Zeitung Heute : Ein Scherz und eine Seele

DEUTSCHES THEATERSchön lakonisch: Samuel Finzi und Wolfram Koch in „Der Mann ohne Vergangenheit“

CHRISTINE WAHL

Unvergessen, wie Samuel Finzi und Wolfram Koch in Dimiter Gotscheffs „Iwanow“-Inszenierung als alte Streberfreunde an der Rampe hocken. „Wir sind ja beide Akademiker, wir sind ja beide liberal“, versichern sie sich – Finzi mit Rasputin-Bart, Koch mit ausgepolstertem Wohlstandshüftspeck – ihrer Seelenverwandtschaft. Weil aber Liberalismus nicht in jedem Fall vor Depression schützt, setzen Koch und Finzi kurz darauf zu einem unglaublich albernen, tieftraurigen Veitstanz an: eine Mischung aus kindlich-hysterischer Regression und glasklarem Vergeblichkeitsbewusstsein, die nach wie vor Exklusivcharakter hat auf deutschen Bühnen.

Seit dieser Inszenierung, die mittlerweile im sechsten Jahr an der Volksbühne läuft, behaupten viele Theaterfans, dass sie sich von Finzi und Koch sogar das Telefonbuch vorspielen lassen würden: Wenn jemand aus „Meier, Müller, Schulze“ komplexe Charaktere herausholen kann, dann dieses in sämtlichen Feuilletons gefeierte Bühnen-Traumpaar! Dabei geht es diesmal ausnahmsweise gar nicht um Müller. Sondern um Kaurismäki. Dimiter Gotscheff, der geistige Heiner-Müller-Erbe, bringt den Cannes-Gewinnerfilm „Der Mann ohne Vergangenheit“ von 2002 auf die Bühne. „Aki Kaurismäki ist ein großer Verehrer von Heiner Müller“, wirft Finzi ein klärendes Licht auf Gotscheffs Stoffwahl. Die Geschichte, wie sich der finnische Filmemacher und der deutsche Dramatiker einst nach einem Müller-Gastspiel in Kaurismäkis Bar in Helsinki trafen, scheint ein wesentlicher Probenbestandteil zu sein. „Müller sitzt schon da, mit seiner Zigarre“, erzählt Finzi die Anekdote. „Dann kommt Kaurismäki, setzt sich dazu, und eine halbe Stunde lang fällt kein einziges Wort. Sie rauchen, sie trinken, und irgendwann macht Kaurismäki plötzlich so.“ Finzi lässt elegisch seinen Kopf auf Kochs Schulter sinken. Darauf Müller, wiederum um einiges später, aber dafür in tiefstem Einverständnis: „Hmmm.“ „Und das war’s“, lacht Koch. „Ist doch großartig, oder? Wir spielen praktisch das ,Hmmm’ von Heiner Müller!“

Der finnische „Mann ohne Vergangenheit“, in dem Wolfram Koch exklusiv den Titelhelden und Samuel Finzi „mehrere andere Figuren“ verkörpert, wird also auch beim Bulgaren Gotscheff eine eher schweigsame Angelegenheit werden. „Das Stück ist doch total still“, schwärmt Koch und outet sich als Fan lakonischer Kaurismäki-Interviews. „Auf die Frage, warum in seinen Filmen so viel geraucht wird, sagt Kaurismäki immer: Finnische Männer sind schüchtern, denen musst du eine Kippe in die Hand geben, damit sie überhaupt was zu erzählen haben.“ Und weil das allen Beteiligten unmittelbar einleuchtet, kann es durchaus passieren, dass man mit Finzi und Koch hoffnungslos in finnische Brauchtümer abdriftet. „Gummistiefelweitwurf“, ruft Koch begeistert. „Mir ist das ja sehr sympathisch, wenn sich erwachsene Menschen einmal im Jahr treffen, um Nokia-Gummistiefel um die Wette zu schmeißen!“ Im Gegensatz zur finnischen Tourismusbehörde, die Kaurismäki mal wegen vermeintlich schlechter Landes-PR angezeigt habe, bestärkt diese Sportdisziplin Wolfram Koch jedenfalls in der Annahme, dass der Filmemacher mit seinem Finnlandbild absolut recht hat.

Auch wenn sein „Mann ohne Vergangenheit“ mitnichten stolpersteinfrei ist. Die hochsymbolische Parabel, in der ein Mittvierziger sein Gedächtnis verliert und in einer Containerstadt vor Helsinki dank gutherziger Unterschichtler und der Liebe zu einer Heilsarmistin Heilung findet, kann man, so Finzi, bei mangelndem Augenmerk schnell als „Ethno-Sozialkitsch“ missverstehen. Aber für schnöde Nacherzählungen haben sich Gotscheff und seine hochintelligente Schauspielerriege bekanntlich noch nie interessiert. „Wenn ich Mitko richtig verstanden habe“, sagt Finzi, „geht es ihm um elementare Dinge: Arbeit, Liebe, Erinnerung.“ CHRISTINE WAHL

Premiere 10.12., 19.30 Uhr

Weitere Vorstellungen 11., 17. und 18.12.

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