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57 Jubilarinnen und Jubilare feierten Ende Oktober an der Freien Universität Goldene Promotion.

Gisela Gross
Ein Globetrotter: Reinhard Freiberg an der Freien Universität. Foto: B. Wannenmacher
Ein Globetrotter: Reinhard Freiberg an der Freien Universität. Foto: B. Wannenmacher

Generationenaufgabe Neuanfang: Wer wie Reinhard Yoav Freiberg im Jahre 1962 an der Freien Universität promovierte, war aufgewachsen in Zeiten des Rassenhasses, der Verfolgung und Zerstörung – und machte es sich nicht selten zur Aufgabe, dem etwas entgegenzusetzen. „Wir verließen die Universität als Demokraten“, bilanziert der Politologe und Publizist Freiberg heute. Bei seiner Festrede vor 56 weiteren Jubilarinnen und Jubilaren, die Ende Oktober noch einmal an die Freie Universität gekommen waren, um ihre Goldene Promotion zu feiern, blickte er zurück auf die Anfänge und auf seine Karriere. Diese führte ihn in die internationalen Büros des Kinderhilfswerks UNICEF. Der gebürtige Berliner setzte sich nach seinem Studienabschluss für bessere Lebensbedingungen von Kindern ein: „Ich wurde in schwierigen Zeiten in eine Familie mit französisch-hugenottischen und deutsch-jüdischen Wurzeln geboren und wollte auch angesichts der Situation im Nahen Osten etwas Positives tun“, erzählt Reinhard Yoav Freiberg. Grundlage dafür war ein Studium in den Fächern Publizistik, Politologie, Völkerrecht und Romanistik, das er 1956 an der Freien Universität aufnahm. Damit war der Festredner einer der wenigen Geisteswissenschaftler unter den Promovenden von 1962: Mehr als die Hälfte hatten an der ehemaligen Medizinischen Fakultät studiert, der heutigen Charité – Universitätsmedizin Berlin.

Freiberg hingegen nahm im Alter von 25 Jahren und „eigentlich ohne Arbeitserfahrung“ eine Stelle im UNICEF-Europabüro in Paris an. Ohne sich zu habilitieren, also anders, als es sein Professor gehofft habe. Mehr als 30 Jahre sollte er im Anschluss für das Kinderhilfswerk tätig sein, unter anderem in der Öffentlichkeitsarbeit. Stillstand ist für den 75-Jährigen bis heute undenkbar – nach einer Karriere mit Reisen in mehr als 100 Länder aller Kontinente und Dienststationen in Paris, Santiago de Chile, New York und Genf. Acht Sprachen studierte er – und gebraucht sie bis heute häufig. Nach seiner Pensionierung war Freiberg noch zehn Jahre ehrenamtlich als Berater am Harry Truman Research Institute der Hebräischen Universität in Jerusalem tätig, das sich durch Projekte mit Kindern, Jugendlichen und Erziehern unter anderem dafür einsetzt, ein positives und friedensbildendes Umfeld für Kinder in Israel und Palästina zu schaffen. In Jerusalem verbringt Freiberg heute neben Rom und Paris die meiste Zeit des Jahres – im deutschen Sprachraum hat er seit seiner Studienzeit nie wieder gelebt.

Als prägend beschreibt Freiberg die Berliner Zeit dennoch: die Jahre an der Schulfarm Insel Scharfenberg im Tegeler See ebenso wie das Studium an der Freien Universität. „Was ich damals gelernt habe, hat mir später in vielen Lebenssituationen enorm geholfen – nicht nur im Hinblick auf die Sprachen, sondern auf das, was die Substanz, das politische Interesse anbelangt.“

Noch heute schwärmt Freiberg von „fantastischen Professoren“, die ihn damals in der Wahl seines Dissertationsthemas bestärkt hätten. Freiberg beschäftigte sich mit der Untergrundpresse der französischen Widerstandsbewegung während der deutschen Besatzung in Frankreich – ein Thema, dessen sich bis dahin noch niemand angenommen hatte. Die Arbeit wurde mit „magna cum laude“ bewertet: „Ich weiß selbst nicht, wie ich das geschafft habe“, fügt er lachend hinzu. „Damals hatte kein Student Geld, wir waren abhängig von Stipendien, die immer wieder neu beantragt werden mussten. Wir waren uns der Ehre bewusst, promovieren zu dürfen“, erinnert er sich.

Die Rückkehr an seine Alma Mater anlässlich der Goldenen Promotion und das Wiedersehen mit Weggefährten von einst ist für Freiberg auch eine Rückkehr in ein eigentlich abgeschlossenes Kapitel seines Lebens. Zwar kommt er jedes Jahr für einige Tage nach Berlin, und genießt das „reiche kulturelle Angebot der Stadt in vollen Zügen“. Doch ein Umzug stand bis heute nicht zur Debatte: „Ich habe mich immer gerade dort zu Hause gefühlt, wo ich gelebt habe.“ Gisela Gross

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