Zeitung Heute : Ein stiller Rufer

Der Tagesspiegel

Von Armin Lehmann

Dußen blitzt es und donnert, schwarze Regenwolken haben sich vor das Bürofenster geschoben. Auch drinnen wird es dunkel. Nur die weißen, zerzausten Haare auf dem Kopf von Gerd Poppe sind noch zu erkennen. Und ein chinesischer Wandstoff direkt hinter seinem Sessel. Darauf zu sehen ist eine seltsam knöcherne Gestalt, die sehr entschlossen auf ihn herunterguckt. Mit einem bisschen Fantasie sieht sie aus wie Poppes Bodyguard, wie sein Beschützer. Ein chinesischer Dissident hat dem Menschenrechtsbeauftragten der Bundesregierung im Auswärtigen Amt (AA) verraten, was das Stoffsymbol zu bedeuten hat: Es vertreibt Geister, und das kann sehr hilfreich sein.

Viel Hilfe hat Gerd Poppe nämlich nicht, obwohl er doch mit seinem 1998 geschaffenen Amt ein Symbol sein sollte für die neue rot-grüne Menschenrechtspolitik. Er hat eine treue Sektretärin, einen jungen, eleganten Diplomaten als Referenten, aber keinen Posten im Haushalt des Ministeriums, kein Geld. Deshalb höhnt zum Beispiel die Berliner „Tageszeitung", dass von Poppe nichts zu erwarten sei. Deshalb grummeln seine alten Freunde aus der DDR-Bürgerbewegung: Niemand nehme Poppes Amt wahr, niemand wisse, wofür rot-grüne Menschenrechtspolitik stehe. Deshalb behaupten Menschenrechtsorganisationen, der Mann sei ein Alibi für Rot-Grün. Ein Placebo.

Die Kritik aber prallt von Poppe ab wie von einer Gummiwand: Erregung ist dem rundlichen Grünen-Politiker mit dem Schnauzer und den feinen Händen kaum anzusehen. Nur seine kleinen Augen verraten ihn. Hinter der großen Brille werden sie manchmal noch winziger. Das ist ein Zeichen: Er kann auch wütend werden. Dann brummt er: „Ich kenne diese polemische Frage: Was macht der Poppe eigentlich? Das sind dämliche, unterschwellige Vorwürfe. Wer es wissen will, der soll mich fragen.“

Also gut, Herr Poppe, was machen Sie?

Poppe reist. Er war seit 1998 schon fast in der ganzen Welt: Indonesien, Ost-Timor, Indien, Pakistan, Palästina, Nigeria, Mali, Kolumbien, Guatemala, Georgien, Armenien, Chile, Peru, Vietnam, Kambodscha. Jetzt will er bald nach Afghanistan. Und nach China, wohin Kanzler Schröder ausgerechnet ihn, den Menschenrechtsbeauftragten, im Mai 1999 nicht mitgenommen hatte. Poppe musste es schlucken, und fortan hieß sein Konzept: Dort hingehen, wo andere nicht hingehen, mit mehr Zeit, mehr Wissen, nur nicht als Alibi. Das ist sein Programm. Und seine Aufgabe: der Dialog. Er führt an den vielen Orten viele Gespräche mit wichtigen und unwichtigen Menschen, er schreibt darüber Berichte, er schlägt den Referenten im AA Projekte vor. Außerhalb des Apparates erfährt meist niemand davon.

Poppe kümmert das nicht, er kümmert sich weiter, häuft Wissen an. Er weiß Bescheid in der Welt, beeindruckt mit Details, kann ununterbrochen referieren: über die Situation in Sierra Leone, den Kampf gegen die Ausbildung von Kindern zu Soldaten, den kolumbianischen Friedensprozess, über Resolutionen zu Frauenrechten oder Diskussionen in Genf und New York. Manchmal schreibt Poppe auch eine Meldung an die Presse: „Der Beauftragte der Bundesregierung für Menschenrechtspolitik äußerte sich besorgt über Berichte von Todesdrohungen gegenüber Menschenrechtsverteidigern in West Papua.“ Zu den Gefangenen auf Guantánamo, zu Nahost, zu Afghanistan und China, zur Einwanderungsfrage und zur Entwicklungspolitik, die nach Ansicht der Koalition für die Menschenrechtsfrage so wichtig sei, schreibt Poppe keine Meldungen.

Poppe sagt: Warum solle er sich zu einem Thema öffentlich äußern, wenn der Außenminister dies schon getan habe? Und er ist ganz sicher: „Wenn ich etwas erreichen will, ist das nicht mit lautem Getöse möglich.“ Er schimpft auf die Moralisten, er sagt, es geht „mir um das Machbare, nicht um Utopien". Als der russische Ministerpräsident Putin im vergangenen September in Deutschland war, hat Poppe tschetschenische Anwälte empfangen und hinterher musste er den wütenden Botschafter Russlands beruhigen. Das sind seine Siege, Poppes Kämpfe, Kleinstkonflikte nennt er sie, die er schüre und wieder runterfahre.

Dabei hat Poppe gelernt, die ganz großen Konflikte zu meistern. Auf seine Art. Erst leise, dann immer lauter. So sind Grenzen zwischen Ost und West gefallen, wurden Mauern eingerissen. Poppe hat daran gearbeitet. Mit langem Atem, mit Akribie, mit „geduldigem Insistieren“, wie er es ausdrückt. Viele Jahre hat Poppe das getan, in der DDR - und im wiedervereinten Deutschland.

Poppe, 1941 in Rostock geboren, gehörte zu den Aufmüpfigen in der DDR. 44 inoffizielle Mitarbeiter der Stasi waren auf ihn und seine Ex-Frau Ulrike angesetzt. Der diplomierte Physiker hatte Kontakte zum westdeutschen Studentenführer Rudi Dutschke, war mit Robert Havemann befreundet und mit den Unterzeichnern der „Charta 77“ in der Tschechoslowakei auch, er protestierte gegen die Ausweisung Wolf Biermanns – all das bewertet die Stasi und verhängt ein Berufsverbot gegen Poppe. Der sicher geglaubte Job bei der Akademie der Wissenschaften dahin, statt dessen Maschinist in einer Berliner Schwimmhalle. Poppe wird mit seiner Frau mehrfach festgenommen, verhört. Aber er bleibt hartnäckig, gründet 1985 mit Bärbel Bohley und Wolfgang Templin die „Initiative Frieden und Menschenrechte“, einen Katalysator der friedlichen Revolution.

Nach der Wende wird Poppe Bundestagsabgeordneter für Bündnis90/Die Grünen, 1994 außenpolitischer Sprecher seiner Fraktion, er hadert damals wie heute noch mit seiner west-dominierten Partei, aber er lässt sich den Mund nicht verbieten, redet brillant, schreibt auch für Fischer so manches Redemanuskript. Er ist ein einsamer Vordenker jenes grünen Selbstverständnisses, das die Partei am vorvergangenen Wochenende in Berlin mit dem Grundsatzprogramm absegnete: Gewaltfreiheit darf kein Dogma sein. Ein genereller Pazifismus, sagt Poppe noch heute zur Begründung seiner damals gewonnen Überzeugung, ist nichts für eine Partei, nur für ein Individuum. Schon 1993 spricht er sich für militärische Maßnahmen in Ex-Jugoslawien aus, 1996 für den Erhalt und die Ausdehnung der Nato unter Einbeziehung Russlands, er gehört zur Minderheit in seiner Partei, von der er sich immer weiter entfernt, - bis ihn Joschka Fischer1998 erlöst und quasi als Dankeschön für Poppes Qual dessen heutiges Amt erfindet. Aus Bürgerrechten wurden Menschenrechte, das passte schon.

Poppe wollte da weitermachen, wo er aufgehört hat, beim „geduldigen Insistieren“, beim Aufbauen von Kontakten, von Netzwerken. Aber Poppe sei, sagen Vertreter von Amnesty International oder der Heinrich-Böll-Stiftung, ein Gefangener in der Konstruktion seines Amtes. Das stimmt wohl, denn Poppe ist ein politischer Angestellter im AA, kein Beamter. Er kam von außen, er musste das erleben, was die engsten Mitarbeiter von Joschka Fischer, ja der Außenminister selbst, erlebt haben: feindliche Gesinnung. Schließlich war das Auswärtige Amt Jahre lang westlich, männlich, adlig, liberal-konservativ geprägt. Poppe, ein Grüner wie sein Chef und auch noch Ossi! Er kämpft hier nicht um Einfluss, er hat keinen.

Dabei sollte das seine Rolle sein: Ein laut hörbarer Poppe, einer, der sich bewusst absetzt von Fischer, der auch mal poltert, um damit der rot-grünen Menschenrechtspolitik ein Gesicht zu geben. Ein mit den Nichtregierungsorganisationen, mit Menschenrechtsausschüssen, mit den Botschaften vernetzter Poppe, der dadurch an Statur gewinnt, der sich Rückendeckung holen kann von draußen, von denen, die Rot-Grün auch wegen der versprochenen Neuorientierung in Menschenrechtsfragen gewählt haben. Aber Poppe will diese Rolle partout nicht spielen. Kein Streit, kein bisschen Rempelei. Statt dessen der sture, der so penetrant gelassene, auch resignierende Poppe: „Ich habe hier meine Freiheiten. Und ich habe keinen Streit, auch nicht mit dem Außenminister. Vielleicht stört das einige.“

Nach langer Rede, nach viel „wir“ und wenig „ich“, hält Poppe inne. Seine Augen sind jetzt wieder sehr klein, aber nicht wütend. Er sagt: „Ja, manchmal wünsche ich mir mehr Einfluss. Aber so ist nun einmal das Los.“

Die Regenwolken vor dem Bürofenster sind weg. Und plötzlich spricht hier Joschka Fischer. Dieselben verkniffenen Augen, das zerknitterte Gesicht, die gleiche Gestik wie sein Chef. Der Außenminister will nach dem 22. September in seinem Amt bleiben, Poppe auch. Er liebt es, denn hier im Außenministerium ist er für seine Aufgabe gut geschützt. So gut, dass ihn draußen niemand hört.

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