Zeitung Heute : „Ein Schaufenster des Weltwissens“

Warum braucht Berlin ein Stadtschloss, Herr Tiefensee? Der Bauminister über Ballast und Fassaden der Geschichte

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Im Zentrum Berlins haben preußische Könige mit Schlössern und später die DDR-Führung mit einem „Palast“ Symbole der Macht errichtet. Sie wollen dort nun eine abgespeckte Schlossvariante errichten. Eine Botschaft von Bescheidenheit und Sparsamkeit?

In der Mitte Berlins – unmittelbar neben der historischen Museumsinsel – soll ein Zentrum der kulturellen Begegnung entstehen. Ein Ort, an dem außereuropäische Kultur der neuen Welt und europäische Kultur der alten Welt zusammentreffen. Hier werden die Besucher Kultur nicht nur im herkömmlichen Sinn rezipieren, also betrachten können. Es geht um Begegnung, um einen Marktplatz der Debatte, um ein Forum des demokratischen Diskurses. Wir wollen kein Schloss um des Schlosses willen wiederaufbauen. Es soll ein Forum, das Humboldt-Forum, entstehen. Alles, was sich diesem Gedanken nicht einordnen will, haben wir deshalb aus unseren Planungen herausgenommen. Ja, das spart Kosten und genügt dennoch höchsten Ansprüchen. Das Hotel zum Beispiel schien uns anfangs eine willkommene Möglichkeit zur Verbindung von öffentlichem Interesse und privater Nutzung. Auch finanzielle Aspekte im Sinn öffentlich-privater Partnerschaft spielten eine Rolle. Bei genauerer Betrachtung benötigt dieser Ort für sein Selbstverständnis aber kein Hotel und auch keine üppige Tiefgarage, und in finanzieller Hinsicht ist das Überfrachten des Humboldt-Forums mit anderen Funktionen dem Projekt sogar abträglich. Wir haben die ursprünglichen Pläne also nicht abgespeckt. Wir haben allen Ballast abgeworfen, um uns auf das Wesentliche konzentrieren zu können.

Ein Louvre Unter den Linden?

Kein Louvre, eher ein Musée du quai Branly. Dieses Museum, das am 20. Juni 2006 in Paris eröffnet wurde, zeigt und erforscht Kulturzeugnisse außereuropäischer Gesellschaften. In dem halben Jahr seit seiner Eröffnung hat das Haus bereits über eine Million Besucher gehabt und ist damit zweifellos zu einem kulturellen Zentrum Frankreichs geworden. Das Humboldt-Forum soll eine ähnliche Funktion für Deutschland bekommen – im historischen Kontext und gleichzeitig modern und in unmittelbarer Nähe zur Museumsinsel. Dort können wir künftig einzigartige Zeugnisse der Kunst und Kultur Afrikas, Asiens und Amerikas zeigen. Das wäre ein Schaufenster des Weltwissens und der Weltkulturen in der Tradition Humboldts.

Warum benötigt ein solch moderner Ort eine historisierende Kubatur und auch eine Schlossfassade?

Wir wollen nicht allein ein modernes Museum errichten, sondern einen Ort, an dem die Geschichte erlebbar wird, die sich genau dort abgespielt hat. Das Stadtschloss ist Teil dieser Geschichte. Als es dort stand und auch, als es dort nach dem Zweiten Weltkrieg abgerissen wurde. Auch das Gebäude, das jetzt gerade dort abgerissen wird, der Palast der Republik, ist ein Teil dieser deutschen Geschichte, die ablesbar sein muss.

Dem Bund wird vorgeworfen, Ostdeutsches abzureißen und damit die Machtübernahme des Westens zu dokumentieren.

Der Abriss des Gebäudes darf nicht als Zeichen dafür in der Erinnerung der Menschen bleiben, dass über 40 Jahre DDR-Geschichte einfach hinweggegangen wird. Der Anknüpfungspunkt für das Forum ist nicht 1918 oder 1950, sondern das Jahr der friedlichen Revolution in der DDR. Ohne 1989 gäbe es die jetzigen Pläne nicht. Es wäre deshalb falsch, diese Epoche Deutschlands im Zentrum des wiedervereinten Deutschlands auszuklammern. Die Fassaden der West-, Süd- und Nordseite des Gebäudes werden im Architekturwettbewerb weitgehend festgelegt sein und sich am Bild des ehemaligen Stadtschlosses orientieren. Anders ist das bei der Ostseite, also der Seite, die sich zur Spree öffnet. Dort wollen wir den Architekten im Wettbewerb die Möglichkeit geben, mit zeitgenössischer Architektur auch den Palast der Republik gestalterisch zu zitieren. Ich bin sehr gespannt, wie das gelingen wird. Für mich wäre es eine faszinierende Möglichkeit, eine geschichtliche Brücke zwischen der alten Architektur des HohenzollernSchlosses und dem 21. Jahrhundert zu bauen.

Dann hätte man den Palast nicht abreißen sollen?

Nein, der Abriss dieses asbestverseuchten Gebäudes bietet uns erst die Voraussetzung zum Bau des Humboldt-Forums. Wir verfolgen ein klares inhaltliches Konzept. Es geht um internationale Kultur und die Einbettung europäischer und deutscher Kultur darin. Lesungen, Diskussionsrunden, Theater, Film und Musik werden das Zentrum der Stadt wieder mit Leben füllen. Deshalb kann an diesem Ort die Zeit auch nicht einfach zurückgedreht werden. Wir dürfen bei einer Neubebauung nicht so tun, als ob wir ein Schloss des 19. Jahrhunderts verloren haben, das wir nun wiederaufbauen. Bei aller Lächerlichkeit – Stichwort Erichs Lampenladen – und aller Protzigkeit ist und bleibt auch der Palast der Republik ein Stück DDR-Geschichte, die diesen Ort geprägt hat. Das darf man bei der Planung für einen Neubau nicht unberücksichtigt lassen. Die DDR darf man dort nicht wie eine Seite aus einem Buch herausreißen. Mein Verständnis von Architektur ist es, dass sie eine solche politische Entwicklung erlebbar macht.

Betrifft das auch den ehemaligen Volkskammersaal?

Die Einrichtung, das Mobiliar dieses Saales, der Unfreiheit und Diktatur genauso repräsentiert wie den Weg des Volkes in Freiheit und Demokratie, könnte dort wieder erlebbar werden, wo er einst zu finden war. Darüber lohnt eine Diskussion. Ich sehe das als spannenden Rahmen für das künftige Humboldt-Forum und bin sehr gespannt auf die öffentliche Debatte über das Bauwerk und seine Nutzung, die in diesem Jahr beginnen wird. Schon in diesem Jahr könnten wir einen Architektenwettbewerb ausloben, dessen Ergebnisse uns bereits 2008 vorliegen könnten und dann hoffentlich zu einer vielfältigen Debatte führen werden.

Warum wollen Sie auf einen Kuppelbau verzichten?

Ich will auf den Bau einer Kuppel nicht verzichten. Obwohl man daran erinnern muss, dass das Schloss lange Zeit ohne Kuppel stand. Auch an diesem Punkt werden sich Architekten und Öffentlichkeit mit der Frage beschäftigen müssen, wie mit der Geschichte des Ortes umgegangen wird. Ein Weg könnte sein, bei der Ausschreibung diese Frage offen zu halten. Klar ist, dass ein Kuppelbau den finanziellen Rahmen des Projektes nicht sprengen darf. Wir schätzen die Kosten der Kuppel auf rund 13 Millionen Euro. Das ist eine beachtliche Summe, die die Fantasie der Architekten hoffentlich so beflügelt, dass wir das Humboldt-Forum mit Kuppel, aber ohne Kostenüberschreitung errichten können. Auch der Reichstag sollte seinerzeit aus Kostengründen ohne Kuppel saniert werden. Und heute gehört die moderne Kuppel zu den bewundertsten und meistbesuchten Bauwerken Berlins. Ganz anders sieht das bei der Überdachung des Schlüterhofes aus, die zurzeit den Kostenrahmen definitiv sprengen würde.

Wie sieht Ihr Zeitplan für den Bau aus?

Der Zeitplan ist ehrgeizig. Wir möchten 2010 mit dem Bau beginnen und 2013 damit fertig sein. Einen Beschluss in Kabinett und Parlament streben wir deshalb noch in diesem Jahr an. Bundesfinanzminister Peer Steinbrück steht unserem konzentrierten Entwurf positiv gegenüber. Abgeordnete signalisieren mir, dass wir auf dem richtigen Weg sind.

Wer wird bezahlen?

Wir rechnen mit rund 480 Millionen Euro Kosten, die zum größten Teil der Bund finanzieren wird. Ich bin sehr zuversichtlich, dass Herr von Boddien sein Angebot, 80 Millionen Euro Spenden zu sammeln, einlösen wird. Und wir erwarten neben dem Grundstück einen Millionenbetrag vom Land Berlin.

Die Stiftung hat noch längst nicht so viel Geld eingesammelt, um rasch 80 Millionen Euro bereitstellen zu können.

Es ist denkbar, eine Summe von rund 50 Millionen Euro vorzufinanzieren, damit der Bau zügig realisiert werden kann.

Die Berliner Koalition will kein Geld in den Aufbau des Schlosses zugeben.

Ich habe bereits die Zusage des Regierenden Bürgermeisters, mit dem Koalitionspartner Linkspartei noch einmal darüber zu sprechen, ob sich das Land nicht doch finanziell engagiert. Ein solches Engagement – das weiß der Berliner Senat – ist eine Voraussetzung für den Bau des Humboldt-Forums in der Hauptstadt.

Das Gespräch führten Antje Sirleschtov, Gerd Appenzeller und Klau Kurpjuweit.

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