hat. Mit seiner Plastiktüte voll Labour-Broschüren hat er sich in den innersten Tempel der Macht vorgearbeitet, vorbei an Polizisten mit ihren Maschinenpistolen und durch Sicherheitskontrollen.

„Wir werden uns alle hinter Tony scharen“, sagt Swatambra. „Tony hat die Partei aus der Wüste zurückgeholt. Jetzt muss er uns in der Mitte halten.“ Das Wort des Gemeinderats hat Gewicht, weil er aus Basildon kommt. Wer eine Wahl in Basildon gewinnt, siegt im ganzen Land. Swatambra ist ein Mann der Mitte. 80 Prozent der Labour-Wähler, so eine Umfrage der „Times“, sehen sich als „New Labour“-Wähler. Nur 17 Prozent sehnen sich nach der alten, linken Partei. Das spielt aber in Gordon Browns Rede keine Rolle. 63 Mal benutzte er das Wort „Labour“. Kein einziges Mal „New Labour“.

Wo Brown die Partei mitriss, gab Blair sich staatsmännisch – er sprach nicht nur zu den Parteifreunden, sonden zum ganzen Land. Er griff nicht nur die Sorgen der Labour-Anhänger, sondern die der Briten in einer unsicheren Welt auf. Er sprach nicht nur von der gerechten Gesellschaft, sondern von der Neuordnung der politischen Landschaft. „Wir müssen progressive Politik im 21. Jahrhundert zu dem machen, was konservative Politik im 20. Jahrhundert war. Wir haben eine fantastische Chance. Wir können sie nutzen oder verspielen.“

Brown oder Blair – das ist das Stadtgespräch in Bournemouth. Channel 4 hat mit einem Fernsehdrama die Spekulationen über einen Führungskampf zwischen den beiden geschürt. Zusammen machten Tony Blair und Gordon Brown in den 90er Jahren Labour wieder wählbar. Aber nur einer konnte die Partei führen. Man sieht im Film, wie der charmante Blair den grüblerischen Brown zum Verzicht überredet. „Du wirst dafür die uneingeschränkte Kontrolle über die Wirtschaftspolitik erhalten. Der mächtigste Schatzkanzler, den es je gab“, verspricht Blair im Film. In einem Fernsehinterview sagte der reale Blair: „So einen Deal hat es nie gegeben.“ Als Brown einen Tag später gefragt wird, sagt der: „Ich rede nie über private Gespräche.“ Es klang nach Widerspruch.

Im Highcliff Hotel reicht der „Guardian“ zur Irak-Debatte eine Vespertüte. Mars-Riegel, Apfel, Sandwich. „Leider haben wir großen Mist gemacht“, sagt Clare Short, die wegen des Krieges von ihrem Ministeramt zurücktrat, und für einen Moment hört das Rascheln der Tüten auf. „Unsere Reputation in Europa hat schweren Schaden gelitten, und die USA nehmen auch keine Notiz mehr von uns, da Tony die Weltgemeinschaft nicht hinter Bush scharen konnte.“ Eine Diskussionsteilnehmerin beschreibt den Krieg als den „Elefanten auf diesem Parteitag“. Er stehe bei allen Diskussionen im Zimmer, aber alle tun so, als wäre er nicht da. Aber Clare Short sieht den Elefanten deutlich: „Tony Blair hat die Partei mit dem Krieg tief verletzt. Er muss zurücktreten und uns ermöglichen, dass wir uns erneuern.“

Aber Tony Blair denkt nicht an Rücktritt. Mit seiner Rede schaffte er sich noch einmal Luft. „Ich bin noch der Alte“, sagt er, aber „klüger und innerlich stärker. Die Menschen werden einer Regierung Fehler verzeihen, aber nicht Feigheit vor Herausforderungen.“

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