Zeitung Heute : Ein Schaf, zwei Böcke und Futter

Ungewöhnliche Anschubfinanzierung für Frauen in Burkina Faso

Rolf Brockschmidt

Burkina Faso rangiert auf der aktuellen UN-Rangliste der menschlichen Entwicklung auf Position 175 von 177 gewerteten Ländern. Die Familien in den ländlichen Regionen haben gerade einmal 60 Euro pro Kopf pro Jahr zur Verfügung, das sind pro Monat fünf Euro. Keine gute Perspektive für alleinstehende Frauen, Witwen und verlassene Kinder. Sie sind die Schwächsten der Gesellschaft.

Diese scheinbar ausweglose Situation hat eine Gruppe von Menschen, darunter viele Lehrer, aus der Stadt Ouahigouya im Norden des Landes auf die Idee gebracht, etwas zu unternehmen, um vor allem den sechs- bis achtjährigen Kindern, die immer häufiger in die Stadt kamen, zu helfen. 1995 gründeten sie ADEFAD (Association d’Aide aux Enfants et aux Familles Démunis/Verein zur Hilfe für bedürftige Kinder und Familien). Was diese 20 Vereinsmitglieder einschließlich der vier Angestellten seit dieser Zeit auf die Beine gestellt haben, ist beachtlich.

Möglich wurde dies, weil terre des hommes dieses bürgerschaftliche Engagement von Anfang an unterstützt hat. Es ging nicht darum, die Ärmsten mit Lebensmittel oder anderen Hilfsgütern zu versorgen, sondern es war von Anfang an der Ansatz des Vereins, die Mütter in die Lage zu versetzen, Geld zu verdienen, um so den Kindern eine Schulbildung zu ermöglichen. Der Schulbesuch in Burkina Faso kostet Geld und mit den Erträgen der Felder kann man noch nicht einmal die eigene Familie ernähren, geschweige denn, auf dem Markt etwas verkaufen.

Hier setzte ADEFAD an. Ziel war es, rund 440 Müttern aus acht Dörfern um Ouahigouya eine Perspektive zu bieten. Zu Beginn des Projektes bekamen 30 Frauen aus dem Dorf Boursouma und 20 Frauen aus dem Dorf Soumiaga als „Anschubfinanzierung“ zwei Hühner, einen Hahn und ein weibliches Schaf. Mit Hilfe eines Kredits mit einer Laufzeit von zwölf Monaten wurde ihnen ferner jeweils zwei Schafsböcke und drei Säcke mit Kraftfutter zugeteilt. Mit dem Kraftfutter wurden die Böcke gemästet und nach einem Jahr verkauft, die weiblichen Schafe wurden zur Zucht genommen. Schon der Verkauf der gemästeten Böcke hat den Frauen so viel Geld eingebracht, dass sie einerseits ihren Kredit zurückzahlen konnten und andererseits schon das Schulgeld für ihre Kinder bezahlen konnten. Der Gewinn lag nach der ersten Rückzahlung bereits zwischen 90 und 150 Euro. Bisher hatten die Frauen im Monat zwischen drei und fünf Euro pro Kopf zur Verfügung. Ein Schaf kostet etwa 30 Euro. Damit sind die Dimensionen des Erfolgs deutlich.

Im folgenden Jahr kaufte ADEFAD von dem zurückgezahlten Geld wiederum zwei junge Schafsböcke und drei Säcke mit Kraftfutter. Das gleiche Verfahren wiederholte sich ein drittes Mal.

Inzwischen haben die Frauen eine eigene stattliche Schafherde aufgebaut, genügend Geld verdient, um ihre Kinder dauerhaft zur Schule zu schicken und nebenbei noch Geld für die Zukunft gespart. Es werden keine Almosen gewährt, sondern eine Starthilfe zur Selbsthilfe. Das hilft den Ärmsten der Armen, ihre Würde zu bewahren und ein selbstbestimmtes, erfolgreiches Leben zu führen. Insgesamt sind in den ersten drei Jahren über 500 Kinder eingeschult worden, mehr als 440 Frauen wurden mit diesem Projekt erreicht. Interessanter Nebeneffekt: Die Frauen bleiben dem Verein verbunden, helfen mit, andere Frauen zu informieren und aufzuklären.

Hilfe bekommen die Frauen von den vier Mitarbeitern des Vereins: Ein Koordinator, eine Buchhalterin, eine Außenmitarbeiterin und ein Wächter vergeben die Kredite, sammeln das Geld ein, wählen die Tiere aus und impfen sie. Auch die Frauen, die mit einem Pflug, einem Ochsen und 14 Säcken Erdnüsse begonnen hatten, sind jetzt erfolgreich und können ihre Familien versorgen. 80 Prozent der Frauen können sich nun im Gegensatz zu früher drei Mahlzeiten am Tag leisten.

Die Frauen sind stolz auf das, was sie erreicht haben. Von daher ist es auch kein Wunder, dass sie ihre Kredite pünktlich zurückzahlen. Und auch der Schulbesuch ihrer Kinder macht sie stolz, so stolz, dass sie ihnen in Aorèma sogar eigene Schuluniformen genäht haben. terre des hommes hat mit rund 90 000 Euro Projektfinanzierung für ADEFAD einen Stein ins Rollen gebracht.

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