Zeitung Heute : Ein sehr kühles Stück Fernsehen (Kritik)

Joachim Huber

ARD. Das Krimi-Format trägt auch bei seiner Wiederbelebung. Der Zuschauer erfährt und erlebt Polizei-Arbeit. Hoch verdichtet in der filmischen Fiktion, aber nicht auf einem spektakulären Schwerverbrechen fundamentiert, nur emotionaler ausgelegt als noch zu Zeiten der "Stahlnetz"-Väter Jürgen Roland und Wolfgang Menge. "Die Zeugin" als Eröffnungsfilm: ein sehr kühles Stück Fernsehen. In einer Lübecker Siedlung ist eine Sportstudentin erstochen worden. Alles sieht nach dem Liebhaber als Mörder aus, und doch nahm das Nachbarmädchen das Messer in die Hand. Es ist dieses Gesamtgefüge, das frösteln läst. Zerbrochene Ehen, abgelegte Geliebte, betrogene Betrüger, eine überreizte alleinerziehende Mutter, schikanierte Kinder - das Drehbuch von Jessica Schellack und Kerstin Oesterlin führt die Polizisten in ein Milieu von Enttäuschung, Sehnsucht nach Liebe und Überforderung. Suzanne von Borsody als Kommissarin Andrea Probst und Michael Roll in der Kollegen-Rolle fahnden mit Energie und in der irren Hoffnung, dass es ein ganz normales Beziehungs-Drama war. Düster sind die Mienen, düster ist die Stimmung. Befördert durch eine Borsody, die sich in der frostigen Verletzlichkeit ihrer Andrea Probst nicht in die handelsüblichen Verzweiflungsgesten flüchtet. Regisseur Thomas Bohn legt nur an sehr wenigen Stellen zuviel an Inszenierung - Gegenlicht im Scheinwerfer-Format, Gesichter-Lutschen - heraus. Das Dokumentarische im Fernsehfilm ist betont, weshalb der Zuschauer die Überzeugung gewinnt, an der Fahndung nach einem authentischen Fall teilzunehmen.

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