Zeitung Heute : Ein sehr persönlicher Erziehungsberater

Von Tanja Stelzer

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Die Frage, wann der richtige Moment für die ersten Erziehungsmaßnahmen gekommen ist, tauchte schon im Geburtsvorbereitungskurs auf. Wir saßen vom SalsaGruppentanz erschöpft auf bunten Isomatten. Die Hebamme hatte uns erklärt, wie man einen Höllenschmerz aus voller Seele annimmt und eine Stoffpuppe durch ein Modell des weiblichen Beckens gestopft („das passt!“). Und die kugeligen Fast-Mütter hatten probehalber auf dem Gebärstuhl Platz genommen, was jedes Mal damit endete, dass die Hebamme „Da ist es!“ rief, die Stoffpuppe wie im Kasperltheater von irgendwo unten auftauchen ließ und der werdenden Mutter in den Arm legte. Eigentlich war alles klar. Noch Fragen? Einer der Väter meldete sich. Er wüsste dann noch gern, was man bei der Erziehung so falsch machen könne.

Die Erziehung beginnt im Mutterleib. Das hat mir ein Arzt erzählt, leider erst, als Noah schon „Mama“ und „Papa“ sagen und das Wort „Nein“ in geräuschvollem Ausdruckstanz darstellen konnte. Ich ahnte zum ersten Mal, dass wir was verpasst hatten. Aber da gab es ja all diese Ratgeber, in denen steht: Ein Baby kann man gar nicht verwöhnen. Im ersten Jahr, heißt es, müssten wir Eltern im Grunde gar nichts tun, außer auf die Bedürfnisse der Kinder einzugehen, und zwar sofort, sonst bekämen sie ein schweres Trauma, und die Kinder würden genauso verrückt wie wir.

Irgendwann wurde Noah ein Jahr alt, die Ratgeber waren keine Entschuldigung mehr. Der erste Erziehungsversuch scheiterte kläglich. Noah hatte kurz vor dem Abendessen nach dem dritten Keks in Folge verlangt, und wir fanden, er müsse jetzt lernen, dass er nicht immer alles bekommen kann, was er will. Nach der ersten Träne sagten wir: „Ach, er ist noch so klein!“ und verschoben den Beginn des Erziehungszeitalters. Unser Junge belohnte unsere Sanftmut mit gewaltsamen Bissen in meine Beine, meine Finger, meine Füße. Er begann, beim Essen seinen Teller samt Wurstbrot auf den Boden zu werfen. Noah ist ein ziemlicher Rabauke.

Schluss damit!, hat jetzt mein Mann dekretiert, von nun an sind wir konsequent. Wir haben sogar einen ersten Erfolg zu vermelden. Neulich, als Noah mal wieder den Inhalt meiner Puderdose im Bad verteilen wollte und mein schrilles „Nein!“ von den Kacheln widerhallte, guckte er zu mir rüber, streckte die ausgestreckten Finger ganz nah an die Dose mit der reizvollen puscheligen Quaste drin, und verharrte so, als hielte ein unsichtbarer Geist seine Hand fest. Er weinte fürchterlich, aber er bewegte sich nicht weiter. Ich spürte ein wohliges, ungekanntes Gefühl, das mein Rückgrat aufrichtete. So muss es für Angela Merkel gewesen sein, als Horst Köhler zum Präsidenten gewählt wurde. Leider war das Machtgefühl von kurzer Dauer. Noch am selben Tag hat Noah mich so heftig gebissen, dass ich nun manchmal, wenn er die Zähne bleckt, vor ihm weglaufe.

Eine Buchhändlerin hat mir einen Erziehungsratgeber empfohlen, der allerdings, wie sich bei der Lektüre herausstellte, eher auf ältere Kinder zugeschnitten ist. In dem Buch steht zum Beispiel, was Eltern unternehmen können, wenn böse Buben aus einer Bande ihr Kind einschüchtern. Leider steht nicht drin, was man machen muss, wenn das Kind selbst der Bandenchef ist.

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