Zeitung Heute : Ein seltsamer Rekord

Sie mussten lange kämpfen, bis sie im Nationaltrikot Fußball spielen durften. Als es so weit war, verloren sie nicht nur die erste Begegnung, sondern bald darauf auch das Land.

Foto: Andreas Teichmann Text: Bernd Müllender

Der 9. Mai 1990 war ein historischer Tag für den deutschen Frauenfußball. Im Karl-Liebknecht-Stadion in Potsdam fand an diesem denkwürdigen Tag das erste Damen-Länderspiel der DDR statt. Gegner war das Team der CSFR.

Das Gastgeberland gab es schon im nachfolgenden Oktober nicht mehr. So war das erste Länderspiel der Damen-Nationalmannschaft (Endergebnis: 0:3) vor gerade mal 900 Augenzeugen auch das letzte. Und deshalb gibt es, wenn man so will, elf Rekord-Nationalspielerinnen der DDR. Eine von ihnen ist Doreen Meier.

„Das war schon ein echtes Erlebnis“, sagt die heute 37-Jährige.

Weniger das Spiel hat sie in Erinnerung als das Drumherum: „Wir kamen vorher als kleine Hanseln in ein Leistungszentrum des großen DDR-Sports. Das war wie eine neue, ganz andere Welt.“ Zum Gruseln schön: „Da gab es eine nachgebaute ZDF-Torwand, richtige Westbälle und Kunstrasen. Und ich bekam das Zimmer, in dem vorher Thomas Doll gewohnt hat.“ Sportlich kann Doreen Meier nur wenig Heldenhaftes berichten. „Wir hatten nicht die Spur einer Chance und waren mit dem 0:3 noch dermaßen gut bedient! Die Tschechinnen hatten zusammen über 1000 Länderspiele.“

Meier sitzt in der alten Abtei Brauweiler bei Köln. Hier macht gerade „Verlacht, verboten und gefeiert“ Station, eine sehenswerte Wanderausstellung über die Geschichte des deutschen Frauenfußballs. Doreen Meier, die heute in Köln lebt, hat auch ein paar Devotionalien von damals beigesteuert. Nur ihr Trikot nicht: „Nach der Wende haben wir Hammer und Zirkel überall rausgeschnitten.“ Fürs Foto treiben wir eine kleine DDR-Fahne auf. „Warum nicht, passt ja zu meiner Vergangenheit“, sagt Meier mit ihrem Restthüringisch in der Stimme, „da hab ich kein Problem“. Und dann guckt sie wie damals bei der Hymne.

Meier erzählt ihren „ganz typisch sozialistischen Bildungsweg“: Polytechnische Oberschule, Abitur, Lehramtsstudium mit Schwerpunkt Sport in Jena 1987 bis 1993. Sie stürmte für die HSG Jena in der 1. DDR-Frauenliga und holte 1990 / 91 die letzte Meisterschaft. Schon im Januar 1990 hatte es einen Lockruf des Westens gegeben: „Probetraining hier in Brauweiler. Aber ich hatte Angst, nachher ist die Mauer wieder zu, und ich komm nicht zurück.“

Später fehlte Doreen Meier „ganz einfach die Zeit“ für die große Karriere im Westen. Während ihres Referendariats in Kassel kickte sie lieber in der Alternativelf „Satanische Fersen“ – mit Promis wie dem Frankfurter Exprofi Tommy Rohrbach und Joschka Fischer, der immer kokett gebeten habe: „Schick’ mich bloß nicht so steil.“ Seit 2000 ist die drahtige Frau Hauptschullehrerin für Sport und Geschichte in Köln, trainierte drei Jahre das Bundesligateam von Bad Neuenahr und gibt an der Sporthochschule Köln den „Grundkurs 1 Männer Fußball“. – „Männer trainieren macht einen Riesenspaß“, sagt sie, vor allem wenn sie „manchmal etwas komisch gucken“ bei einer Übungsleiterin.

Die DDR-Sportführung, erklärt Meier, fiel lange durch „Unverständnis und Ablehnung“ des Frauenfußballs auf – „nicht olympisch, nicht medaillenträchtig, also nicht förderungswürdig“. Die Sportwende kam im Sommer 1989, als es im westdeutschen Nachbarland nach dem sensationellen Europameistertitel einen Boom gab. „Da haben die Oberen im Osten gesagt: Das machen wir jetzt auch.“ Schon Ende Oktober fand der erste Lehrgang in Leipzig statt, „zwei Wochen vor dem Break“. So nennt Meier den Fall der Mauer. Der „Break“ fiel auf Doreen Meiers 21. Geburtstag, ein geschichtlicher Zufall. Anders, sagt die studierte Historikerin, das Spieldatum in Babelsberg: „Der 9. Mai war der Tag der Befreiung. Ich bin mir sicher, das war kein Zufall.“

Doreen Meiers Landesrekord wird Bestand haben, für alle Zeiten. Mit einem einzigen banalen Ehrentörchen gäbe es auch eine DDR-Rekordtorschützin namens Meier. „Ach, ich weiß gar nicht, ob wir überhaupt eine Torchance hatten. Ich erinnere mich nur, dass ich eine ganz peinliche, unglückliche Szene bei einem unserer wenigen Angriffsversuche hatte. Ich bin gestolpert und gestürzt, als hätte ich zum ersten Mal einen Ball am Fuß.“ Es soll Fernsehaufnahmen des Spiels geben, doch die hat sie sich nie angesehen.

Im nächsten Sommer erfüllt sich für Doreen Meier „ein Lebenstraum“: Sie macht den Schein zum Fußballlehrer, den höchsten Trainertitel hier zu Lande. Berufsziel? „Es muss nicht Bundesliga sein“, sagt sie, „vielleicht ein Sportgymnasium oder im Ausland Entwicklungsdienst.“ Warum nicht hier, beim kränkelnden deutschen Nationalteam der Männer? „Nein“, sagt sie und lacht, „dank Klinsmann hat das dauernde Ballherumgeschiebe ja schon etwas aufgehört“. Deshalb ist Doreen Meier auch optimistisch für die WM: „Als bekannt gute Turniermannschaft werden sie die Vorrunde überstehen.“

Noch bis zum 14. Mai ist die Wanderausstellung „Verlacht, verboten und gefeiert“ in der Ehrenhalle im Rathaus Nürnberg zu sehen. 2007 kommt sie nach Berlin.

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