Zeitung Heute : Ein Sechser im Lotto

2000 Schulabgänger bewerben sich pro Jahr in Marienfelde – jeder 27ste wird genommen

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Von Roland Koch

In kleinen Gruppen stecken die jungen Männer die Köpfe zusammen. Sie sehen aus, als würden sie sich auf ein Fußballspiel einschwören. Doch in ihrem Spiel geht es nicht um Tore oder Punkte, sondern um Programmierungen, Schaltkreise oder Motorentechnik. Wenn die Azubis im DaimlerChrysler-Werk Marienfelde fachsimpeln, dann hat das nichts mit Freizeitvergnügen zu tun. Hier wird gelernt – und das unter Bedingungen, von denen viele Auszubildende andernorts wohl nur träumen können, heißt es.

Wie ein Sechser im Lotto sei es, einen Ausbildungsplatz bei DaimlerChrysler ergattert zu haben, meint Boze Krstanovic. Der 23-Jährige lernt hier das Handwerk des Mechatronikers. Dieser noch sehr junge Ausbildungsgang bildet eine Schnittstelle zwischen Mechanik und Elektronik, ein Beruf, dem in der Automobilindustrie eine große Zukunft vorhergesagt wird. „Allein die Initiativ-Bewerbungen übersteigen in jedem Jahr bei weitem die Zahl der zu vergebenden Plätze“, ergänzt Burkhard Muth, der Ausbildungsleiter – und er sagt das nicht ganz ohne Stolz. „Anzeigen schalten wir schon gar nicht mehr, weil wir dann in einer Flut von Bewerbungen versinken.“

Am Mythos Mercedes wird also auch in Marienfelde gearbeitet. Doch ist eine Ausbildung bei DaimlerChrysler wirklich so attraktiv? Ist das nur eine ordentliche Portion Selbstvermarktung oder steckt da noch mehr dahinter? Beginnen wir mit den Fakten. Im Werk Berlin werden Azubis in fünf technischen und zwei kaufmännischen Berufen ausgebildet: als Industriemechaniker, Fertigungsmechaniker, Teilezurichter, Mechatroniker und Industrieelektroniker im technischen Bereich; als Kaufleute für Bürokommunikation und Industriekaufleute im kaufmännischen Bereich. Die Ausbildungsquote liegt bei sechs Prozent, das ist im weltweit agierenden Konzern ordentliches Mittelmaß. Das Verhältnis von Einstellungen zu Bewerbungen lag im Jahr 2002 bei 1 zu 27, das heißt, auf 71 Einstellungen kamen 1901 Bewerbungen. Das Bild von der Bewerberflut dürfte damit zutreffen.

Arbeitsplatz-Garantie

DaimlerChrysler bildet bedarfsorientiert aus, das heißt, es werden so viele Azubis eingestellt, wie nach der Ausbildung übernommen werden können. Wer also einen Ausbildungsplatz bekommen hat, kann mit großer Wahrscheinlichkeit davon ausgehen, nach der Lehre auch übernommen zu werden. Angesichts der vielen Tausend Schulabgänger, die in diesem Jahr ohne Ausbildungsplatz dastehen, und der über vier Millionen Arbeitslosen, dürfte also auch der Vergleich mit dem Sechser im Lotto durchgehen.

Aber nicht nur diese Aussichten sind es, die die Nachwuchsmechaniker nach Marienfelde zieht. Es ist auch die Ausbildung selbst: Seitdem die Ausbildungsmethode vor einigen Jahren auf das so genannte „integrative Modell“ umgestellt wurde, lernen die Azubis an realen Projekten bedarfsorientiert das, was sie jeweils konkret brauchen. „Während die einen das Schweißen lernen, geht es für die anderen darum, eine Hydraulik zu verstehen oder einen Roboter zu programmieren“, sagt Mechatronik-Azubi Krstanovic. Das Fachwissen eigne man sich damit so an, dass man es auch gleich anwenden könne.

In Zwölfer-Gruppen bilden die Azubis jeweils ein Team, das die Ausbildung vom ersten Tag an gemeinsam durchläuft. In der Halle, die sicher die Größe eines Fußballfeldes hat, lernen sie jeweils in einem eigenen Bereich, ihrer Lerninsel. Die Ausbilder wirken oft im Hintergrund, Eigeninitiative ist gefragt. „Dadurch bildet sich ein sehr enges Verhältnis unter den Auszubildenden“, sagt Ausbildungsleiter Muth, „aber auch zwischen den Ausbildern und den Azubis.“ Jeder Ausbilder kenne die Stärken und Schwächen seiner Zöglinge und könne sie deshalb einerseits individuell fördern. Andererseits könne man mit diesem Wissen auch den weiteren Werdegang im Unternehmen optimal gestalten. Schließlich sei die Ausbildung Teil einer langfristigen Personalplanung.

Die kleinen Gruppen bedeuten aber auch, dass die Azubis voneinander lernen, dass sie sogar ihren Ausbildern manchmal etwas beibringen können – und vor allem sollen. „Denn dadurch verstehen sie ihr Fachwissen noch einmal aus einer anderen Perspektive“, sagt Muth. „Wenn man etwas selbst vermitteln muss, braucht man dazu ein viel tieferes Verständnis der Sache.“ Darüber hinaus werden auch andere Kompetenzen trainiert. Die Lehrlinge schulen ihre kommunikativen Fähigkeiten, sie lernen sozialen Umgang und müssen Verantwortung übernehmen.

Am Ende der Ausbildung sollen die jungen Fachkräfte aber über eine umfassende Handlungskompetenz verfügen, die weit über das Fachwissen hinausgeht: Jeder Auszubildende soll Klarheit über seine persönlichen Stärken und Schwächen erlangt haben, soll Zusammenarbeit und Kommunikation beherrschen und soll vor allem das „Lernen gelernt“ haben. „Denn im heutigen Berufsleben, hat man nach der Lehre noch lange nicht ausgelernt“, sagt Burkhard Muth. „Die technische Entwicklung geht so schnell, dass man ständig dazulernen muss.“ Deshalb sei es so wichtig, Lern- und Arbeitsmethoden zu beherrschen, mit denen man das weitere Lernen organisiert.

Immer im Dialog

Um diese Ziele zu erreichen wird besonderer Wert auf die Entwicklung der Persönlichkeit gelegt. Neben „erlebnispädagogischen Wochen“ und Gruppengesprächen gibt es dazu auch „AID“ – „Ausbildung im Dialog“. Bei diesem Beurteilungsverfahren sollen die Schlüsselqualifikationen der Azubis vorangetrieben werden. So schätzt sich der Azubi in regelmäßigen Abständen selbst ein, beurteilt seine Selbstständigkeit, seine Problemlösungs- oder Kooperationsfähigkeit. Das Gleiche tut im Gegenzug der Ausbilder. Anschließend setzen sich beide zusammen, besprechen das Ergebnis und entwickeln ein individuelles Förderpaket.

Trainieren können die Azubis ihre Fach- und Sozialkompetenz aber auch bei anderen Anlässen: Teile der Weiterbildung von Mitarbeitern werden in der Ausbildungsabteilung übernommen. Mitarbeiter lernen hier zum Beispiel die neuesten Entwicklungen der Steuerungstechnik, der Hydraulik oder der Motorentechnik – und das lernen sie zum Teil auch von den Lehrlingen. Schließlich seien die auf dem neuesten Stand der Dinge, meint Burkhard Muth.

Darüber hinaus gibt es Schülerpraktikanten und Studenten, die ihr Grundpraktikum hier absolvieren. Im Rahmen einer Kooperationsausbildung werden auch Azubis aus anderen Betrieben bestimmte Ausbildungsteile vermittelt. Das schafft Kommunikations- und Übungsmöglichkeiten en masse.

Der enge Kontakt mit Schulen und Universitäten hat aber auch noch ein anderes Ziel: In den technischen Berufen überwiegen noch immer die männlichen Bewerber, gerade einmal neun Prozent der Azubis sind junge Frauen. Um wenigstens diesen Anteil zu erhalten, werden verstärkt schon in den Schulen den Mädchen die Perspektiven in technischen Berufen gezeigt.

Schlechte Noten bedeuten das Aus

Bei solchen Perspektiven verwundert die Zahl von knapp 2000 Bewerbungen kaum, und sie bietet DaimlerChrysler die Möglichkeit, unter den Bewerbern kräftig zu sieben. Der Weg von der Bewerbung bis zur Einstellung ist steinig. Drei Viertel der Bewerber bekommen schon aufgrund ihrer Bewerbungsunterlagen eine Absage. Schlechte Noten, unentschuldigte Fehlzeiten oder eine kritische Einschätzung des Lehrers im Zeugniskopf bedeuten bei DaimlerChrysler schnell das Aus für einen Bewerber.

Azubis, die im Herbst 2003 beginnen wollen, müssen sich schon jetzt bewerben. Ende November ist Bewerbungsschluss. Hauptschüler haben kaum noch Chancen, die Mehrzahl der Bewerber hat einen guten Realschulabschluss oder das Abitur. Wer diese erste Hürde genommen hat, wird anschließend zu einem schriftlichen Test eingeladen. Den wiederum besteht rund die Hälfte der Teilnehmer. Die erfolgreichen Absolventen müssen dann eine Gruppenarbeit und ein Auswahlgespräch durchlaufen.

Am Ende der Prozedur bleiben rund 50 frisch gebackene Daimler-Zöglinge übrig. Viele von ihnen schaffen die Ausbildung in der verkürzten Zeit. Aber was sollte man auch anderes erwarten, schließlich geht es darum, einen Mythos zu bewahren.

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