Zeitung Heute : Ein Studio voller Narren

Urban Media GmbH

Von Vincenzo Delle Donne

Ob Klaus-Peter Siegloch oder Jens Riewa solche Arbeitsbedingungen gefallen würden? Von zwei prallbusigen, halbnackten Frauen tänzelnd die Meldungen überbracht zu bekommen. Und was sie dann zu lauter Musik verlesen würden, wäre aberwitzig, skandalös, skurril: Geschichten, wie Taxifahrer ihre Taxameter frisieren und die Kunden betrügen, wie Tankstellenpächter mittels Manipulation an den Zapfsäulen den Autofahrern weniger Benzin herausgeben, als diese bezahlen, oder wie Fernseh-Beiträge gefälscht werden. Skandalgeschichten also, wie sie im Alltag vorkommen. Die italienische Sendung „Striscia la notizia“ läuft tatsächlich so ab. Häufig werden aber auch Äußerungen oder Grimassen von Prominenten aus dem Fernsehen gesendet, die heimlich vor der eigentlichen Live-Schaltung mitgeschnitten wurden und die wahre Persönlichkeit hinter der Fassade dokumentieren.

Von den Zuschauern wird dieses Konzept mit sagenhaften Einschaltquoten honoriert. Über elf Millionen Italiener schauen durchschnittlich bei der Sendung zu, die übersetzt „Gegen den Stich gebürstete Nachrichten“ heißt und auf Berlusconis Mediaset-Sender Canale5 um 20Uhr30, gleich nach den normalen Nachrichten, läuft. Manchmal erreicht die Sendung sogar die magische 13 Millionen-Marke. So viel wie die beiden wichtigsten Hauptnachrichtensendungen TG1 des staatlichen RAI-Uno- Kanals und TG5 von Mediaset zusammen an Zuschauern haben.

„Striscia la notizia“ spielt mit dem typischen Rollenverhalten zwischen Frauen und Männern. Die Grundkonstellation bilden gut aussehende Frauen, die aber nichts zu sagen haben, und alles bestimmende Männer. Ein Muster, das es selbst in der italienischen Gesellschaft nicht mehr gibt. Eine bunte Mischung aus Kalauern und böser Häme entsteht, die regelmäßig von überlangen Werbeblöcken unterbrochen wird.

Als Reporter hampelt außerdem eine rote Puppe namens „Gabibbo“ in ganz Italien herum, die für die Zuschauer so etwas wie ein TV-Robin-Hood ist. „SOS Gabibbo“, heißt die Rubrik, die so etwas wie ein nationaler Kummerkasten ist, der von Beschwerden aller Art überquillt. 90 Prozent der Sendung machen diese Beschwerden aus. Die Zuschauer prangern skandalöse Praktiken an. In so schonungsloser Manier kommen sie sonst in keinem anderen Programm vor. „Die Menschen melden uns öffentliche Bauwerke, die nie fertig gestellt wurden, und Krankenhäuser, die nie eröffnet wurden“, sagt „Striscia-la-notizia“-Erfinder Antonio Ricci, der die Sendung als eine Art trojanisches Pferd in der italienischen Fernseh-Information sieht. Als Untertitel trägt die Sendung den Zusatz: „Die Stimme der Unschuld“. Dass Ricci ein derartiges Format gerade für einen Mediaset-Sender von Ministerpräsident Silvio Berlusconi produziert, macht die Angelegenheit besonders heikel. Er weiß, dass er sich diese Narrenfreiheit nur durch den großen Zuschauererfolg erkaufen konnte.

Auf dieser schmalen Gratwanderung zwischen bitterböser Kritik und beißender Satire gibt es allerdings Grenzen, die von den Werbekunden gesetzt werden. „Mir lief es kalt den Rücken runter, als die Telecom drohte, der Mediaset keine Werbeaufträge mehr zu geben“, bekennt Ricci, „oder Frau Dini (die Frau des früheren Außenministers Lamberto Dini, Anm. d Red.), die ebenfalls mit einer Schadensersatzklage von 50 Millionen Euro drohte“. Sowohl die Telecom als auch Frau Dini waren Gegenstand des „Striscia“-Spottes gewesen.

Für Schlagzeilen sorgte „Striscia la notizia“ zuletzt in der Folge, in der Fälschungen in Beiträgen der Nachrichtensendung „TG1“ entlarvt wurden, und zwar bei den Bildschnitten und beim Ton. So eine Enthüllung war nicht gut für die Nachrichtensendung von RAI Uno, die schon lange über Zuschauerschwund klagt. Von „Einschüchterung unabhängiger Journalisten“, gezielten Angriffen des Senders des Ministerpräsidenten auf die konkurrierende RAI war danach die Rede. Der RAI-Journalist Enrico Vaime ist überhaupt nicht gut auf die Satireshow „Striscia la notizia“ zu sprechen und fragt kritisch: „Ein besonderer Coup ist es, die Taxifahrer dabei zu ertappen, wie sie ihre Fahrgäste betrügen. Aber warum greifen sie nicht das Rechtshilfebegehren oder den Fall Previti auf?“ Beim Rechtshilfebegehren verabschiedete die Berlusconi-Regierung nach der Sommerpause angeblich ein Gesetz, das die schwebenden Prozesse gegen Mitglieder der Regierung und der Forza-Italia-Partei erschweren soll; dem Forza-Italia-Abgeordneten Cesare Previti wird in Mailand der Prozess wegen Korruption gemacht. Ricci verwehrte sich allerdings gegen diese Kritik. „Ich werde böse, wenn man sagt, dass ich Berlusconi mit Samthandschuhen anfasse.“

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