Zeitung Heute : Ein Schmerz, der bis ins Bein fährt

Der Bandscheibenvorfall ist ein häufiges Rückenleiden. Bis zu 80 000 Menschen lassen sich jedes Jahr operieren

Elke Binder

Am Anfang war nur ein Ziehen im Kreuz. Robert K. ignorierte es jahrelang. Denn die Rückenschmerzen traten nur gelegentlich auf. Doch eines Tages, als der damals 37-Jährige einen schweren Gegenstand hob, zog ein stechender Schmerz in das linke Bein. Die Diagnose: Bandscheibenvorfall.

Rückenschmerzen sind eine Volkskrankheit. „Nahezu alle Menschen leiden wenigstens ein Mal im Leben darunter“, sagt Ralf Wittenberg von der Deutschen Gesellschaft für Orthopädie. „Etwa 30 Prozent der Erwachsenen haben sogar regelmäßig Beschwerden.“ So sind Erkrankungen von Muskeln und Skelett auch der häufigste Grund für eine Krankschreibung. Nicht selten müssen Betroffene früher in Rente gehen.

Dabei sind es nicht immer die Bandscheiben wie bei Robert K. Bei vier von fünf Patienten kann der Arzt trotz starker Schmerzen keine krankhaften Veränderungen von Knochen, Nerven oder Muskeln erkennen. Die Schuld trägt der Patient meist selbst: Schlechte Haltung und zu wenig Bewegung sind für die „unspezifischen“ Beschwerden verantwortlich.

Dauern die Kreuz- oder Nackenschmerzen dennoch unvermindert an, liegt es fast immer am Verschleiß. So werden die Bänder und Sehnen, welche die Wirbelsäule zusammenhalten, mit zunehmendem Alter nachgiebig. Außerdem verursachen Arthrosen, bei denen auch die kleinen Wirbelsäulengelenke abnutzen, einen großen Teil der chronischen Schmerzen.

„Wenn die Schmerzen aber in ein Bein ausstrahlen, dann deutet das auf einen Bandscheibenvorfall hin“, sagt Mario Brock, Direktor der neurochirurgischen Klinik am Berliner Universitätsklinikum Benjamin Franklin. Das trifft nicht nur alte Menschen – im Gegenteil: Am häufigsten tritt ein Vorfall im Alter zwischen 25 und 45 Jahren auf.

Die Wirbelsäule verdankt ihre Beweglichkeit vor allem den Bandscheiben. Wie Stoßdämpfer sitzen diese zwischen den Wirbeln und federn beim Gehen oder Springen die Stöße ab. Der gallertartige Puffer im Kern der Scheiben ist von einem Faserring umgeben. Der Ring kann mit der Zeit brüchig werden. Mit schmerzhaften Folgen: Die Kernmasse quillt hervor und kann auf einen Rückennerv drücken sowie Entzündungen verursachen.

Die meisten Bandscheibenvorfälle treten im Bereich der Lendenwirbel auf. Dort reizen sie die Nervenwurzeln, die in die Beine ausstrahlen. So können die Bandscheiben auch einen „Hexenschuss“ verursachen. Normalerweise entstehen diese Schmerzen, wenn die Wirbelgelenke durch eine falsche Bewegung plötzlich blockiert werden. Durch Röntgen, Computer- und Magnetresonanztomographie kann ein Bandscheibenvorfall aber eindeutig diagnostiziert werden.

Doch wer unter starken Schmerzen der Bandscheiben leidet, dem droht nicht zwangsläufig eine Operation. Nur zehn Prozent der Vorfälle müssen unters Messer. Auch Robert K. half zunächst eine „konservative“ Behandlung: einige Tage Bettruhe, Wärme und Schmerzmittel. Tatsächlich verschwinden so bei zwei Drittel der Patienten die Beschwerden. Der Nerv gewöhnt sich an die Einengung; mitunter bildet sich auch die ausgetretene Bandscheibe wieder zurück.

Wenn die Schmerzen jedoch nicht nachlassen oder wiederkehren, bleibt oft nur eine Operation. Bis zu 80 000 Menschen lassen sich jedes Jahr in Deutschland operieren. Schwerwiegende Symptome, wie Lähmungen oder Schwierigkeiten beim Wasserlassen, machen das sogar umgehend notwendig. Wie bei Robert K.: Acht Jahre nach seiner ersten Behandlung wachte er eines Nachts durch einen elektrisierenden Schmerz im linken Bein auf. Er konnte nur in einer gebückten Haltung verharren, durch die Nerveneinklemmung war der linke Unterschenkel taub, der Fuß gelähmt.

Bei schwierigen Bandscheibenvorfällen wird konventionell operiert. In den Rücken wird ein mehrere Zentimeter großes Loch geschnitten und die Bandscheibenvorwölbung mit dem Skalpell entfernt. „Die Methode der Wahl ist heute jedoch der mikrochirugische Eingriff“, sagt Rainer Klötzer, der am Evangelischen Krankenhaus Hubertus in Berlin operiert. Dabei werden die Instrumente über einen zwei Zentimeter kleinen Schnitt eingeführt. Das hat Vorteile: Die Muskeln werden nicht beschädigt und der Patient kann schon nach wenigen Tagen die Klinik verlassen.

Die meisten Operationen sind erfolgreich, doch ein Restrisiko bleibt. Bei jedem zehnten Patienten halten die Schmerzen nach dem Eingriff an, bei weiteren zehn Prozent werden sie schlimmer. Denn die Narben können wuchern und auf die Nerven drücken, zudem kann das Rückenmark verletzt werden.

In den letzten Jahren wurden deshalb große Hoffnungen auf die „Schlüsselloch-OP“ gesetzt. Der Chirurg setzt einen nur sechs Millimeter kleinen Schnitt. Ein eingeführtes Endoskop gibt den Blick auf das Operationsfeld frei. Das Risiko ist gering und der Patient kann die Klinik am gleichen Tag verlassen. Doch der minimalinvasive Eingriff kann nur bei einfachen Fällen durchgeführt werden. Immerhin: „Das sind von 100 Bandscheibenvorfällen etwa 20“, sagt Klötzer.

Es gibt auch Operationen, die sehr umstritten sind. Brock warnt vor der „Katheter-Methode“: Über einen Schlauch werden in den Wirbelkanal Mittel eingespritzt, welche die Vorwölbung auflösen sollen. Dabei ist die Gefahr, dass Nerven beschädigt werden und Lähmungen auftreten besonders groß. Ein Verfahren, bei dem die Bandscheiben mit einem Laser verdampft werden, ist nach Ansicht des Berliner Neurochirurgen ebenfalls keine sinnvolle Alternative: „Der Laser macht dasselbe wie ein Skalpell, er ist nur teurer.“

Im Gegensatz zum Rückenschmerz, der die Folge einer falschen Haltung ist, kann man einem Bandscheibenvorfall nicht unbedingt vorbeugen. „Es ist letztlich eine Sache der Veranlagung“, sagt Brock. Dennoch: Bewegungsmangel und Übergewicht begünstigen die Erkrankung. Deshalb darf auch ein Patient mit Bandscheibenschaden nicht ruhen. Für die Nachbehandlung gilt: Krankengymnastik und viel Bewegung.

Weitere Infos im Internet unter:

www.wirbelsaeulenzentrum-berlin.de

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