Zeitung Heute : Ein Stück Urlaub

Aus Leidenschaft für dunkle Bohnen: Vor gut zwei Jahren eröffnete der Bauingenieur Arno Schmeil den Kaffeeladen „DoubleEye“ – und hat Erfolg

Katrin Wittneven

In der Kulturgeschichte des Kaffees spiegeln sich viele gesellschaftliche Entwicklungen wider: Neben den noch raren Kaffeehäusern eröffnete 1818 etwa in Berlin die erste „Lesekonditorei“. 1830 gab es bereits 100 Kaffeehäuser und als 1878 unter den Linden das Café Bauer eröffnete, hielt auch der großzügige Wiener Charme in Berlin Einzug. Frauen konnten hier erstmals ohne männliche Begleitung die Damenzimmer besuchen, und in seinen besten Zeiten gab es 600 Zeitungen und Zeitschriften aus aller Welt, die allein von drei Mitarbeitern sortiert wurden. Aber wer könnte heute schon 600 Publikationen überblicken? Unserer schnelllebigen Zeit entsprechend wird der Kaffee heute gern im Stehen getrunken – manchmal auch aus Pappbechern unterwegs.

Doch wer dabei noch an die Tchibo- oder Eduscho-Mentalität in den braun-orangenen Shops der späten siebziger Jahre denkt, an riesige Einkaufstüten unter den praktischen Plastikstehtischen, der irrt. Im Zuge der wachsenden Individualisierung in der Gesellschaft ist auch Kaffeetrinken seit ein paar Jahren eine höchst komplexe Angelegenheit geworden, der mit einer simplen Kaffeemaschine, Filtertüten oder gar Dosenmilch nicht mehr beizukommen ist. Heute dominieren italienische, französische und spanische Varianten: Der Kaffee – meist eine ganz besondere Espressomischung – wird mit aufgeschäumter Milch je nach Geschmack genau ins richtige Verhältnis gebracht. Ob dann am Ende Zimt, Kakao oder eventuell auch gar nichts das in Gläsern oder Schalen, großen oder kleinen Tassen servierte Getränk krönt, ist zur Grundsatzfrage geworden. Und gute Espressomaschinen haben heute durchaus den Gegenwert und Hippnessfaktor eines verlängerten Wochenendes in London.

Wie die Hiobsbotschaften schossen rund um die Jahrtausenwende in Berlin die Coffeeshops und Espressobars aus dem Boden – mal als Ableger großer Kaffeehäuser, mal als trendiger Szenetreff. Ein Individualist unter den Neueröffnungen ist der Kaffeeladen „DoubleEye“, den der 35-jährige Berliner Arno Schmeil seit gut zwei Jahren betreibt. Über 50 Sorten finden sich hier im Angebot, darunter gibt es viel versprechende Namen wie Caffé Paradiso Sant Angelo. Je zwei von ihnen kann der Kunde täglich probieren. Der Schwerpunkt des ganz in Grün und Gelb gehaltenen Ladens in Schöneberg sind portugiesische und spanische Barmischungen, die je nach Wunsch frisch gemahlen werden. Zum ausgesuchten Sortiment gehören aber auch portugiesisches Gebäck, Getränke, Sammeltassen, Espressokannen, Süßigkeiten rund um den Kaffee und Taschen aus Kunststoffplanen, die das schöne Label „Milk-Berlin“ tragen.

Maximal entfernt von der rüden „Draußen-nur-Kännchen“-Kultur oder der Austauschbarkeit amerikanischer Coffeeshopketten ist die Atmosphäre bei „DoubleEye“ südländisch entspannt und auf individuelle Extrawünsche eingestellt: Jeder Kaffee wird frisch gemahlen und neben den gängigen Kaffeespezialitäten gibt es portugiesischen Galao, griechischen Frappé oder spanischen Cortado. Das ständige Angebot wird um saisonale Variationen ergänzt, wie weihnachtlichen Espresso mit einem Hauch Zimt und Kardamom oder zurzeit geeisten Espresso und Granita, ein Eisgetränk auf Fruchtbasis.

Aktuelle Zeitungen und Zeitschriften, ein kostenloser Wasserkrug oder der gefüllte Hundetrinknapf sind trotz der Zeitnot inzwischen in vielen Coffeeshops obligatorisch, viel zu selten aber gibt es wie bei „DoubleEye“ eine kleine Leseecke für Kinder, die auch bei Süßigkeitenklassikern wie Sugos oder Ahoi-Brausepulver auf ihre Kosten kommen. Das mag damit zusammenhängen, dass Schmeil selbst Vater von zwei Kindern ist, aber vielleicht hat er einfach ein wenig mehr über sein Publikum nachgedacht als die anderen.

Wie er auch sonst nichts dem Zufall überlässt: 160 leer stehende Läden hatte er in ganz Berlin besichtigt, bevor er sich für die Räume in der Akazienstraße entschloss. Zwanzig Sorten Milch hat er probiert, bevor der Schaum richtig war. Und auch den Tresen, die Schränke, Regale, Lampen und Stehtische hat der gelernte Bauingenieur entworfen und selbst gebaut.

Traurig war er nicht, dass sein handwerkliches Können hier vorerst zum letzten Mal zum Einsatz kam. Nach der Lehre als Nachrichtengerätemechaniker bei Siemens – zusammen übrigens mit dem Taschendesigner – begleiteten die vielfältigsten Jobs sein Studium an der Technischen Fachhochschule in Berlin. Als Bauleiter mit bis 300 Arbeitsstunden im Monat ging es schließlich rasant von Projekt zu Projekt. Doch Termindruck, Ärger und eine schlechte Zahlungsmoral ließen ihn letztendlich am einstigen Traumberuf zweifeln. „Auf dem Bau“, sagt Schmeil, „erkennt man die nettesten Menschen plötzlich nicht mehr wieder“.

Seit vielen Jahren schon kultiviert der ansonsten eher handfeste Ingenieur seine Leidenschaft für Kaffee. So verreist er nur noch mit eigener Espressomaschine und bringt die exotischsten Sorten gleich paketeweise mit nach Hause. Doch der Gedanke, seine Passion für die dunklen Bohnen zum Beruf zu machen, ist sehr langsam gewachsen. Anfangs nur gesponnen, wurde die Idee ein Stück konkreter, als es sein „DoubleEye“-Logo und damit den Namen gab. Am Ende wurde dann ganz exakt geplant und kalkuliert. Die verschiedenen Ämter wie Wirtschaftsamt oder Gesundheitsamt gaben ihr Einverständnis. Und als dann noch ein Zufall es wollte, dass er verhältnismäßig günstig eine alte „Faema E61“ bekommt, ein begehrter Klassiker unter den professionellen Kaffeemaschinen, stand der Planung nichts mehr im Wege. Rückenwind gaben auch die positiven Reaktionen der südländischen Großhändler, die den Kaffeeliebhaber auf der Suche nach Raritäten gerne auch im Lager stöbern ließen.

Dennoch war das finanzielle Polster zunächst dünn, zur Eröffnung hatte Schmeil noch nicht einmal eine Geschirrspülmaschine. Die kam dann in den ersten Monaten, ebenso wie immer mehr Stammpublikum. Drei Studenten helfen inzwischen im Laden aus, wobei der Chef immer noch achtzig Prozent der Öffnungszeit abdeckt. Bisher sei nahezu jeder Monat besser als der vorige gewesen, erzählt Schmeil.

Der Umsatz habe sich im Verhältnis zu dem des Anfangsmonates ungefähr vervierfacht. Ein Grund für den Erfolg ist auch die zurückhaltende Preispolitik. Der Espresso kostet 77 Cent, ein kleiner „Granita“ für Kinder mit Gummibärchen oder Smarties dekoriert nur 60 Cent.

Auch in der Beratung ist Schmeil kompetent, aber unaufdringlich. Die perfekte Wahl ist für ihn nicht automatisch die teuerste, sondern „der Kaffee, der dir am besten schmeckt, ist der beste“. Zusätzlich wecken die spanischen María-Kekse oder die köstlichen portugiesischen Natas ein Stück Urlaubserinnerung. Und was könnte man heute von einem Kaffee mehr erwarten?

DoubleEye, Akazienstraße 22 (Schöneberg). Im Internet: www.doubleeye.de

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