Zeitung Heute : Ein Sieg - kein Wunder

Claus Vetter

Ein Wunder hat es im E-Center zu Salt Lake City am Freitag nicht gegeben. Es war ein ganz normales Eishockeyspiel, das die US-Amerikaner 3:2 gegen Russland gewannen. Heute spielen die Amerikaner im olympischen Finale gegen Kanada. Keine Überraschung und erst recht kein Wunder wie damals das "Miracle on Ice", das nach Meinung vieler Amerikaner auch der Papst als solches zu akzeptieren hat. Der Antrag, ein 22 Jahre zurückliegendes Sportereignis mit höheren Weihen zu versehen, liegt noch unbearbeitet im Vatikan. Es geht um jenes Wunder, als sich 1980 im Olympischen Eishockeyturnier von Lake Placid eine amerikanische College-Auswahl den Weg zur Goldmedaille mit einem 4:3 gegen die UdSSR ebnete.

Mehr zum Thema Fotostrecke: Bilder aus Salt Lake City
Tagesspiegel: Alle Berichte von den Olympischen Winterspielen
Newsticker: Aktuelle Nachrichten von den XIX. Winterspielen sowie weitere Sportmeldungen David gegen Goliath eben. 22 Jahre später sieht das ganz anders aus. Anders als in Lake Placid haben die USA beim olympischen Turnier in Salt Lake City ihre besten Profis aus der National Hockey League (NHL) dabei. Der Olympiasieg von 1980 war eine Initialzündung für das Eishockey in den USA. Die Zahl der in der NHL spielenden US-Amerikaner hat sich seit damals mehr als verdoppelt. Und die einst erfolgsverwöhnten Russen hingegen holen sich seit ihrem Weltmeistertitel von 1993 eine Demütigung nach der nächsten ab.

Der Niedergang der einstigen Eishockeyweltmacht ist seit Freitag um ein trübes Kapitel reicher. Früher, unter dem großen Trainer Wiktor Tichonow, da wurde bei den Russen nicht lamentiert, sondern gewonnen. Rund um das Halbfinale von Salt Lake City boten die Russen in dieser Hinsicht ein trauriges Bild. Der einstige Weltklassespieler Wjatscheslaw Fetisow - heute auf Bitten von Präsident Wladimir Putin russischer Nationaltrainer - witterte gar ein abgekartetes Spiel. "Da konnten wir nichts machen", sagte Fetisow. "Da wurde ein Abkommen unterzeichnet, dass es ein Finale zwischen Kanada und den USA geben muss." Sicher, manche Entscheidung der eingesetzten Profischiedsrichter aus der NHL im Turnierverlauf war fragwürdig. Die Europäer, so schien es, wurden selten bevorzugt. Aber die Aufregung von Fetisow ist übertrieben. "Die Schiedsrichter waren in Ordnung", sagte Russlands Keeper Nikolai Khabibulin. "Wir sollten die Schuld bei uns suchen."

Doch es waren nicht nur die Europäer, die beim olympischen Eishockeyturnier für Misstöne abseits der Eisfläche sorgten. US-Trainer Herb Brooks etwa vergriff sich vor dem Viertelfinale gegen Deutschland kräftig, als er das Spiel in Zusammenhang mit dem Zweiten Weltkrieg rückte. Und der ehemalige NHL-Spieler Barry Melrose, heute Kommentator bei einem US-Fernehsender, philosophierte über die Unterschiede zwischen amerikanischen und europäischen Spielern: "Die Europäer in der NHL wollen gar nicht den Stanley-Cup gewinnen. Die interessieren sich nur für Olympia und Weltmeisterschaften. Die wollen ihre Nationalflagge an der Decke sehen und ihre Hymne hören. Schaut euch doch den Jaromir Jagr an, der Tscheche war der beste Stürmer bei Olympia. Aber so wie hier hat Jagr für seinen Klub, die Washington Capitals noch nie gespielt. Sonst wären die ja wohl kaum aus den Play-off-Rängen gerutscht."

Es ist schon seltsam, dass sich ausgerechnet die Amerikaner über übertriebenes nationales Empfinden lustig machen. Immerhin wird das "Miracle on Ice" in den USA noch heute als großer Triumph des amerikanischen Traums über den Kommunismus gesehen. Und sollten die USA heute das olympische Finale gegen den alten Rivalen Kanada verlieren, dann dürfte das so mancher Kommentator zwischen San Francisco und New York als Anflug einer nationalen Tragödie werten.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!