Zeitung Heute : Ein schwarzweißer Regenbogen

Südafrikaner wählen noch immer emotional - und dennoch hat sich in den letzten zehn Jahren der Demokratie bereits viel verändert

John Matshikiza

„Everybody wants to ask a question / But nobody wants to hear a lie; / Everybody wants to go to heaven / But nobody wants to die …“ (Jeder will eine Frage stellen / Aber niemand will eine Lüge hören; / Jeder will in den Himmel kommen / Aber niemand will sterben)

Dieser Vers von einer Albert King-Vinylplatte, die ich während der ruhelosen Wanderungen des Exils ewig mit mir herumgeschleppt habe, kommt mir in den Sinn, wenn ich darüber nachdenke, wo wir in Südafrika zehn Jahre später stehen – nachdem die Schüsse und das Geschrei verklungen, die Verbannten heimgekehrt sind (die meisten jedenfalls) und ein unbehaglicher Frieden über dem Beloved Country liegt.

Es gibt auch eine wunderbare Stelle (unter vielen) im Theaterstück „Woza Albert“, in der eine der Figuren, ein Afrikaner (gespielt von einem Schwarzen, der eine weiße Clownsnase trägt, um zu zeigen, dass er eigentlich ein Weißer ist), das Victory-Zeichen macht, während er dem Publikum sagt: „Wir haben Morena“ – wobei „Morena“ eine regionale Bezeichnung für Jesus ist.

Der Trick des Stücks ist, sich aus dem Blickwinkel des Südafrika der achtziger Jahre vorzustellen, was passieren würde, wenn Jesus Christus in Südafrika wieder auf die Welt käme und nicht erwartungsgemäß im Heiligen Land.

Also, Jesus Christus haben wir zwar nicht bekommen (jedenfalls noch nicht), aber dafür Nelson Mandela. Nach anfänglichem Zögern der weißen Bevölkerung (das in vielen Fällen an ungestüme Trauer grenzte), hatte man in den ersten fünf Jahren unserer jungen Demokratie den Eindruck, dass wir wirklich den Messias in unserer Mitte hatten. „We got Madiba!“ (Kosename für Mandela, d. Red.) konnte man die ekstatischen Rugbyfans schreien hören, als ihnen klar wurde, dass sie ihre Leben weiterleben konnten, als sei nichts geschehen – dass das Wunder von Madiba sie alle von ihren Sünden erlöst hatte. Und trotzdem gab es Sünden, haufenweise, die nie gesühnt wurden.

Ich erinnere mich an die erste Zeit nach meiner Rückkehr in die Heimat. Ich wartete in einer Hotellobby in einem feinen Stadtteil, für mich immer noch fremdes Territorium, auf einen Freund. Die große, gestylte, blonde Empfangsdame (damals arbeiteten keine Schwarzen an Rezeptionen) beantwortete die Frage eines weißen amerikanischen Gastes, wie er Soweto besichtigen könne, besonders das Haus in Orlando East, das Mandela und seine Familie bewohnt hatten, bevor er im Schlund von Robben Island verschwand. „Ich verstehe nicht, warum plötzlich alle das Haus von Mandela sehen wollen“, sagte sie, und während sie dem Amerikaner direkt in die Augen sah, brannte etwas wie Hass in ihrem Blick. „Wenn Sie mich fragen, ich würde hingehen und es anzünden.“

Noch lange nicht über den Berg

Die Widersprüche, die hier tobten. Als ich hereingekommen war, hatte ich sie als attraktive junge Frau wahrgenommen, manikürt, professionell und angenehm. Meiner Bitte, meinen Freund zu benachrichtigen, war sie überaus höflich nachgekommen. All das war innerhalb von Sekunden verpufft. Ihre Reaktion darauf, dass jemand Mandelas Schrein (den sich übrigens seither seine Ex-Frau Winnie zu kommerziellen Zwecken unter den Nagel gerissen hat) besuchen wollte, verwandelte sie in meinen Augen in ein Monster. Sie brachte mir in Erinnerung, dass wir noch lange nicht über den Berg waren.

Doch das war vor zehn Jahren.

Kurz darauf stand das ganze Land geduldig vor den Wahllokalen Schlange. Ich weiß nicht, wen oder was die blonde junge Empfangsdame wählte, aber Sie können Ihr letztes Geld darauf wetten, dass es nicht der ANC war. Jedenfalls nicht 1994.

Zehn Jahre später wäre ich mir nicht so sicher. Es passieren merkwürdige Dinge. Mandela, aus dem Gefängnis befreit und nun unvermeidlich Präsident von Südafrika, gab sich alle erdenkliche Mühe, um der weißen Wählerschaft das Gefühl zu geben, dass sie in dem Land, das sie so lange Jahre exklusiv besetzt gehalten hatten, nicht bedroht waren. Die Welt war überwältigt von seinem eklatanten Mangel an Bitterkeit über die lange Kerkerhaft, die er und seine Kollegen gegen jede Wahrscheinlichkeit und wie durch ein Wunder überlebt hatten. Um nicht zu sagen, die Welt geriet in Verzückung.

Ich kann mir das Mädchen von der Rezeption vorstellen, wie sie in Mandelas Arme gesunken wäre, hätte er ein halbes Jahr später die Lobby betreten und ihr sein entwaffnendes Lächeln geschenkt.

Ohne seine Grundprinzipien zu verraten, hatte er einen erstaunlichen politischen Kunstgriff zustande gebracht: Er hatte alles Menschenmögliche getan, um ein Land zu vereinen, das niemals vereint gewesen war. Er hatte verkündet, dass sich alle einfach entspannen und zu Hause fühlen sollten. Er hatte uns zu verstehen gegeben, dass wir die Vergangenheit hinter uns lassen sollten.

Natürlich können wir die Vergangenheit niemals hinter uns lassen. Man muss sich nur anschauen, wie Westeuropa im Fernsehen und im Kino den Zweiten Weltkrieg wieder und wieder auferstehen lässt, und wie Amerika nicht von seinem Thema „Wie der Westen gewonnen wurde“ ablassen kann, live aus Afghanistan und dem Irak oder wo sonst die Botschaft gerade wiederholt werden muss.

Der Übergang von Mandela zu Thabo Mbeki war ein interessanter Moment in unserer sich schnell entwickelnden Geschichte. Plötzlich wurden die Weißen wieder schreckhaft. Man konnte es am gereizten Ton der Unterhaltungen bei Cocktailpartys hören (wenn man das Glück hatte, eingeladen zu sein). Mandela war jedermanns Onkel geworden. („Warum können ,die’ nicht alle so sein“, lautete der Subtext.) Im Vergleich zu ihm war Mbeki die Katze im Sack.

Man sprach wieder davon, nach Australien zu emigrieren. Geld wurde auf ausländischen Konten herumgeschoben und Diener zur Vorsicht entlassen. Es herrschte die Angst, dass auf Mr. Nice Guy jetzt Mr. Nasty folgen könnte, dass unter Mbeki der echte, rachsüchtige ANC erwachen und Onkel Madiba nicht mehr zum Trösten da sein würde. Tatsächlich hätte Mbeki keine nettere Überraschung für das weiße Südafrika sein können. Niemand verlor Privilegien – es kamen sogar neue dazu. Reichtum und Güter würden nicht umverteilt werden. Ganz im Gegenteil würde die Partei alles tun, um diese Güter im Land zu behalten oder wenn es gewünscht wurde, sie ins Ausland gehen zu lassen wie bei der Verlegung des Hauptsitzes von Anglo American, South African Breweries, Old Mutual und anderen südafrikanischen Schwergewichten, die an der Londoner und New Yorker Börse gehandelt werden. Kein Gedanke daran, das Kapital im Namen des Volkes zu beschlagnahmen – es wurde sogar zur Flucht ermuntert, wenn die Firmen in einer veränderten Umgebung dadurch ihre Pfründe retten konnten.

Was halten schwarze Südafrikaner von alledem? Die Antwort bekommt man, wenn man einfache schwarze Menschen fragt, für wen sie in den dritten freien Wahlen des Landes stimmen werden: für das Prinzip, für das Mandela und der ANC immer eingetreten sind. Natürlich gab es kleine regionale Unterschiede – besonders in KwaZuluNatal, wo die Inkhata Freiheitspartei große Teile der Wählerschaft noch immer stark mit dem etwas primitiven Appell an Stammesloyalitäten der Zulu beeinflusst. Doch generell strömten die schwarzen Wähler in Scharen herbei, um dem African National Congress ihr Prüfsiegel aufzudrücken – ein Siegel, das sie endlich vergeben durften. Soweit schwarze Menschen, jung und alt, betroffen sind, ist der ANC immer für ihre Ziele und gegen die Apartheid eingetreten – ein System, das nach der Ansicht der meisten einfachen schwarzen Südafrikaner von Anfang an von den meisten Weißen unterstützt wurde.

Hier liegt ein unversöhnlicher Unterschied, der in der vorhersehbaren Zukunft schwer zu überbrücken sein wird. Die Südafrikaner werden weiter emotionalen und meistens rassischen Kriterien entsprechend wählen. Der ANC wird der Gewinner sein, erstens wegen seinem über Generationen gefestigten Ruf als Sprecher des Volks und zweitens, weil es im Südafrika nach der Apartheid tatsächlich ein paar Verbesserungen gibt. Versorgung mit elementaren Einrichtungen wie fließendem Wasser in entlegenen Gegenden reicht aus, um der herrschenden Partei in einem Land, das so lang von willkürlicher Unterversorgung charakterisiert war, einen fast messianischen Status zu verleihen: „Jesus läuft auf dem Wasser!“. Und außerdem haben wir Mandela, was fast auf dasselbe herauskommt.

Glaube an die Zukunft

Andererseits gibt es Entfremdung in absonderlichem Ausmaß in der Praxis modernder südafrikanischer Politik. Im Wesentlichen wählen die Südafrikaner weiter nach ihrer Hautfarbe – selbst wenn das wie im Fall der Democratic Alliance oder sogar kleinerer Parteien wie der Freedom Front auf ein fast selbstmörderisches, lemmingartiges Verhalten hinausläuft. Gleichzeitig beteuert, wie man aus den mittlerweile fast jeder Bedeutung entleerten „Neues Südafrika“-Slogans weiß, jede Partei aufs Ernsthafteste ihren Glauben an die Zukunft der „Regenbogennation“.

Bei den riesigen Differenzen in der historischen Perspektive, die noch immer die Befindlichkeiten von Afrikanern aller Couleur bestimmen, ist es schwierig, aktuelle politische Entwicklungen wie die jüngsten Wahlen als echten Indikator für den Anbruch der Demokratie in dem Land zu werten, das sie so lange verweigerte.

Andererseits lässt sich unmöglich verleugnen, dass in den letzten zehn Jahren viel bei uns passiert ist. Blonde Empfangsdamen propagieren nicht mehr das Niederbrennen von Mandelas Haus (in dem er sowieso nicht mehr wohnt).

Trotzdem könnten Mandela, Sisulu und erschreckenderweise sogar die Erinnerung an das, wofür sie eintraten, sehr bald sterben. Wer weiß, was dann passiert? Wer weiß, was eine neue Generation von Südafrikanern aus dem Land macht, das sie erben – einen blendenden Regenbogen oder das ewige schwarzweiße Zebra mit für immer sorgfältig voneinander getrennten Streifen?

John Matshikiza, 1954 in Johannesburg geboren, lebte in Lusaka und London, bis er 1991 nach Südafrika zurückkehrte. Er ist Schriftsteller, Schauspieler, Theater- und Filmregisseur und Kolumnist der Zeitung „Mail & Guardian“ in Johannesburg.

Aus dem Englischen von Susanna Nieder

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