Zeitung Heute : Ein spätes Lebenszeichen

Ihr Tod vor 43 Jahren gab immer wieder Rätsel auf. Und nun hat ein Mann Dokumente veröffentlicht, die vor allem eins zeigen: eine Frau voll Optimismus. Hat Marilyn Monroe sich wirklich umgebracht?

Christine Meffert[Los Angeles]

John W. Miner steht auf sehr kleinen Füßen im Gras des Friedhofes, einer Lichtung für die Toten im Wald der hohen Häuser von Westwood, Los Angeles.

Der Wind reißt blaue Löcher ins Himmelsgrau und zieht an den Haaren der Friedhofsbesucher. Das Gras ist nass vom Tau oder vom Rasensprenger, und Miners feine braune Lederschuhe haben Wasserränder bekommen. Es liegen nicht viele hier im Westwood Village Memorial Park. Das muss man sich erst einmal leisten können. Sechsstellige Beträge, sagt Miner hinter vorgehaltener Hand.

Auf dem Stein zu seinen Füßen stehen nur zwei Worte. Beloved Woman. Geliebte Frau. Da gibt einer ein Vermögen aus, um seine Frau zwischen Dean Martin, Billy Wilder, Walter Matthau und Jack Lemmon begraben zu lassen, und dann legt er sie in ein anonymes Grab. Doch nicht wegen dieser Frau ist John W. Miner hier.

Der einstige Staatsanwalt des Bezirks Los Angeles hat in seiner Karriere hunderte, ach, er winkt ab, tausende Leichen gesehen. Er hat so ziemlich alles gesehen, was Menschen anderen antun. Es gibt den Tod, es gibt Selbstmord, und es gibt Mord, und es ist nicht immer einfach, das auseinander zu halten.

„Ist es nicht einleuchtend“, sagt er, „dass der Mensch Gott erfunden hat? Der Mensch ist schließlich das einzige Lebewesen, das weiß, dass es stirbt.“ Nur wann und wie, das weiß er nicht. Außer der Mensch bringt sich selber um.

John W. Miner hat eine späte Mission. Er verdirbt sich seine Schuhe im Friedhofsgras, um einen amerikanischen Mythos aus der Welt zu schaffen, der von unbekannten Mächten vor mehr als 40 Jahren geschaffen wurde: der Mythos von der unglücklichen Göttin der Liebe, die aus dem Leben ging aus Angst vor Einsamkeit und Alter. John W. Miner will ein für alle Mal klarstellen, dass sich Marilyn Monroe nicht umgebracht hat, dass ihr Tod auch kein Unfall war. Marilyn Monroe, das will Miner beweisen, ist ermordet worden. Bevor ihn selbst der Tod holen kommt.

Miners Leben begann, als der erste Weltkrieg endete. Er ist 86 Jahre alt und kann lächelnd über einen Friedhof gehen. Ein Vernunftmensch, der das Leben liebt, so zeichnet er sein Selbstbildnis. Die Oper. Klassische Musik. Beethoven, sagt er triumphierend. Wagner. Jeder Name ein Tusch. Es gibt in Miners Leben das Verbrechen und die Kunst. Kann sein, dass er einmal größer war, jetzt misst er höchstens noch 1 Meter 60.

Sein Sommerhemd ist zitronengelb, sein Anzug hat die Farbe von Zimt. Über der Lippe trägt er die Erinnerung an einen Schnurrbart, nicht mehr als einen silbernen Schatten. Er geht durch das nasse Gras, geht auf das Columbarium am Rande des Friedhofs zu. Rote Rosen, weiße Rosen. Nur dieses eine Grab in der Steinwand ist geschmückt.

An ihrem Todestag, am 5. August dieses Jahres, hat Miner in der „Los Angeles Times“ Dinge über Marilyn Monroe öffentlich gemacht, die nicht für die Öffentlichkeit bestimmt waren. Marilyn Monroe soll kurz vor ihrem Tod Tonbänder für ihren Psychiater Ralph Greenson aufgenommen haben. Sie habe ihre Assoziationen aufgezeichnet, weil sie in der Anwesenheit ihres Psychiaters manchmal nichts zu sagen wusste, sagt Miner. Erst wenn sie allein war, kamen die Gefühle und Gedanken. Er, Miner, habe Mitschriften dieser Bänder gemacht.

Er habe Greenson damals aufgesucht, um als ermittelnder Bezirksstaatsanwalt die Wahrscheinlichkeit eines Selbstmordes zu erkunden. „Nichts“, habe Greenson gesagt, „nichts ist schlimmer für einen Psychiater, als dass sich sein Patient das Leben nimmt.“ Eine große Niederlage.

Aus diesem Grund habe er Miner die geheimen Bänder vorgespielt, um den Ermittlungen eine andere Richtung zu geben, um zu zeigen, dass sich diese Frau überhaupt nicht umgebracht haben kann.

Aber das mit der Seele ist wie immer so eine Sache.

Greenson hat Miner um Diskretion gebeten, Miner hat sich daran gehalten, auch als der Fall 1982 noch einmal aufgerollt wurde, hat er die Bänder zwar erwähnt, aber nicht über deren Inhalt gesprochen. 35 Jahre lang hat er geschwiegen. Dann hat er dem Biografen Matthew Smith einige der Zitate zugänglich gemacht.

„Greenson wurde 1997 plötzlich verdächtigt, für ihren Tod verantwortlich zu sein. Er hat damals nicht mehr gelebt, deshalb habe ich mich von seiner Witwe von meinem Versprechen befreien lassen“, sagt Miner. Als dann, in diesem Sommer, die „Los Angeles Times“ bei ihm nachforschte, gab er auch seine restlichen Mitschriften heraus.

Man kann das alles nicht beweisen, Greenson ist tot, alle anderen möglichen Zeugen sind tot, vor einigen Tagen ist auch noch Monroes erster Ehemann gestorben, und Greensons Witwe sagt, sie wisse nichts von irgendwelchen Bändern. Aber einige, der große Enthüllungsjournalist Seymour M. Hersh vom Magazin „The New Yorker“ und der britische Autor Matthew Smith, halten Miner für vertrauenswürdig.

In Miners Aufzeichnungen gibt es ziemlich intime Stellen, über Männer und Frauen, und was sie, Marilyn, mit ihnen hatte, über ihren Körper, wie er war, als sie nicht mehr ganz jung war. Über ihre Ehemänner Joe DiMaggio und Arthur Miller. Auch, dass sie nie einen Orgasmus hatte, bis ihr der Psychiater erklärte, wie man das selbst macht, hat Miner notiert. Mal habe sich ihre Stimme überschlagen, mal sei sie sehr fröhlich gewesen, sagt er.

Doch all das ist für den Vernunftmenschen in erster Linie alter Klatsch. Wichtig für Miner ist die Tatsache, er sagt tatsächlich „the fact“, dass aus diesen Aufzeichnungen eine Lebensfreude spreche, die die Selbstmordtheorie ad absurdum führe. Entscheidend für ihn sind vor allem ihre beruflichen Pläne, von denen sie ihrem Psychiater auf den Bändern erzählte. Miner notierte.

„Ich werde ein Jahr lang mit Lee Strasberg Shakespeare studieren. Ich werde ihn dafür bezahlen, dass er nur mit mir arbeitet. Er sagte, ich könnte Shakespeare spielen. Das soll er mir beweisen… Dann werde ich das Marilyn-Monroe-Shakespeare-Film-Festival produzieren… Sie müssen mich dafür noch ein Jahr zusammenhalten. Ich bezahle Sie dafür, Ihr einziger Patient zu sein… Als Erstes werde ich die Julia spielen, lachen Sie nicht… Ich bin sicher, ich werde einen Oscar für eine von Shakespeares Frauenrollen bekommen.“

Zukunft in ihren Worten, wenn es denn ihre Worte sind. Es ist schon seltsam, da spekuliert ein 86-Jähriger über die Lebensfreude einer Frau, die seit 43 Jahren tot ist.

John W. Miner hat 1963, ein Jahr nach Monroes Tod, das Institut für Psychiatrie und Recht an der Universität von Kalifornien gegründet. Er war einer der Ersten, der in Kalifornien die Auffassung vertrat, dass der Kriminologe nicht nur den Dingen, sondern auch der Seele auf den Grund gehen müsse. Auch die Miner- Monroe-Theorie stützt sich auf die Seele.

Marilyn Monroe leuchtet immer noch. Hat es in Hollywood jemals wieder eine Erscheinung gegeben wie sie? Vor fast einem halben Jahrhundert wurde die Grabplatte hinter ihr geschlossen. Es gibt den Mythos, und es gibt diese Platte. Was ist wohl von ihr übrig dahinter?

Genug, sagt Miner. Genug für seine Zwecke. Die Leiche liegt in einem oberirdischen Grab, und in Los Angeles regnet es selten.

Er strafft sich und tippt mit den Fingerspitzen seiner knochigen Hand, sachte, um die Tote nicht zu stören, an das Grab. Diese Platte, sagt er, muss geöffnet werden, damit endlich mit allen Mitteln der Forensik seine Theorie bewiesen werden kann.

Es ist jetzt Nachmittag geworden, es ist warm, das Zimmer ist gestreift von Lichtstrahlen, die durch die Jalousien dringen. Miners Haus liegt in den Hügeln über Hollywood, nicht weit vom Sunset Boulevard. Manchmal muss man zehn Minuten vor dem Haus warten, wenn man auf die andere Seite will. Die Pendler jagen den Berg hinauf, heim in die Häuser hinter den Hügeln. Miner lebt seit ein paar Jahren hier, seit der Scheidung von seiner zweiten Frau. Im Wohnzimmer hängt ein Plakat der MM.

Als John W. Miner Marilyn Monroe am 5. August 1962 zum ersten und letzten Mal sah, lag sie tot vor ihm auf dem Operationstisch. Er war dabei, als der Pathologe Thomas Noguchi die amtliche Autopsie der Leiche vornahm.

Marilyn Monroe war in der Nacht zuvor nackt auf ihrem Bett gefunden worden. Als Todesursache konnte Noguchi Barbiturate in großer Menge ausmachen, sie musste wenigstens 40 Kapseln geschluckt haben, sagt Miner. Und nun kommt der Kern seiner Theorie: Bei der Dosis, die sie im Körper hatte, hätte sie sterben müssen, bevor die Tabletten völlig absorbiert waren. Noguchi hätte also Tablettenreste in ihrem Magen finden müssen. Doch der Magen war leer.

„Wir haben jeden Quadratzentimeter ihres Körpers mit dem Vergrößerungsglas abgesucht, auch die Ohrmuscheln, das Rektum, die Nasenlöcher – kein Einstich, nirgends, und für die Menge, die sie intus hatte, hätte man die Spritze eines Pferdedoktors gebraucht.“

„Was also“, fragt John W. Miner aufgeregt und beugt sich nach vorn, „was bleibt übrig, wenn sie das Zeug nicht geschluckt hat oder gespritzt bekam?“ Natürlich beantwortet er sich die Frage selbst: Jemand muss es ihr mit einem Einlauf verabreicht haben. Marilyn Monroe habe häufig Einläufe erhalten, von der ihr ansonsten verhassten Haushälterin Eunice Murray. Auch dazu findet sich ein Zitat in Miners Notizen der geheimen Bänder. „Bitte helfen Sie mir, Murray loszuwerden. Als sie mir gestern Nacht einen Einlauf gab, dachte ich mir: Lady, obwohl du das gut kannst, musst du gehen. Aber wie, ich kann sie nicht feuern. Sie würde ein Vermögen damit machen, wenn sie ausplaudert, was sie weiß.“

Und dann haben Noguchi und Miner noch etwas gefunden: Eine Stelle ihres Dickdarms war tiefrot eingefärbt, was die beiden zu der Annahme veranlasste, dass diese Stelle dem Gift direkt ausgesetzt war. Bei einer erneuten Autopsie müsste dieses Stück des Dickdarms untersucht werden, sagt Miner.

Theodore Curphey, der Untersuchungsrichter, hörte damals nicht auf ihn. Er bestimmte stattdessen ein Team von drei Psychiatern, das die Wahrscheinlichkeit eines Selbstmords untersuchen sollte. Nach Auffassung von Miner haben sie nicht viel untersucht. Am 17. August, noch nicht einmal zwei Wochen nach Monroes Tod, gab der Untersuchungsrichter die Devise aus: „wahrscheinlich Selbstmord“.

Es gab noch andere Ungereimtheiten. Der Sergeant, der in der Nacht als erster Polizist am Tatort war, Stunden nach Marilyns Tod wurde er erst angerufen, hat diesen noch nicht einmal abgesperrt: „Die Leute konnten kommen und gehen wie auf einem Hauptbahnhof, es wurden keine Fingerabdrücke genommen, keine Fasern sichergestellt, nichts.“ Auch die Haushälterin Eunice Murray wurde nie ausführlich befragt. Die Gewebe- und Blutproben wurden kurz nach der Autopsie vernichtet.

Aber warum sind die Ermittlungen so schlampig geführt worden? Miner glaubt: Weil jemand die Macht hatte zu befehlen: Das ist ein Selbstmord, und nichts soll dem widersprechen.

Wenn es aber Mord war – who’s done it? Die Kennedy-Brüder, John und Robert, sind verdächtigt worden, beide sollen mit Monroe liiert gewesen sein, andere tippten auf die CIA oder die Mafia. Miner sagt, er habe keinen Verdacht, das seien Spekulationen. Er glaubt allerdings, dass die Haushälterin involviert war. In der Todesnacht hat sie, noch bevor die Polizei kam, Monroes Bettzeug gewaschen.

Warum hat er nicht alles schon viel früher an die Öffentlichkeit gebracht? Darauf hat John W. Miner keine wirklich gute Antwort: Er sagt, der Untersuchungsrichter habe eben das letzte Wort gehabt damals. Doch später habe er das Gefühl gehabt, die Sache nicht auf sich beruhen lassen zu dürfen.

Jedes Jahr im August muss Marilyn Monroe wieder auferstehen, ihre Fotos werden noch einmal herumgereicht, und es wird noch einmal das alte Garn gesponnen. John W. Miner hat in diesem Sommer, 43 Jahre nach ihrem Tod, neues Garn aus der Schublade geholt. Ob es welches sein wird, das diesen Sommer überdauert, wird man nur dann erfahren: wenn Marilyn Monroes Grab noch einmal geöffnet wird.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!