Zeitung Heute : Ein schwieriges Verhältnis

Eltern geben ihr Erziehungsmonopol ungern ab und nähern sich der Schule mit Vorurteilen. Dem Kind nutzt das nicht – im Gegenteil

Harald Martenstein

Das Verhältnis der Eltern zur Schule war schwierig, ist schwierig und wird schwierig sein.

Eltern, wenn es gute Eltern sind, lieben ihr Kind. Häufig spielt bei der Liebe noch ein anderes, ein weniger edles Gefühl mit. Am ersten Schultag spüren viele Eltern, neben Freude und Stolz, folglich ein wenig Eifersucht. Eine neue Kraft ergreift Besitz von ihrem Kind und wird es prägen. Ihr Erziehungsmonopol haben sie verloren. Sie sind misstrauisch. Der Stil der Schule, oder der Stil der Lehrer, wird sich vom Erziehungsstil der Eltern sehr wahrscheinlich unterscheiden, und die Eltern können nichts dagegen tun. Also schaut man sich den Lehrer oder die Lehrerin besonders kritisch an, mit dem Blick des Rivalen.

Warum nicht die Wahrheit sagen, auch wenn sie weh tut? Viele Eltern sind misstrauisch, was die Arbeitsmoral der Lehrer betrifft. Wenn Eltern über Schule reden, spielt fast immer dieses Thema eine Hauptrolle. Es sind nicht nur die langen Ferien. Es sind die vielen Schultage und Stunden, die ausfallen, wegen Konferenzen, wegen Prüfungen, wegen Krankheit, es sind die fehlenden Leistungskontrollen, die relativ hohen Gehälter. Zur Eifersucht gesellt sich bei vielen Eltern der Neid. Natürlich ist das, im Einzelfall, häufig ungerecht. Viele Lehrer reiben sich auf, sind idealistische Helden, arbeiten buchstäblich bis zum Umfallen. Andere schieben eine extrem ruhige Kugel. Meine verbürgte Lieblings-Lehrer-Hass-Geschichte handelt von einem Lehrer, Gymnasium, der an seinem Auto morgens einen platten Reifen entdeckte und daraufhin in der Schule anrief, mit der Botschaft, er könne heute leider nicht kommen. Die einen so, die andern so. Viele Eltern haben allerdings das Gefühl, dass es sich die Lehrer selber aussuchen können, ob sie gut und fleißig oder schlecht und faul sind. Offenbar kann keiner sie zwingen, und diese Vermutung macht Eltern neidisch.

Oft glauben Eltern, dass sie ihr Kind gegen die Schule und ihre Ansprüche in Schutz nehmen müssen. Die Schule verlangt zu viel, oder auch zu wenig, die Schule ist ungerecht, die Schule macht Fehler. In Wirklichkeit machen Eltern einen Fehler, wenn sie so denken. Wenn Eltern und Schule gegeneinander arbeiten, wenn sie also von verschiedenen Seiten an dem Kind ziehen, dann entsteht eine ähnliche Situation wie nach einer unfriedlichen Scheidung. Das Kind steht in der Mitte, wie bei zerstrittenen Elternpaaren, es ist verwirrt oder unglücklich, es kann beide Parteien gegeneinander ausspielen. Meine Lieblings-Eltern-Hass-Geschichte handelt von einem Vater, der beim Elternabend seinen Sohn gegen die Verfolgung durch ungerechte Lehrer verteidigt (der Sohn schlägt seine Mitschüler) und von einer Mutter, die sich über den unerträglichen Leistungsdruck beklagt (die Kinder sollen, in der ersten Klasse, schon Zahlen über 10 kennen!).

Wir Eltern verhalten uns der Schule gegenüber manchmal wie Gewerkschafter in Tarifverhandlungen. Die Schule fordert Leistung. Die Eltern kämpfen dafür, dass sie möglichst wenig davon bekommt. In Wirklichkeit ist es natürlich gut für die Kinder, wenn die Schule etwas von ihnen fordert. Die Schule ist keine feindliche Macht, Schularbeiten sind etwas anderes als Arbeit im Betrieb. Die Lehrer tun dem Kind Gutes, obwohl sie das Kind niemals so lieben werden wie seine Eltern und obwohl sie versuchen, alle Kinder der Klasse gleich zu behandeln. Das ist scheinbar leicht zu begreifen, aber emotional bleibt es schwierig, und deshalb werden die Eltern immer misstrauisch sein.

Der Tagesspiegel-Autor hat einen Sohn am Wilmersdorfer Goethe-Gymnasium

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