Zeitung Heute : Ein System aus Angst und Schuld

1961 gründet Paul Schäfer die Colonia Dignidad in Chile. Er missbraucht Kinder und foltert Regimegegner – aber noch immer schützen ihn einige Opfer

Britta Buchholz[Chile] Parral[Chile]

Paul Schäfer hatte mehrere Ticks. Den mit dem Spagat, beispielsweise. Immer wenn er mit den Jungen aus seiner Colonia Dignidad, seiner Kolonie der Würde, im Zeltlager war, führten sie dem entzückten „Onkel“ Spagat vor. Er maß selbst nach, wie groß der Abstand zum Boden war. Wer am tiefsten kam, erntete ein Lob des Sektengründers.

Harald Tymm, 51, kam fast bis zum Boden. Heute ist er der Direktor der in „Villa Baviera“, bayrisches Dorf, umgetauften Gemeinschaft. „Die Bewohner begrüßen die Festnahme von Paul Schäfer“, sagt Tymm. Er spricht leise, meistens verschränkt er die Arme, wie um sich selber festzuhalten; er scheint aufgeregt. Nur wenige der 280 Menschen, die hier leben, allesamt immer noch deutsche Staatsbürger, sind es gewohnt, mit Leuten von „draußen“ zu sprechen. Während der Schäfer-Ära hatten sie das eingezäunte Gelände nur mit Erlaubnis verlassen dürfen. Andersherum scheuten die „colonos“, die Kolonisten, wie sie in Chile genannt werden, auch nicht vor Waffengewalt zurück. Paul Schäfer war dafür bekannt, immer eine Pistole zu tragen.

Doch seit Neuestem, seit drei Tagen, will man sich öffnen. Seit Schäfer in chilenischer Untersuchungshaft sitzt, geben die Bewohner der Villa Baviera Interviews. Sie wollen ein neues Image, sie wollen vergessen machen, dass hier Kinder missbraucht worden sind, dass hier gefoltert und gemordet wurde, dass Menschen verschwanden, und Pinochet, der Diktator, vorbeikam, um sie dafür zu loben. Sie wollen Ferienhäuser für Touristen bauen und hoffen, dass ihnen die schöne Landschaft gefällt.

Es gibt Opfer und Täter unter den Kolonisten. Es gibt Menschen, heute alte Männer und Frauen, die in Rollstühlen vor ihren Haustüren in der Sonne sitzen, die damals gezwungen wurden, mit Schäfer nach Chile zu gehen, aber es gibt auch die Überzeugungstäter, die an Schäfers abstruse religiös-rassistische Ideologie glaubten, und wer Opfer, wer Unterstützer war, ist noch nicht ganz klar. Die Aufklärung hat gerade erst begonnen, ein paar Tage nach Schäfers Festnahme. Doch fast alle sind sie dem Sektengründer später gefolgt wie die Lämmer.

In den 50er Jahren begann Paul Schäfer – ehemaliger Wehrmachtsunteroffizier, Ex-Jugendpfleger der evangelischen Kirche – als Laienprediger eine Schar von Anhängern um sich zu sammeln; sich selbst bezeichnet er als von Gott gesandt. 1956 gründet er in Siegburg seinen eigenen Missionsverein. Es ist nicht das erste Mal, dass hier bald wegen sexuellen Missbrauchs von Jungen gegen ihn ermittelt wird. Als die Vorwürfe konkreter werden, flieht Schäfer mit seinen Anhängern nach Chile – und gründet 1961 die Colonia Dignidad, „eine Musterkolonie teutonischer Kultur“, die er mit Stacheldraht umgibt. Im Hauptgebäude hängt ein riesiges Schwarzweißbild von 1964. Mehr als 200 Menschen sind darauf zu sehen, in bayrischer Tracht. Paul Schäfer fehlt.

Das Areal der Colonia Dignidad ist so groß wie das Saarland und sieht aus wie Bayern: Wälder, Wiesen, Berge. Vögel zwitschern, Alpacas und Rehe grasen. Frauen in Röcken und mit streng nach hinten gebundenem Haar spielen mit den Kindern. Die Balkone sind mit Primeln bepflanzt. Es gibt eine Bäckerei, eine Autowerkstatt, ein Krankenhaus. Weiter unten fließt ein Fluss. Es ist ein Idyll. Es ist schwer, sich vorzustellen, dass hier NS-Verbrecher Zuflucht fanden. Dass von hier aus Waffenschmuggel betrieben wurde. Dass dies einst ein Folter- und Arbeitslager des ehemaligen chilenischen Geheimdienstes Dina war. Und dass man Menschen, die spurlos verschwinden sollten, in jenen hübschen Fluss warf, an dem die Kolonisten bald eine Badestelle einrichten wollen.

Jörg Schnellenkamp, 33, wurde in diese Welt des Paul Schäfer hineingeboren. Wie alle Kinder der Gemeinschaft wuchs er getrennt von den Eltern auf. Und auch Jungen und Mädchen wurden strikt voneinander getrennt. „Allein miteinander zu sprechen, war schwierig“, sagt der junge Mann mit den hellen Augen. Schnellenkamp nimmt es seinen Eltern heute noch übel, dass sie die sechs Geschwister in die Sekte hineingezwungen und damit aufgegeben hatten. „Ich werde nie verstehen, wie man die eigene Familie verraten kann für eine Idee, für eine Person“, sagt der Student.

Die jüngsten Bilder von Paul Schäfer zeigen einen Greis, der sich kaum noch auf den Beinen halten kann. Die argentinische Polizei hatte den 83-Jährigen am vergangenen Donnerstag nach jahrelanger Flucht aus dem Bett weg festgenommen. Sie mussten ihn im Rollstuhl zum Flugzeug fahren, um ihn an Chile auszuliefern. Er sei krank, heißt es, habe sich mehrfach übergeben müssen, und Experten bezweifeln, dass er fähig ist, ein Gerichtsverfahren durchzumachen, geschweige denn mehrere, denn nicht nur in Chile hängen mittlerweile acht Klagen wegen Kindesmissbrauchs in der Luft, sondern auch eine aus Deutschland. Aber früher, da hat dieser wirr lächelnde Greis Menschen für sich einnehmen können. Und hatte er sie erst einmal im Griff, ihre Seelen, dann duldete er keinen Widerspruch mehr. Schäfer war jähzornig, und er schlug gern. Er war Freund und Feind in einem. „Es war ein System aus Angst und Schuld“, sagt Schnellenkamp.

Aber viel gefährlicher war Schäfers sanfte Seite, vor allem für die Kinder. „Er konnte einem Liebe entgegenbringen – das war hundertprozentig überzeugend“, sagt Harald Tymm, der Siedlungsdirektor. Die Kinder hatten ja oft keinen anderen Ansprechpartner, keine Eltern, sie waren einsam. Die Perversion der Kindesmisshandlung ist: Auch sie kann etwas mit Liebe zu tun haben. Die Kinder vertrauten Schäfer. Und noch mehr: Einige verstanden seine Lust als Zuneigung, sagt Tymm.

Hat er selber zu den auserwählten Lieblingen gesprochen? Tymm schaut erst überrascht, dann schockiert, lässt den Kopf in die Hände fallen. Kein Kommentar. Das große Tabu gilt immer noch. Über dieses Thema wird selbst jetzt, acht Jahre nachdem Schäfer weg ist, noch kaum gesprochen. Manche Missbrauchte schützen ihn nach wie vor.

Und auch die Bevölkerung rund um die Colonia steht noch hinter den Deutschen. Keiner will etwas Negatives sagen. Sie sind vorsichtig, lieber sagen sie: Selbst wenn einer schlecht ist, müssen ja nicht alle schlecht sein. Es ist eine arme Gegend. In Santa Rosa, dem letzten Ort vor der 20 Kilometer langen Schotterstraße zur Colonia, laufen die Hühner frei. Elektrizität und fließend Wasser gibt es erst, seit die Deutschen kamen. Die Colonia bietet Arbeitsplätze auf den Feldern. Die Menschen kaufen dort im Laden ein, die fantastischen „kuchenes“ kennt hier jeder. Und dann wurden viele ja auch gratis im Krankenhaus behandelt. Das Krankenhaus war ein Angelpunkt des Systems Schäfer. Von außen sieht es klein und niedlich aus, ein bayerischer Balkon aus Holz, das Kennzeichen der Kolonie war Deutschtümelei. Und wenn die Frauen bei der Geburt starben, wurden die Kinder von der Colonia adoptiert. Manchmal von Schäfer selbst.

Was dann geschah, weiß man mittlerweile, 1997 trauten sich die ersten Eltern missbrauchter Kinder, wütende Klage zu führen gegen Schäfer, worauf der prompt untertauchte. Erst hat Schäfer mit den Kindern Pornos angesehen, wobei er ihnen oft die Augen zugehalten haben soll, dann hat er sich an ihnen vergangen. Ab 1990 wurde der Missbrauch unter dem Deckmäntelchen der Sozialhilfe dann zur Methode: Die so genannte Jugendbewegung wurde eingeführt. Aus den Dörfern und Städten in der Nähe wurden die Kinder eingeladen, Zeit in der Colonia zu verbringen, es war wie Disneyland für sie. „Dort gab es Kino, Spiele und so viel zu essen, wie man wollte“, sagt Jimena, 28, Hausfrau.

4400 Minderjährige kamen zwischen 1990 und 1998 übers Wochenende oder auch für die gesamte Ferienzeit. „Da konnte Schäfer sich seine Lieblinge frei aussuchen, Nachschub war ja da“, sagt Jörg Schnellenkamp bitter.

Man könnte sagen, das eine organisierte Verbrechen hat das andere abgelöst. 1990, das Jahr, in dem die Jugendbewegung eingeführt wurde, war die Militärdiktatur am Ende und damit die Folterung von Regimegegnern. Amnesty International geht davon aus, dass bis 1990 mindestens 119 Menschen in die Colonia verschleppt wurden. Wie viele dort umgebracht wurden, ist unbekannt.

Und hier kommt Guillermo Ceroni ins Spiel. Ceroni ist Anwalt. Und einer der Klägervertreter im ersten Prozess gegen Schäfer. Wir treffen ihn in Parral, 30 Kilometer von der Colonia entfernt, in seinem alten Herrenhaus voller Möbel aus den 20er Jahren. Ceroni war einer der Anwälte, die die Bundesrepublik Deutschland 1988 engagiert hatte, um den deutschen Staatsbürger Schäfer auf Menschenrechtsverletzungen zu verklagen. „Jeder wusste damals, dass Schäfer und das Militärregime zusammenarbeiten“, sagt Ceroni. Nur war in Chile damals noch die Diktatur an der Macht, im Land selbst hätte man gegen Schäfer nichts unternehmen können. In den Kellern der Colonia wurden immer noch Elektroschocks und andere Foltermethoden eingesetzt.

Die Keller, diese deutsche Idee, die es in Chile nicht gibt, wurden zur düsteren Legende.

Schäfer blieb jenen ersten Verhandlungen damals fast immer fern, mit einem Attest vom Arzt, sagte, er sei krank, sah aber immer sonnenbraun aus. „Er ist ein solcher Schauspieler und Lügner“, sagt Ceroni entrüstet. Schäfer behauptete, nichts gesehen noch etwas gewusst zu haben. Der Ausgang des Prozesses: Schuldigsprechung. Aber keine Gefängnisstrafe. Wie auch. Außerdem verhinderte das Amnestiegesetz von 1978 nicht nur die Verurteilung, sondern auch die strafrechtliche Ermittlung von Straftaten, die vor 1978 begangen wurden.

„Schäfer hat etwas Teuflisches“, sagt der Anwalt. „Und seine Untergebenen sind alle wie Roboter.“

Von 1961 bis 1997 war Paul Schäfer ihr spiritueller Führer – jetzt suchen die „Roboter“ fast verzweifelt nach neuen Wegen. Anwalt Guillermo Ceroni glaubt nicht an eine Veränderung in der Villa Baviera hin zu einer neuen Gemeinschaft, einer offenen: „Da sind noch viel zu viele kleine Paul Schäfers.“

Man könnte das auch anders sehen. Man könnte auch von Traumatisierten sprechen. Vermutlich würde Niels Biedermann das so ausdrücken. Biedermann ist Psychiater und Psychotherapeut, Professor an der Universität von Santiago und wurde nun, da die ehemalige Sektensiedlung sich nach außen öffnet, mit Mitteln der Bundesregierung engagiert, um sich um die Menschen zu kümmern. Biedermann, ein kräftiger Herr mit braunem Bart und einer freundlichen Art, ist an diesem Samstag zum ersten Mal hier. Er macht Antrittsbesuche. Nächstens will er Sprechstunden einrichten, sagt er.

Als Schäfer damals verschwand, versuchten sich erst einmal jene „kleinen Schäfers“ an der Macht. Aber sie hielten sich nicht lange. Nach und nach richtete der Blick sich nach vorne, verschwand die Schreckstarre, die Schäfer hinterlassen hatte. Siedlungsdirektor Harald Tymm sagt, er realisiere erst jetzt nach und nach, „was für ein Mensch Schäfer wirklich war: „Erst habe ich ja noch so an ihn geglaubt.“ Mittlerweile zieht sich ein Riss durch die einst „harmonische“ Gemeinschaft: die, die immer noch Schäfer hinterher trauern und die, die längst die Zeichen der Zeit erkannt haben.

Einige in der Gemeinschaft wollen jetzt nach Deutschland zurückkehren.

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