Zeitung Heute : Ein Tag im Leben der Pute

Der Tagesspiegel

Von Dagmar Dehmer

Beim Tierschutz werden wir weich. Wenn Tiere leiden, genauer, wenn man es sieht, empört das die Menschen.

Unionskanzlerkandidat Edmund Stoiber hat erkannt, dass der Tierschutz politischen Sprengstoff birgt. CDU-Chefin Angela Merkel sagte, er sei an diesem Punkt „besonders sensibel“. Mag sein, dass diese Sensibilität durch die Waschkörbe von Protestbriefen befördert worden ist, über die die Bundesgeschäftsstelle der CDU klagt. Der Grund: das Urteil des Bundesverfassungsgerichts zum Schächten. Dass auch muslimische Metzger in Ausnahmefällen Tiere ohne vorherige Betäubung schlachten dürfen, das hat die Menschen „aufgerüttelt“, sagt Angela Merkel. Deshalb habe die Union ihre Position zum Tierschutz im Grundgesetz nun geändert.

Viele Unionspolitiker wollen mit einer Grundgesetz-Änderung eigentlich nur das Schächturteil rückgängig machen. Schließlich begründen Angela Merkel und Edmund Stoiber den Kurswechsel der Partei vor allem mit dem Verfassungsgerichtsurteil. Würde der Tierschutz im Grundgesetz-Artikel 20 a als Staatsziel aufgenommen, so die vage Hoffnung der Unionspolitiker, könnte es zu einer neuen Überprüfung der Rechtmäßigkeit des Schächtens vor dem Karlsruher Gericht kommen. Befürworter sagen schon lange, der Tierschutz könne nur dann gegen Grundrechte wie die freie Religionsausübung oder die Freiheit der Wissenschaft abgewogen werden, wenn er auch im Grundgesetz verankert werde. Dabei erhielte der Tierschutz keineswegs den Charakter eines Grundrechts. Doch zumindest müsste der Tierschutz dann wohl stärker gewichtet werden.

Die Union tut sich mit ihrer neuen Position noch schwer. Schließlich hat sie erst vor zwei Jahren den rot-grünen Vorschlag, den Tierschutz als Staatsziel ins Grundgesetz aufzunehmen, abgelehnt. Auf ihrer Internet-Homepage sieht die CDU das noch immer so. Und sie warnt sie gleichzeitig davor, Forschern weitere Hindernisse auf dem Weg zu Tierexperimenten in den Weg zu legen.

Genau das befürchten die Wissenschaftler selbst, die nun ihre letzten Fürsprecher verloren haben. Ob Tierversuche tatsächlich schwieriger durchzusetzen wären, ist allerdings unter Juristen umstritten. Völlig unklar ist auch, ob die Karlsruher Richter eine andere Entscheidung zum Schächten fällen würden, wenn der Tierschutz Verfassungsrang hätte. Doch die Absicht ist deutlich.

Es hat in Deutschland schon einmal ein Schächtverbot gegeben. Die Nationalsozialisten haben es mit Tierschutzargumenten eingeführt. Treffen sollte es damals jedoch die Juden. Mit dieser historischen Hypothek muss sich die Politik auseinander setzen.

Das Anliegen, Tieren unnötige Leiden zu ersparen, ist völlig berechtigt. Doch sollte sich die Debatte stärker um lebende Tiere drehen. Es gibt keine überzeugenden wissenschaftlichen Erkenntnisse, die beweisen, dass ein Bolzenschuss für ein Tier schonender ist als ein gut geführter Schnitt durch die Kehle, der ebenfalls zur sofortigen Betäubung führt. Aber es gibt viele Erkenntnisse darüber, wie das kurze Leben von Nutztieren in engen, lichtlosen Ställen verläuft. Da gibt es tatsächlich noch eine Menge zu tun. Vielleicht verhilft der Tierschutz als Staatsziel im Grundgesetz ja auch Schweinen oder Puten zu einem besseren Leben.

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