Zeitung Heute : Ein Spiel macht Ernst

An der Parteienbörse Wahlstreet im Internet werden politische Spekulanten zu Meinungsforschern. Die von ihnen aufgestellten Prognosen gelten längst als Alternative zu den klassischen Umfragen der großen Institute. Und Spaß bringt’s auch.

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Von Andreas Kaiser

Es gibt Sie doch, die Profiteure der Flutkatastrophe. Bei Wahlstreet, der Parteienbörse im Internet konnten abgebrühte Broker mit den Aktien der Grünen innerhalb nur weniger Stunden satte Gewinne einstreichen. Seit einigen Wochen blüht der Handel mit virtuellen Wertpapieren. Pünktlich zur Bundestagswahl veranstaltet das Team von Tagesspiegel Online zum nunmehr dritten Mal seine so genannte Wahlstreet.

1988 an der US-Universität in Iowa entwickelt, haben sich die Wahlbörsen längst zu einer vergleichsweise preiswerten und wirkungsvollen Konkurrenz für die Meinungsforschungsinstitute entwickelt. Bereits im Vorfeld der Bundestagswahl 1998 hatten die Zeit und der Tagesspiegel in Kooperation mit dem Oldenburger Internet-Dienstleister Ecce Terram erstmals einen Electronic Stock Market veranstaltet. Der Erfolg war - ähnlich wie bei den Testläufen 1988 in den USA und 1994 in Österreich - auch in Deutschland durchschlagend. Lediglich getoppt von Allensbach, lieferte die Internet-Börse eine exaktere Wahlprognose als Emnid, Forsa, Infratest dimap sowie die Forschungsgruppe Wahlen.

Der Jubel in der Szene war groß. Das anerkannte Netzmagazin „Telepolis“ etwa meldete: „Die Online-Orakel bilden eine neuartige Konkurrenz für die etablierten Umfrage-Institute.“ Sogar die eher kapitalismuskritische „taz“ gestand ein, dass Börsianer die besseren Wahlforscher sind: „Wenn man also menschliches Verhalten vorhersagen will, so simuliert man es am besten an einer Börse“, schrieb Gerhard Weinreich.

Dabei ist das Grundprinzip von Wahlstreet denkbar einfach: Der Kurs der Aktien soll zum Handelsschluss möglichst nah das Wahlergebnis der Parteien in Prozentzahlen widerspiegeln. Die Technologie basiert auf einer Theorie des Wirtschaftwissenschaftlers und Nobelpreisträgers Friedrich von Hajek, wonach Preise ein Indikator für verteilte Informationen seien. Eine Börse müsse demnach neben ökonomischen Aussagen auch verlässliche Angaben über politische Bereiche treffen können. „Ich denke, dass durch die Aussicht auf Gewinn und Verlust mehr Reflektion erzielt werden kann, als mit einer simplen Frage, wer gewinnt die Wahl“, sagt Tagesspiegel-Geschäftsführer Joachim Meinhold.

Während sich bei den Sonntagsfragen der Institute etliche Befragte schon mal von kurzlebigen Stimmungslagen leiten lassen oder mit ihren politischen Überzeugungen hinterm Berg halten, erfolgt der Handel bei der Wahlstreet stets mit Blick auf den Wahltag. Dies sei auch der Grund dafür, warum sich die Aktienwerte der großen Parteien CDU und SPD bei der Wahlstreet schwerfälliger bewegen als bei Meinungsumfragen, sagt Frank Simon, Geschäftsführer von Ecce Terram. Der Einsatz eines, wenn auch kleinen Geldbetrages sei wichtig, damit die Händler mit Ernst bei der Sache sind, und sich nicht von ihren politischen Vorlieben leiten lassen, sagt Simon.

Seit dem Handelsbeginn im Juni zeichnen die Kurse der Parteiaktien pointiert und schnell die Höhen und Tiefen des Wahlkampfes nach. „Die Prognoseschnelligkeit ist ein deutlicher Vorteil“, sagt Karsten Polthier vom Marktforschungsinstitut Innofact. Seinen Angaben zufolge waren die Vorhersagen aus dem Netz den Meinungsforschern etwa bei dem Hochwasser stets eine Woche voraus. Während zahlreiche Meinungsforscher zu Beginn der Flut noch mutmaßten, die Katastrophe werde keinen Einfluss auf das Wahlverhalten haben, stiegen die Aktien der Umweltpartei im Internet innerhalb weniger Stunden von knapp sieben auf rund acht Prozent und halten sich seither stabil auf diesem Wert. Erst mit fünf Tagen Verspätung zogen die Institute nach.

Wechselwirkungen gibt es allerdings auch umgekehrt. Jede neue, klassisch erhobene Wahlprognose beeinflusst auch das Aktiengeschäft im Netz. Einige Meinungsforscher haben der Wahlstreet daher schon 1998 die Ernsthaftigkeit abgesprochen. „Das ist zwar interessant aber keinesfalls repräsentativ“, äußerte Richard Hilmar von Infratest dimap.

Für viele User stehen ohnehin weniger die prognostischen Fähigkeiten im Vordergrund, als vielmehr das Spiel selbst. „Es ist enorm spannend zu sehen, wie sich die Kurse entwickeln. Die Entscheidung, bestimmte Aktien ein paar Stunden länger festzuhalten, sie wirklich bis zum Peak auszureizen, oder doch lieber sofort abzustoßen – das ist ein bisschen so wie Roulette spielen“, sagt der Börsianer Markus Wachmann.

Seit der Geburtsstunde von Wahlstreet im Jahr 1996 entwickelt Ecce Terram ihre Software permanent weiter. Bei der jetzigen Wahl können sich Einzelspieler zu Gemeinschaften zusammenfinden und sich mit anderen Teams messen.

Obwohl die durchschnittliche Rendite bei Wahlstreet laut Simon knapp sieben Prozent beträgt, machen sich Zocker neben den so genannten Futures (siehe Kasten rechts) gerne die oft extremen Kursschwankungen bei den kleineren Parteien zunutze. Einem Düsseldorfer Physiker etwa war es bei der Wahl 1998 gelungen, sein Startkapital von zehn Mark auf einen Gewinn von 58,50 Mark hochzuschrauben. Seine Gewinne fuhr er, wie er sagte, mit kurzfristigen Engagements bei den Bündnisgrünen und den Aktien der „Sonstigen Parteien“ ein.

Der Autor ist Redaktionsleiter der Urban Media GmbH (Tagesspiegel Online, meinberlin.de und Zitty Online). Foto: vario-press/Montage: Roth

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