Zeitung Heute : Ein stürmischer Auftritt

Matthias B. Krause[New York]

Ex-US-Präsident Clinton ist überraschend zum Weltklimagipfel nach Montreal gereist und hat dort der US-Delegation ins Gewissen geredet. Könnte das die ablehnende Haltung der USA ändern?


Als die Nachricht am Donnerstagabend die Runde machte, verdrehten sie in der US-amerikanischen Abordnung gehörig die Augen. „Sie haben nicht formal protestiert, aber sie sind zweifellos genervt“, zitierte die kanadische Presseagentur CPS Quellen aus Delegationskreisen. Alleine die Meldung von Bill Clintons überraschendem Auftritt lenkt in den Vereinigten Staaten mehr Aufmerksamkeit auf die Veranstaltung in Kanada als die gesamten Verhandlungen zuvor.

Unter George W. Bush spielt die Klimapolitik im Weißen Haus keine Rolle mehr und die jüngsten Auseinandersetzungen über den Irak, über Folter und CIA-Aktivitäten haben ein Übriges dazu beigetragen, dass die US-Medien den Gipfel praktisch komplett ignorieren. Das werden sie sich nun kaum noch leisten können, denn Clinton ist immer eine Geschichte wert. War der Ex-Präsident in den Jahren nach seinem Ausscheiden aus dem Weißen Haus 2000 noch damit beschäftigt, seine privaten Schulden in ein beträchtliches Vermögen zu verwandeln, so ist er jetzt wieder auf die politische Bühne zurückgekehrt.

Zunächst machte er an der Seite von Präsidenten-Vater George Bush senior als Spendensammler für die Tsunami-Opfer von sich Reden, dann lockte er im September am Rande des UN-Millennium-Gipfels Staats- und Regierungschefs zu seiner „Clinton Global Initiative“. Seitdem versteht er sich als eine Art Speerspitze der Nichtregierungsorganisationen. In dieser Eigenschaft lud ihn dann auch die Stadt Montreal zum Kyoto-Nachfolgegipfel ein.

Die damals von Clintons Vize Al Gore ausgehandelten Verpflichtungen zur Verringerung von Treibhausgasen lehnt Bush nach wie vor kategorisch ab. Sie schadeten der amerikanischen Wirtschaft, wird er nicht müde zu betonen und treibt stattdessen lieber bilaterale Vereinbarungen mit Ländern wie China, Indien und Südkorea voran, um der sich abzeichnenden Energiekrise Herr zu werden.

Clintons Überraschungsauftritt wird an dem Kurs der Klimapolitik Washingtons kaum etwas ändern. Aber er lenkt die mediale Aufmerksamkeit einmal mehr in eine Richtung, die Bush nicht behagen kann. Es gehört zu den ungeschriebenen Gesetzen in Amerika, dass ehemalige Präsidenten die Tagespolitik ihrer Nachfolger nicht direkt kommentieren. Clinton jedoch hat einen Weg gefunden, die Rolle des Ex-Präsidenten ganz neu zu definieren. Und man kann darauf wetten, dass er dabei ein Menge Spaß hat.

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