Zeitung Heute : Ein Show-Room voller Energien

Das Modellhaus auf dem Campus soll den schonenden Umgang mit Ressourcen begreifbar machen

Patricia Pätzold

Nicht immer funktioniert ein Gebäude, wie es sich der Architekt vorstellt. Das macht sich auch schnell am Geldbeutel der Bewohner bemerkbar, insbesondere, wenn das Energiekonzept nicht aufgeht. Manchmal lassen sich die Architekten etwas besonders Ästhetisches einfallen, um das Gebäude zu lüften oder zu kühlen. In ihre Pläne zeichnen sie Pfeile ein, wohin die Luft strömen soll. Doch die Luft gehorcht physikalischen Gesetzen und strömt oft ganz woanders hin. Das offenbart ein Dilemma, unter dem die moderne Architektur nicht selten leidet: Ingenieure und Architekten wissen zu wenig vom Fach des anderen.

„Wir müssen in der Ausbildung von Architekten und Ingenieuren umdenken“, sagt Birgit Müller. „Klimawandel und Umweltprobleme verlangen intensive Zusammenarbeit. Um gemeinsam energiesparende und umweltfreundliche Konzepte umzusetzen, müssen immer noch Schranken überwunden werden.“

Die Ingenieurin für Heiz- und Raumlufttechnik koordiniert den Bau eines Experimentalhauses aus Holz und Glas auf dem TU-Campus, direkt an der Straße des 17. Juni in Charlottenburg. Dieses Gebäude mit rund 100 Quadratmetern Grundfläche soll demonstrieren, wie sich zeitgemäße und funktionale Architektur mit dem neuesten Stand der Gebäude- und Klimatechnik verbinden lassen.

Es geht darum, den Studenten moderne Energiekonzepte an und in Häusern deutlich zu machen. Sonnenkollektoren, Heiz- und Kühlungstechnik für Decken und Böden, austauschbare Fassadenelemente mit verschiedenen Glasarten zeigen die technischen Möglichkeiten. Die Fenster erhalten automatisch steuerbare Sonnenschutzelemente. Mit Hilfe von Lenksystemen wird Tageslicht in die Innenräume gebracht, um die Beleuchtung zu unterstützen. Auch wird eine Pumpe eingebaut, die Erdwärme aus mehr als 100 Metern Tiefe holt. Messdaten der Anlagen kommen direkt ins Internet, wo die Studenten sie sofort abrufen können.

Sieben Fachgebiete, von Energietechnik über Licht- und Umwelttechnik bis hin zum Tragwerksentwurf und klimagerechtes Bauen, sind an dem Projekt beteiligt. Finanziert wird der Bau, der im Spätsommer beginnen soll, aus dem Programm „Offensive Wissen durch Lernen“, für das die TU Berlin zehn Millionen Euro ausgibt. Außerdem können sich Sponsoren aus der Wirtschaft beteiligen, indem sie ihre Prototypen und Erfindungen, die noch nicht auf dem Markt sind, im Experimentalhaus zusammen mit den Studenten einbauen und testen.

Die Studenten sind von Anfang an dabei. Von der Planungs- und Entwurfsphase bis hin zum Bau und zum Bezug war und ist das Projekt in die Ausbildung eingebunden. Der Entwurf und die Kostenplanung entstanden in der Architektur, die technische Planung im Fachgebiet Heiz- und Raumlufttechnik. In der Bau- und Ausführungsphase werden an die Studenten diverse Studien- und Diplomarbeiten vergeben.

Eine gemeinsame Sprache zu finden ist nicht immer leicht: „Die größte Reibung gibt es im Moment wegen der Sonnenkollektoren auf dem Dach“, erzählt Architekturstudentin Gertraud Zwiens. Die Kollektoren haben die Aufgabe, Sonnenwärme einzufangen und in das Heizsystem des Gebäudes einzuspeisen.

Zwiens´ Entwurf eines C-förmigen Gebäudes aus Holz und Glas mit großem Seminarraum und von allen Seiten einsehbarem Show-Room hatte in einem Wettbewerb überzeugt. „Die Sonnenkollektoren sind ein wichtiges gestalterisches Element. Sie bestimmen auch die Tragkonstruktion. Andererseits gibt es für die Anzahl der Kollektoren, ihre Art, Größe und Anordnung auf dem Dach ein technisches Optimum, das mit dem gestalterischen leider nicht übereinstimmt. Da sind Kompromisse nötig.“

Die Studentin hat mit einer Architektin und einem Ingenieur die Kosten ermittelt, „bis zur letzten Fußleiste“. Dieser Praxisbezug habe ihr im Studium oft gefehlt, meint Zwiens, die inzwischen an ihrer Diplomarbeit schreibt. „Für meine Nachfolger an der TU Berlin wünsche ich mir, dass jedes technische Architekturfach einmal ein Seminar in dem Gebäude abhält und vor Ort das jeweilige Thema am und im konkreten Projekt erläutert.“ Das könne Themen wie Tragwerk, Gebäudetechnik, Kostenermittlung oder Terminplanung umfassen.

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