Zeitung Heute : Ein Studium der Revolution

Der junge Heinrich Heine in Berlin: 1821 kam er an die Universität

Roland Berbig

Gute Empfehlungen hatte der Student Heinrich Heine nicht in der Tasche, als er sich zum Sommersemester 1821 in die Matrikel der Berliner Universität einschrieb. Der da kam, war eine verkrachte Existenz: gescheitert im kaufmännischen Gewerbe, abgestraft von der Göttinger Universität wegen eines geplanten Duells und in Bonn gefeuert aus der Burschenschaft – wegen „Unkeuschheit“. War hier nun endlich der rechte Ort für Examen, Doktorhut und berufliche Karriere?

Was anfangs wie eine preußische Episode aussah, erscheint in der Rückschau als gelungenes Lebenskapitel Heines. Berlin passte zu ihm, er passte zu Berlin, die Universität war da kein Hindernis. Heine richtete sich ein. Er sitzt im Hörsaal zu Füßen des Philosophen Hegel, den er eifrig studiert, er geht in die angesehenen Salons der Stadt, gefeiert und gefürchtet, und er schließt mit dem weltbefahrenen Adelbert von Chamisso und dem chaotischen Christian Dietrich Grabbe, mit dem universalgebildeten Alexander von Humboldt und dem Undine-Dichter Friedrich de la Motte Fouqué Bekanntschaft. Und damit nicht genug: Die Maurersche Buchhandlung brachte im Dezember 1821 seine „Gedichte“ auf den Markt. Seine Verse, im Rheinland geboren, in Hamburg gelebt und gefeilt und danach poliert, sie erhielten ihren letzten Schliff in Berlin. Der preußische Adler, so schien es, zeigte nicht Krallen, sondern schickte sich an, in ein Pegasos-Ross zu mutieren.

Ein braver Student der Rechts- und Kameralwissenschaft wurde Heine indes auch in Berlin nicht. Die Akten attestieren ihm „Unfleiß“ und meinen damit schludrige Teilnahme an Seminar und Vorlesung. Doch Heine nutzte seine Zeit. Er verstand seine Seminare zu wählen: bei August Boeckh beispielsweise, dem liberalen Altphilologen, griechische Literaturgeschichte oder beim großen Historiker Friedrich von Raumer Geschichte des 18. Jahrhunderts und der französischen Revolution. Und Heine erwies sich als bedacht in der Wahl seiner Freunde. Sie rekrutierten sich aus einem Kreis jüdischer Intellektueller, die den „Verein für Cultur und Wissenschaft der Juden" gegründet hatten. Seit August 1822 gehörte Heine dazu. „Wir haben nicht mehr die Kraft“, schrieb er, „einen Bart zu tragen, zu fasten, zu hassen, und aus Haß zu dulden; das ist das Motiv unserer Reformazion.“ Man beabsichtigte das Judentum, von dessen Kraft man beseelt war, zu modernisieren. Aus dem Berliner Studenten wurde für eine kurze und intensive Phase der jüdische Dichter Heine. Der gab sich nicht ab mit kleinen Schritten. Er träumte von einem jüdischen Weltbuch, in dem sich die uralte Tradition verjüngte, und begann die Geschichte jenes Juden zu erzählen, in dem die alte mit der neuen Welt zusammenstieß – Pogrom und Poesie, Katastrophe und Katharsis.

Es blieb Fragment. Erst als sich die Gegenwart 1840 nicht gefeit zeigte vor antijüdischen Vernichtungsvisionen, holte Heine die Blätter erneut hervor und veröffentlichte sie unter dem Titel „Der Rabbi von Bacherach“. Da lag die den elenden Verhältnissen geschuldete Taufe in Heiligenstadt am 28. Juni 1825 auf den Namen Christian Johann Heinrich schon 15 Jahre zurück. Gebessert hatte sich nichts.

Aber der Student wechselte gleich noch in ein anderes Rollenfach. Er gab den Korrespondenten, der für eine heimatliche Zeitung, den Rheinisch-Westfälischen Anzeiger, malizös-elegante Artikel aufs Papier warf. „Wie gefällt Ihnen aber die Universität?“ fragt da plaudernd einer und erhält die Antwort „Fürwahr, ein herrliches Gebäude!“. Drinnen allerdings seien die Räume „düster und unfreundlich“, und gar sehnsuchtsvoll fiele der Blick der armen Studenten auf das gegenüberliegende Opernhaus, während ihm „schweinslederne Witze eines langweiligen Dozenten in die Ohren dröhnen“. So lustig hier schwadroniert wurde, so bitter liest sich, was Heine in dunklen Stunden, an denen es nicht mangelte, notierte. Berlin nicht und Preußen schon gar konnten ihn von jener Last befreien, die ihm „Deutschland“ und alles Nationale waren, schwer und schwerfällig, bedrohlich. „Alles Deutsche“, bekam sein Jugendfreund Christian Sethe zu lesen, „wirkt auf mich wie ein Brechpulver“, ja, die deutsche Sprache zerreiße seine Ohren – und unversehens wechselte der Brief vom Deutschen ins Französische.

Eine Vorausahnung und vorausgegriffen: Zwar verließ Heine im Mai 1823 Berlin. Doch sein Weg führte ihn noch nicht nach Paris, sondern erst einmal nach Lüneburg. Ihm blieben, wie er später spöttisch dichtete, „die soldatesken Töne“, die bis „in die Aula der Musensöhne“ drangen, im Ohr und in der Erinnerung, aber sie nicht allein. Er zählte es zu den Glücksumständen seines Lebens, dass er „just aus dem Philosophieauditorium kam als ich in den Cyrcus des Welttreibens trat, mein eignes Leben philosophisch“ zu konstruieren. Es war nur eine neue Seite im alten Berliner Collegbuch, auf der Heine Hegels „Alles, was ist, ist vernünftig“ in ein radikales „Alles, was vernünftig ist, muß sein“, umschrieb. Dass ein Dichter Macht und Mächte attackiert, verzeiht ihm erst die Nachwelt. Ein Denkmal hat die Berliner Universität Heine nicht gebaut. Das macht nichts, nur sein Hausrecht, das sollte ihm sicher bleiben.

Im Wintersemester 2006/2007 wird sich eine Vorlesung mit einem Begleitseminar Heine widmen. Und wie jüngste Publikationen im Heine-Jahr zeigen, ist die positive Energie, die von dem Dichter ausgeht, noch immer stärker als die anhaltenden Versuche, ihn zu marginalisieren und auf Westentaschenformat zu bringen.

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