Zeitung Heute : Ein Sößchen zaubern

Helmut Schümann

Wie ein Vater die Stadt erleben kann

Kochen mit Paul ist schwierig. Der Pubertist war maßlos. Der hat gegessen, dass es fressen heißen muss. Seit Paul Postpubertist ist, ist er wählerisch. Gottlob nicht so arg wie M., der mit Paul gleichaltrige Sohn der Kollegin des Vaters. Der hat gerade seine Veganerphase überwunden. Weil er ein Freund der Tiere ist, hat er stattdessen naturbelassene Kräuter konsumiert. Also inhaliert, wie das Postpubertisten heutzutage gerne tun. Aber jetzt isst M. wieder Freunde.

Veganer hin oder her, Paul zu bekochen ist auch anstrengend. Was macht man da als Vater? Gestern hat der Vater Saltimbocca gemacht. Er hatte ein paar Kalbsschnitzel gekauft (sündhaft teuer), Salbei (auf dem Acker wäre er günstiger zu haben gewesen), Parmaschinken (kein Wort über den Grammpreis), Marsalawein (der Vater gönnt dem Kind ja Gutes), Ciabatta (damit der Postpubertist mal lernt, dass es nicht nur Toastbrot gibt). Dann hat der Vater die Schnitzelchen hauchdünn geschnitten. Hat sie gepfeffert, mit Parmaschinken belegt, ein Salbeiblatt mit einem Zahnstocher befestigt. Die Schnitzelchen brutzelten in der Pfanne, kurz nur, nicht mehr als drei Minuten pro Seite, und die Seite mit dem Salbeiblatt zuerst. Dann hob der Vater sie aus der Pfanne, Paul schaute zu. Dann goss der Vater den Wein in den Bratensatz. Paul schaute zu. Ohne den Vater über Gebühr loben zu wollen, es wurde ein Sauce – man kann sie nur Sößchen nennen, zum Niederknien, zum Vateranbeten, zum Reinsetzen.

Paul sagte: „Na ja. Okay. Deine Saucen waren auch schon mal besser.“

Der Vater sagte: Nichts.

Paul sagte: „Hab dich nicht so. Ich esse ja.“

Der Vater sagte: Nichts.

Paul sagte: „Sag mal, du bist doch morgen im Büro, wenn ich aus der Schule komme.“

Der Vater: „Ja.“

Paul: „Dann könnte ich mir doch einen Döner holen, wenn du mir Geld gibst.“

Der Vater sagte: Nichts.

Paul: „Und am Abend, wenn du nach Hause kommst, gehen wir zu Paolo, dem Italiener.“

Der Vater gab Paul drei Euro für den Döner. Immerhin räumte Paul in einem Akt der Solidarität ab. Was verstehen Postpubertisten vom Essen, dachte der Vater.

Lieblingsitaliener hat doch jeder selber. Da geben wir keinen Tipp ab.

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