Zeitung Heute : Ein rotes Tuch

Der Streit um den „türban“ wird für die Türkei zur Richtungsfrage. Die Angst geht um. Erkundungen in einem besonderen Istanbuler Viertel

Thomas Seibert[Istanbul]

Wie eine Staatsfeindin sieht die zierliche Canan nicht gerade aus, aber es sind junge Frauen wie sie, die vielen Menschen in der Türkei große Angst einjagen. Canan ist 19, sie trägt das Kopftuch, sie ist nicht davon abzubringen. Sie verkauft sogar welche. Mit Schrubber und Putzeimer bringt sie an diesem kühlen Februarmorgen ihren winzigen Kopftuchladen im Istanbuler Stadtteil Fatih auf Vordermann. In Regalen an den Wänden stapeln sich flache Pappschachteln mit bunten Tüchern bis unter die Decke.

Es ist ein günstiger Ort für einen Laden wie diesen. Frauen in Kopftüchern bestimmen das Bild auf den Straßen von Fatih, einem besonders frommen Teil Istanbuls. Auch Frauen im schwarzen Ganzkörperschleier, dem „Carsaf“, gehören zum Straßenbild. „Klein-Saudi-Arabien“ sei das hier, spottet eine der wenigen Frauen im Viertel, die kein Kopftuch trägt.

Canan, die Verkäuferin, verhüllt ihr Haar mit einem roten „türban“, jenem besonders streng geknüpften Kopftuch, das als Erkennungszeichen des politischen Islam gilt. Ein rotes Tuch, in jeder Hinsicht. Sie trägt den „türban“ erst seit einem Korankurs vor einem halben Jahr. Sie sagt, der Kurs sei für sie ein religiöser Wendepunkt gewesen. Daheim sind Mutter und Schwester dagegen, dass Canan sich verhüllt. Sie aber sagt, es sei nun einmal ein Befehl Gottes.

Bisher durften Frauen mit Kopftuch nicht in die Universitäten der Türkei, doch das will Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan ändern. An diesem Mittwoch berät das Parlament über eine entsprechende Verfassungsänderung. Anfang März könnten die ersten Kopftücher in Hörsälen auftauchen.

Erdogan spricht vom Recht auf Bildung für alle. Seine Gegner aber fürchten eine Islamisierung des Landes. Kopftücher sind an den türkischen Unis verboten. Das Verfassungsgericht stuft sie als Zeichen des islamischen Fundamentalismus ein. Wenn das Kopftuch jetzt freigegeben werde, dann sei das ein islamistischer Dammbruch, sagen die Kemalisten, die sich auf Staatsgründer Mustafa Kemal Atatürk und dessen Vision von einem laizistischen Land berufen.

Das sehen viele so. Mehr als hunderttausend Menschen gingen am vergangenen Wochenende in Ankara auf die Straße, um gegen Erdogans Pläne zu demonstrieren. Mit türkischen Fahnen, dem Ruf „Mullahs ab in den Iran“ und Atatürk-Postern versammelten sich die Kemalisten am Mausoleum des Staatsgründers.

Dass hunderttausende Türkinnen wegen ihrer Kleidung bisher nicht studieren dürfen, kümmert die Kemalisten nicht. Sie befürchten, dass junge Frauen ohne Kopftuch künftig unter Druck geraten werden. Druck gebe es doch längst, sagt die Verkäuferin Canan. Nur litten bisher Kopftuchfrauen wie sie selbst darunter. Sie sagt, es gehe ihr nur um Kopftücher. Den Ganzkörperschleier, Requisit besonders gläubiger Frauen, die einen radikalen Islam repräsentieren, lehne sie ab.

Nachdenkliche Stimmen haben es schwer in diesem Konflikt. Die Fronten sind verhärtet. Die linksliberale Zeitung „Radikal“ schrieb soeben, inzwischen habe jeder in der Türkei Angst vor jedem. Esra Gökcay zum Beispiel findet, dass es gute Gründe gibt, Angst zu haben.

Gökcay ist Damenfriseurin mit eigenem Laden und so etwas wie ein Paradiesvogel in Fatih. Die 39-Jährige trägt ihr kurzgeschnittenes, blond gefärbtes Haar offen, und sie macht keinen Hehl daraus, dass sie die Superfrommen in ihrem Viertel nicht mag. „Ich habe den Koran gelesen“, sagt Gökcay und klopft sich die abgebrochene Asche ihrer Zigarette von der Hose. „Danach ist es für eine Frau sogar eine Sünde, mit einem Mann zu reden. Dann sollen sie doch alle zu Hause bleiben!“ Gerade wollte die Schule ihrer elfjährigen Tochter durchsetzen, dass die Röcke der Mädchen bis zu den Waden verlängert werden. Die Schulvorschriften sehen eine Rocklänge nur bis zum Knie vor. Gökcay protestierte. Der Rock ihrer Tochter blieb, wie er war. Sie weiß, dass der grundsätzliche Kampf damit noch nicht ausgestanden ist. Auf lange Sicht werde das nicht gut gehen mit der Türkei, sagt Gökcay. Deshalb hat sie sich um eine amerikanische Green Card beworben.

Was Menschen wie Gökcay fürchten, freut Asiye Yildirim. Die Modedesignerin und Kopftuchträgerin arbeitet nur eine Straßenecke von Gökcays Friseurladen entfernt in der schicken Kopftuch- Boutique „Armine“. Yildirim weiß, was es bedeutet, vier Jahre lang jeden Tag vor der Uni das Kopftuch auszuziehen und es nach dem Unterricht wieder aufzusetzen: die Verachtung von Professoren und Dozenten für die Kopftuchträgerinnen und andererseits die Angst davor, von einem Bekannten barhäuptig gesehen zu werden. Ohne ihr Kopftuch fühlt sie sich nackt, zur Schau gestellt. „Das war so schlimm, dass ich froh bin, wenn das anderen erspart bleibt.“

Heute entwirft Yildirim ihre eigenen Kopftuchmodelle, sie bereitet mit einer Kollegin die Sommersaison vor. Helle, lichte Farben werden die Seidentücher haben. Dass sich die Türken so heftig über die Tücher streiten, ist der Kollegin überhaupt nicht recht. „Das“, sagt sie mit einem Seufzer, „ist eine Prüfung Allahs.“

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