Zeitung Heute : Ein Schiff wird kommen - vielleicht

Der Tagesspiegel

Da, wo das Schiff liegt, kommt nicht mehr viel nach. Ein Schiffsfriedhof, irgendwo am Rand von Budapest. Auch die „Petöfi“ sieht nicht so aus, als hätte sie noch eine Zukunft: Der riesige, 1923 gebaute Raddampfer wirkt wie ein vergessenes Wrack. Doch Sabine Kidrowski, die ihn nach langer Suche entdeckt hat, lässt sich davon nicht stören: Sie will ihn nach Berlin bringen und damit in der hiesigen Binnenschifffahrt einen neuen gastronomischen Akzent setzen.

Dafür wird freilich noch ein mutiger Betreiber gesucht, denn Sabine Kidrowski ist Maklerin, spezialisiert auf Gastronomie. Sie hat entdeckt, was an sich kein Geheimnis ist: Die Dampfer, die durch Berlin und drumherum tuckern, bieten viel zu wenig Platz für gehobene Gastronomie, und sie versprühen einen spröden Plastik-Charme, der anspruchsvolle Gäste nicht zum Einsteigen animiert. Da käme ein Raddampfer gerade recht, meint die Maklerin, und zwar ein echter, der richtige Antriebsräder hat und nicht nur Attrappen.

Die „Petöfi“ ist ein solcher Dampfer. Obwohl sie nicht betriebsbereit ist, existieren bereits detaillierte Rekonstruktionspläne, die sich am Original-Erscheinungsbild von 1923 orientieren. 1990 wurde der Schiffskörper in Jugoslawien bereits repariert, dann stockten die Arbeiten - bis jetzt. Der Clou des 65 Meter langen und acht Meter breiten Schiffs ist neben der historischen Optik der große, hohe Saal, der sich für Bälle mit mehreren hundert Gästen eignet. 400 Menschen passen bei Kreuzfahrten an Bord, Restaurantplätze gibt es für 350. Das Antriebssystem wird nach der Rekonstruktion im Wesentlichen dem Original entsprechen, mit Ölfeuerung und Dampfmaschine

Petöfi - das ist der Name des ungarischen Nationalhelden Sandor Petöfi, der als Dichter, bürgerlicher Revolutionär und Vorkämpfer zugleich Ruhm erntete. Er verschwand im Kampf gegen die Österreicher im Alter von nur 25 Jahren ohne Spur, Grundlage eines echten nationalen Mythos. Allein in Budapest sind 18 Straßen und Plätze nach ihm benannt.

Die Budapester Staatswerft findet sich, wie Sabine Kidrowski sagt, zu kulanten Bedingungen bereit. Sie will das Schiff auf eigene Kosten restaurieren, dann aber nicht verkaufen, sondern möglichst verpachten - auf den Betreiber kämen also neben der Pacht zunächst nur Überführungskosten, schätzungsweise 50000 Euro, zu. Verfügbar wäre die „Petöfi“ frühestens in der Sommersaison 2003. Sabine Kidrowski gibt Auskunft unter der Rufnummer 0172-47011 90. xx

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