Zeitung Heute : Ein Städtchen namens Alphaville

Mehr als ein Computerspiel: Die Online-Version der „Sims“ folgt dem wahren Leben

Lukas-Christian Fischer Daniel Kreuscher

Von Lukas-Christian Fischer

und Daniel Kreuscher

Xavier Dawson hatte eine erfolgreiche Woche. Der kleine Laden, den er erst kürzlich in der Stadt Alphaville eröffnete, läuft erstaunlich gut. Heute macht der Kleinunternehmer trotz guter Geschäfte früher Schluss, um sich weiterzubilden: Er will Kochen lernen. Anschließend steht noch eine Runde Billard auf dem Plan, um den Tag gemütlich ausklingen zu lassen. Es ist 14 Uhr. Xavier Dawson weiß noch nicht, dass er in zwei Stunden nicht mehr am Leben sein wird. Der einzige Grund für sein frühzeitiges Ableben: Er ist zu hässlich. So urteilt Andre Kästner. Der 19-Jährige ist mit seiner Schöpfung nicht zufrieden und hat sich deshalb entschieden, unter Dawsons Existenz einen Schlussstrich zu ziehen.

Eines Verbrechens macht sich der gelernte Einzelhandelskaufmann aus Hof dabei nicht schuldig. Denn sowohl der Ladenbesitzer als auch das Städtchen Alphaville existieren nur im virtuellen Raum. Dawson ist ein Sim, eine jener Figuren aus der Welt der Computersimulation „Die Sims“, mit der der Spielehersteller Electronic Arts (EA, www.ea.com ) zahlreiche Verkaufsrekorde gebrochen hat. Weltweit über 24 Millionen Mal wurde die Sims-Reihe bislang verkauft, zwei Millionen davon allein in Deutschland.

Sinn und Ablauf des Spiels sind schnell erklärt: Der Spieler lenkt eine selbst kreierte Figur durch einen vom Computer simulierten Alltag. Die charakterliche und soziale Entwicklung des Sims hängt davon ab, wie der User ihn mit seiner Umwelt interagieren lässt. Ein bestimmtes Ziel muss nicht erreicht werden, ganz wie in der Wirklichkeit ist der Sinn des Spiels das Leben selbst.

Andre Kästner ist Teil dieser Gemeinschaft. Allerdings ist er den meisten Mitgliedern der deutschen Sims-Community einen Schritt voraus, denn der Oberfranke spielt eine Ausgabe des Spiels, die bislang nur als US-Import in Deutschland verfügbar ist: „The Sims Online“. Für knapp zehn Dollar monatlich darf sich Kästner auf den speziellen Servern in den USA einloggen. Der Spielablauf der Online-Version unterscheidet sich nur unwesentlich von der bisherigen Fassung. Während sich die sozialen Kontakte eines Simsianers offline jedoch auf computergenerierte Nachbarn und Freunde beschränken, bevölkern ausschließlich von realen Menschen gesteuerte Charaktere die digitalen Landschaften. Zehn solcher virtuellen Siedlungen wurden bereits gegründet, Alphaville ist die bislang größte. Bei seinen ersten Versuchen als Tester der amerikanischen Beta-Version hatte Kästner aufgrund seiner unzureichenden Sprachkenntnisse noch Probleme. Glücklicherweise traf er auf eine Gruppe hilfsbereiter Sims, die ihm Englisch beibrachten. Überraschend ist das nicht, denn Teamwork wird bei Sims Online groß geschrieben.

Neben Amerikanern und Australiern ist Andre Kästner nach langem Suchen auch auf eine kleine Gruppe deutscher Spieler getroffen, in deren elektronischen Wohngemeinschaft er inzwischen ein- und ausgeht. Hier traf er auch auf einen weiblichen Sim, gesteuert von einer jungen Frau aus Offenburg, mit der er nicht nur eine Sims-Beziehung einging: „Auch im wirklichen Leben hat es zwischen uns gefunkt“, berichtet Andre Kästner lachend. „Allerdings waren wir nur für zwei Wochen ein Paar. Trotz dieser Enttäuschung macht das Kennenlernen von anderen Usern einen großen Teil seiner Motivation aus: „Es macht mir Spaß, zusammen mit anderen Menschen zu spielen“, sagt Kästner. Doch das ist gar nicht so einfach, denn von den registrierten Spielern sind nur wenige aus Deutschland. Vor allem die technischen und finanziellen Voraussetzungen, wie DSL-Verbindung und monatliche Gebühren, hemmen die Bereitschaft, die Sims Online zu spielen.

Auch EA ist sich dieser Probleme bewusst. Als der Spielehersteller im vergangenen Jahr 300 Millionen US-Dollar für das Projekt bereitstellte, rechnete man mit 200 000 Abonnenten in den ersten drei Monaten. Es wurden nur 80 000 – zu wenig. Während bei EA an neuen Konzepten gefeilt wird, loggt sich Kästner wieder ein und leitet um 16 Uhr den Exitus seines Sims Xavier Dawson ein. Dessen Nachfolger ist bereits erschaffen: Craig Willmore. Ob dieser Sim den Ansprüchen seines Schöpfers genügen wird, ist noch fraglich. Einen wesentlichen Vorteil gegenüber Xavier Dawson hat er bereits: Craig Willmore sieht besser aus.

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