Zeitung Heute : Ein schwerer Fang

Du kannst alles werden – nur nicht Fischer, hat er zum Sohn gesagt. In vierter Generation fährt Uwe Heitmann zur See, aber nun wird es immer härter. In der Zange zwischen EU und Umweltschützern: das Ende eines alten Gewerbes

Der Arbeitstag beginnt mit einem Verschlucktwerden. Ein schwarzes Loch aus Meer und Nacht zieht Uwe Heitmann mit seinem Kutter in sich hinein, halb fünf ist es am Morgen. Hinter dem Boot verschwindet langsam der Hafen von Freest, ein kleiner Ort in Vorpommern. Nur ein paar rote und grüne Bojen blinken Heitmann jetzt noch zu.

Aus diesem Nichts will Heitmann auch an diesem Tag wieder so viel wie möglich herausholen, er ist ein kräftiger Mann, 52 Jahre alt, mit freundlichen, grünbraunen Augen und vollem Bart, Sonne und Seeluft haben ihm himbeerrote Farbe ins Gesicht gemalt. In Freest nennen sie ihn „Katze“, warum, das weiß er nicht. Er nimmt es hin wie wechselnden Wind.

Am Tag zuvor hat Fischer Heitmann seine Netze ins Meer geworfen, damit der Hering sich darin verfängt, in der Ostsee beginnt nun die Heringssaison. Zwei Kollegen sitzen mit ihm in der Kajüte des Bootes und trinken Früchtetee, sie sollen später beim Einholen der Netze helfen. Auch elektronische Helfer fahren mit, ein Radar und ein Navigationssystem. Heitmanns Boot erscheint auf einem Monitor als kleiner Pfeil, der sich durch eine schmale Rinne schiebt. Acht Meilen führt diese Rinne vom Hafen ins offene Meer hinaus. Der Fischer kurbelt am Steuer hin und her, damit der Pfeil immer in der Mitte bleibt. „Ein paar Meter weiter kannst du mit Gummistiefeln laufen, so flach ist das manchmal“, sagt er.

Die Technik hilft beim Fahren, alles andere muss Heitmann schon selbst erledigen, mit Erfahrung und Instinkt. Er muss ein Rätsel lösen: Wohin haben Wind und Wasser den Fisch geleitet?

Dieses Handwerk betreibt Heitmann jetzt in der vierten Generation. Und vielleicht als Letzter in seiner Familie. „Ich habe meinem Sohn verboten, Fischer zu werden“, erzählt er. Als der Sohn in der neunten Klasse war, hat er ihm gesagt, du kannst alles werden, nur nicht Fischer. Und schon gar nicht bei mir. Das hatte sein Vater aber auch schon zu ihm gesagt, und Uwe Heitmann hat sich darüber hinweggesetzt. Nur gab es damals die Europäische Union noch nicht.

Die EU hat es auf uns abgesehen, sagen die Fischer. Die EU bestimmt alles: Fangquoten, Tage, an denen sie nicht fischen dürfen, Maschenweiten für ihre Netze. „Die wissen doch gar nicht, was wir hier machen“, sagt Heitmann.

Es gibt zu viele Fischer und zu wenige Fische, das ist der Leitsatz der EU, und 2002 hat sie daher ihre Fischereipolitik verschärft. Seitdem beschließt sie jedes Jahr neue Verordnungen, um die Fischbestände zu schützen und die Fangflotte zu reduzieren. „Irgendwann stirbt dieser Beruf aus“, sagt Heitmann frustriert.

In Mecklenburg-Vorpommern sind 1990 noch 1350 Fischer rausgefahren, inzwischen sind es etwa 350. „Die nächsten zwei bis drei Jahre wird noch ein Drittel der Fischereibetriebe aufgeben“, sagt der Geschäftsführer der Fischereigenossenschaft Freest, Michael Schütt. Treffen werde es vor allem kleinere Betriebe.

Gegen eine EU-Verordnung hat Heitmann schon beim Auslaufen verstoßen, als er kürzlich auf Dorschfang war. Es ist die allerneueste, sie gilt seit diesem Jahr: Er hätte eine SMS schicken müssen an das Maritime Sicherheitszentrum in Cuxhaven. Die EU will sicher sein, dass die Fischer die Tage, an denen sie im Hafen bleiben müssen, auch einhalten, für Heitmann sind das 117 im Jahr. „Jede SMS kostet mich Geld, das sehe ich gar nicht ein“, sagt er. Was er über SMS weitergeben würde, das schreibt er sowieso schon in sein Logbuch, Abfahrt, Ankunft, Fischsorten und wie viel Kilo er an Land bringt.

Über all die Verordnungen zu reden, verschlechtert seine Laune. Der Tag hat ohnehin nicht gut begonnen. Heitmann ist aus dem Rhythmus. Am Abend vorher war er bei einem 65. Geburtstag eingeladen, er wollte nur ein Stündchen bleiben, es wurden drei. „So ’ne Geburtstage können wir nicht gebrauchen, da brauchst du drei Tage, um wieder reinzukommen.“

Mit 16 Stundenkilometern nimmt das Boot Kurs auf die Stelle, an der Heitmann die Netze ausgelegt hat. Sein Großvater hatte die „Neptun“ bauen lassen, 1920 in Freest, „ich wüsste nicht, dass in Deutschland ein älterer Kutter in Betrieb ist“, sagt Heitmann. Je näher sie den Netzen kommen, desto mehr schaukelt das Boot, als ob es vor lauter Ungeduld von einem Bein aufs andere treten würde. Auch Heitmann kommt allmählich in Bewegung, seine Stimmung wird besser, vielleicht ist es das Licht, das sich als schmaler Streifen ankündigt in der Ferne, oder die Vorfreude auf die Begegnung mit dem Hering. „Jetzt wird es zuckersüß“, sagt er mit breitem Grinsen, als er und seine beiden Kollegen in die orangefarbenen Gummihosen steigen und Capes überziehen. Bisher hing das Gummizeug am Haken in der Kajüte. Einmal in Bewegung, öffnet es sich wie ein Geruchsarchiv für Schweiß und Fisch und Meerwasser.

Es ist zehn vor sechs, als sie das erste von neun Netzen erreichen. Heitmann ist Stellnetzfischer. Die Netze wirft er an einem Tag aus, sie hängen dann im Meer wie eine Wand, in der sich die Fische verfangen, Nylon, 25 Meter lang, zwei Meter tief, Maschenweite 56 Millimeter. Am nächsten Tag holt er sie wieder ein.

Die meisten Fischer an der Ostsee sind Stellnetzfischer, Kleinunternehmer, sie fahren höchstens zu dritt. Sie machen 90 Prozent der Fischerei in Mecklenburg-Vorpommern aus. Die großen Boote dagegen arbeiten mit Schleppnetzen, die sie hinter sich herziehen. Das rasiert den Meeresboden. Außerdem verfängt sich in den Schleppnetzen schon mal ein ganzer Schwarm. Die jungen Fische können nur schwer fliehen. So reduzieren Schleppnetze die Bestände eher. In den Maschen der Stellnetze dagegen bleiben nur ausgewachsene Fische hängen. Gebracht hat den Stellnetzfischern ihre Nachhaltigkeit aber nicht viel. Schleppnetzfischer bekommen für freiwillige Ruhetage Prämien, Stellnetzfischer nicht.

Und jetzt kommt ein neues Ärgernis auf sie zu. Nach der EU-Walschutzverordnung müssen sie Pinger an ihren Stellnetzen anbringen, Sender, die mit akustischen Signalen Wale abschrecken sollen. 4000 Euro alle zwei Jahre – für nichts. „Einen Wal hat hier noch keiner von uns gesehen“, sagt Heitmann. Was für die Nordsee sinnvoll ist, müsse es noch lange nicht für die Ostsee sein. Dass für die EU alle Meere und alle Fischer gleich sind, das regt sie hier in Freest am meisten auf.

Es waren mal 76 Fischer in Freest, jetzt sind es 41. Heitmanns Bruder Eckhard, 55, hat ebenfalls aufgegeben. Er hatte genug von Quoten und Formularen. Er wollte sich nicht länger ökologischen Gutachten unterwerfen. „Man kann doch so ein Viehzeug nicht über den Broterwerb des Menschen stellen“, sagt er bitter. „Die Biologen sagen eine Umweltkatastrophe voraus, und wir haben im März unsere Quote voll. Da stimmt doch was nicht.“ Mit 56 können Fischer in Frührente gehen. Bis dahin nimmt er Feriengäste auf.

Uwe Heitmanns zwei Kollegen laufen nun über das Deck, sie suchen in ihren Kapuzen Deckung vor der Gischt. „Jeder hat seine Order“, sagt Heitmann. Er am Steuer, die anderen am Netz. Wie auf einer steilen Serpentine muss er sein Boot jetzt manövrieren, nur dass neben ihm nicht der Berg nach oben ragt, sondern das Netz in die Tiefe. Er muss an ihm entlangfahren, ohne es unter sich zu begraben. Je enger Heitmann am Netz entlangfährt, desto leichter ist es für seine Männer, es aus dem Wasser zu holen. Einer der beiden schreit ihm zu und wirft seinen Arm nach rechts, Heitmann dreht nach rechts. Dann ziehen die Helfer das Netz aus dem Wasser. Heitmann streckt den Kopf aus der Kajüte, der Hering kommt an Bord.

Ein Hügel aus Netz und Fisch wächst an Deck, durch den manchmal noch ein bisschen Leben zuckt. Die Fische, die nicht schon im Wasser verendet sind, schlagen silbrig noch einmal aus.

Hering hält sich, gerade in der Kälte. Den Dorsch müssten sie schon auf dem Boot ausnehmen. Ein Netz nach dem anderen fahren sie ab, Heitmann schaut aus seinem Fenster. „Eine Dreivierteltonne, mehr wird das nicht. Das is’ nich’ doll, das fetzt nicht.“ Das Wiegen wird später 800 Kilogramm bringen. Am Tag zuvor hatten sie noch 1,3 Tonnen. Das Wasser sei noch zu kalt, gerade mal 3,3 Grad. Der Hering hat sechs bis acht Grad lieber.

Heitmann hat nicht festgestellt, dass er im Laufe der 20 Jahre, die er jetzt fischt, immer weniger Fisch im Netz hätte. „Das ist im einen Jahr so, im anderen so, je nach Mond, Salzgehalt, Wind und Strömung.“ An eine Überfischung der Ostsee glaubt er nicht. Überhaupt hat er seine eigenen Umweltwahrheiten. Das Kernkraftwerk Lubmin etwa sei ein Segen gewesen, sagt er, es habe die Wassertemperatur erhöht und den Fisch so angelockt.

120 Tonnen Hering darf Heitmann im Jahr fangen und 13 Tonnen Dorsch. Das sind die Quoten, die ihm die Fischereigenossenschaft zugeteilt hat. Die Quote ist eine komplizierte Zahl, da steckt vieles drin: Politik, Umweltschutz, Interessen der Fischer, Traditionen. Jedes Jahr treffen sich die Fischereiminister der EU, um die Quoten auszuhandeln. Ihnen liegen Empfehlungen des Internationalen Rates für Meeresforschung in Kopenhagen vor, der wiederum Gutachten aus den Ländern gesammelt hat. Und auch die Umweltschützer stellen ihre Forderungen. Dem Hering geht es noch gut, aber für den Dorsch, eine Kabeljau-Art, sieht der World Wildlife Fund die Grenzen längst überschritten. Die Fangquote müsse deutlich reduziert werden, vor allem in der östlichen Ostsee, von Polen bis Finnland.

Heraus kommt bei den Verhandlungen am Ende meist ein Kompromiss, über den sich alle ärgern, die Fischer genauso wie die Umweltschützer. Die Fischer empfinden die Quote als eine Arbeitsbekämpfungsmaßnahme. Und gerade für den Dorsch soll die Quote weiter sinken, jedes Jahr um 15 Prozent, damit sich die Bestände in zehn Jahren wieder erholt haben. „Das ist so, als wenn man jedes Jahr eine Gehaltskürzung von 15 Prozent bekommen würde“, sagen die Fischer. Besonders ärgert sie an der Quote, dass sie nicht überall eingehalten werde. „Die Polen überschreiten sie jedes Jahr“, sagt Heitmann. Immerhin hat die EU im vergangenen Jahr einen zwischenzeitlichen Fangstopp gegen die polnischen Dorschfischer verhängt, und ebenfalls seit 2007 kontrolliert nicht mehr jedes Land nur seine eigenen Fischer. Es gibt nun auch länderübergreifende Kontrollteams.

Der beste Fischer im Greifswalder Bodden zu werden, das muss sich Heitmann gar nicht vornehmen. Er darf sowieso nur seine Summe abfischen. Seinen Umsatz kann man sich anhand der Quoten leicht ausrechnen, etwas mehr als vierzig Cent bringt ihm das Kilo Hering, der Dorschpreis liegt bei 1,75 Euro. Dazu kommen ein paar Tonnen Flundern. Macht vielleicht 75 000 Euro. Davon muss er alles bezahlen: seine Angestellten an Bord, die Helfer, die mit ihm an Land den Fisch aus den Netzen fummeln, Treibstoff, Reparaturen, Wartung, Netze. „Wir arbeiten wie ein Pferd und verdienen wie ein Pony“, sagt Heitmann und streckt seine Hände aus: „Von denen kann ich leben, aber reich machen sie mich nicht.“ Wochenlang durcharbeiten ohne freie Tage – „wenn das Wetter danach ist, müssen wir eben fischen.“

Es ist inzwischen kurz nach halb acht, und Heitmann muss eine wichtige Entscheidung treffen: Wo soll er nach dem Hering suchen, wo die nächsten Netze auswerfen? Diese Frage stellen sich auch die Fischer auf den anderen Booten, es gibt eine Telefonkonferenz. „Neptun, moin“, meldet sich Heitmann. „Na, mein Schöner, wie viel hast du?“, ruft er. Er hört aufmerksam zu, wie viel Tonnen seine Kollegen wo aus dem Wasser gezogen haben, die Kapitäne der „La Paloma“, der „Karin“, des „Seeadler“ und „Seewolf“. Dann schaltet Heitmann den Wetterbericht ein, Windstärken, Windrichtungen, er fährt los. Warum er gerade diesen Kurs wählt, kann er nicht erklären. „Du musst eine Nase dafür haben.“

Aus seinem Funkgerät kommt eine Nachricht: „Uwe, brauchst du noch einen Fahrradanhänger?“ Den hat ein Kollege vom Grund geholt. Zum Glück sind es keine Bomben der Nationalen Volksarmee mehr. Es ist ein bisschen angenehmer geworden auf See, seit der Wiedervereinigung. In der DDR mussten sie den Grenzposten ansteuern, zwei Beamte sprangen auf den Kutter, einer ließ sich die Papiere zeigen, der andere ging übers Boot und schaute, ob sich jemand versteckt hielt. „Meinen Vater haben sie einmal nach Hause geschickt, weil seine Flagge ausgefranst war.“

Geschichten vom Vater erzählt er immer wieder, der ist wohl ein Grund dafür, warum Uwe Heitmann nach seiner Ausbildung als Elektriker doch noch Fischer geworden ist. „Da wirst du als Junge mitgenommen, und dann sagst du irgendwann: Jo!“ Die ganze Familie ist früher am Sonntag übers Meer gefahren, um Eis zum Lagern der Fische zu holen, da stand er auch schon mal am Steuer. Wenn eine Kontrolle kam, versteckte der Vater ihn über den Pressluftflaschen, eigentlich durfte er nicht an Bord sein.

Einer von Heitmanns Kollegen an Bord sagt: „Fischer, das steckt in dir drin. Das Gute ist: Du bist dein eigener Herr.“ Nur wird die Freiheit immer kleiner. „Wir brauchen bald eine Sekretärin an Bord“, sagt Heitmann. In seiner Kajüte befindet sich ein kleiner Schrank. Heitmann öffnet die Tür so widerwillig, als fielen gleich verweste Fische raus. Er zieht eine Tüte mit Schnellheftern hervor, Anlandescheine, Genehmigungen, Rechnungen für den Dieselkraftstoff. Die wichtigsten Unterlagen in billigstem Plastik – besser hätte er seine Verachtung nicht ausdrücken können. Die Tüte trägt den Aufdruck: „Wer reinschaut, holt mehr raus“. Die Fischereiaufsicht kann ihn kontrollieren, die Wasserschutzpolizei, die Bundespolizei, der Zoll. Sie können die Papiere prüfen, die Maschenweite oder ob der Fisch sauber gelagert wird. Ein falscher Logbucheintrag kostet 15 Euro.

Kurz vor neun erreicht sein Kutter den Hafen, die Helfer holen das Netz mit den Fischen über eine Winde auf ein Band, ziehen den Fisch aus dem Netz und werfen ihn in Kisten. Von hier reist er gleich nach Dänemark. Seit 41 Jahren hat die Fischereigenossenschaft einen Vertrag mit einem dänischen Unternehmen.

Heitmann und seine beiden Mitarbeiter gehen von Bord. An ihren Kleidern hängen Fischschuppen wie Pailletten. Sie glänzen wie winzige Abzeichen. Fürs frühe Aufstehen. Für die Arbeit auf dem dunklen Meer.

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