Zeitung Heute : Ein Tag in Bagdad

Zum Friseur gehen, Saft und Butter kaufen, am Fluss spazieren – in der irakischen Hauptstadt sind die normalsten Dinge lebensgefährlich. Unser Autor ist das Risiko eingegangen.

Martin Fletcher

Einer der Fahrer entdeckt ihn zuerst – einen übermüdeten Mann, der sich auf die Terrasse des Restaurants am Ufer des Tigris geschlichen hat und uns aufmerksam beobachtet. Zwei andere unbekannte Männer lungern im Hintergrund herum. Es ist dunkel, wir haben gerade drei enorme Portionen Masgouf – gegrillten Karpfen – gegessen, neben uns lodert gemütlich ein Feuer.

Der Fahrer will kein Risiko eingehen. Er flüstert mir ins Ohr: „Mr. Martin, wir müssen gehen.“ Einen Augenblick später sind wir draußen, laufen hastig zu unseren Autos, die Bodyguards mit gezogenen Pistolen. Noch eine Minute, und wir rasen die Abu-Niwas-Straße hinunter, Ziel: die Sicherheit unseres bewachten Hotels.

Notwendig oder nicht, der fluchtartige Aufbruch bedeutet das plötzliche und ernüchternde Ende unseres Tagesausflugs in Bagdad – ein Versuch, ob das Nachlassen der Gewalt einem Europäer erlaubt, sich in eine der gefährlichsten Städte der Welt hinauszuwagen. Kann er einkaufen gehen, einen Friseur besuchen, essen oder eine Art normales Leben führen, ohne zu riskieren, entführt oder getötet zu werden? Kann Bagdad mehr sein als nervöse Fahrten zum Flughafen und zur grünen Zone oder Patrouillen in US-Militärjeeps?

Wir hatten uns mit unseren Sicherheitsberatern zusammengesetzt und den Tag mit militärischer Präzision geplant – Stationen, Routen, Zeitpläne. Wir beschränkten uns auf das Zentrum, die anderen Gebiete sind immer noch viel zu gefährlich. Und selbst im Zentrum sind einige Punkte zu riskant. Der Zoo, zum Beispiel, gilt als Treffpunkt der Mahdi- Armee, der Miliz der Schiiten.

Wir einigten uns auf Regeln: nicht mehr als 20 Minuten an einem Ort, die Autos immer mit laufendem Motor vor der Tür, kein Bummeln auf dem Bürgersteig, Menschenmengen vermeiden, SMS schicken, um unsere Ankunft und unseren Aufbruch von jeder Station zu bestätigen. Ein Bodyguard würde draußen an der Tür stehen bleiben, der andere mit reingehen. Sie sollten unauffällige Handfeuerwaffen tragen, keine Gewehre. Ich würde auf die Schnelligkeit und den siebten Sinn meines irakischen Teams vertrauen müssen.

So verlassen wir sieben – die Fahrer, Bodyguards, ein Helfer, ein Übersetzer und ich – das Hotel um halb neun morgens, an einem Sonntag, dem ersten Tag der Arbeitswoche. Die Straßen sind leer, Bagdad ist keine Stadt, die früh aufwacht. Zehn Minuten später betrete ich nervös den Al-Warda-Supermarkt im relativ betuchten Stadtteil Karrada. Geschäftsführer, Bassim Oubayis, 33, hört auf, sich mit dem Löffel Honig auf sein flaches irakisches Brot zu schmieren und lächelt überrascht. Nach der US-Invasion 2003 kamen 40 oder 50 westliche Kunden pro Tag, sagt er, aber seit zwei Jahren schon hat er kaum einen gesehen.

Der Laden verkauft Energizer-Batterien, Gillette Rasierer, Wrigley’s Kaugummi – alles, was man so braucht, mit Ausnahme von Schinken und Speck, die Oubayis vor zwei Jahren aus dem Regal genommen hat, aus Angst vor islamischen Fanatikern. Ich kaufe Suppe, Butter, Schokolade und Apfelsaft. Es ist das erste Mal seit 2003, dass ich mit irakischen Dinaren bezahle statt mit Dollars. „Das Geschäft läuft besser“, sagt Oubayis und bietet mir einen Mangosaft an. Vor kurzem hat er den vier Männern gekündigt, die seinen Laden mit Kalaschnikows bewachten. Ein paar Kunden sind aus dem selbst gewählten Exil aus Jordanien und Syrien zurückgekehrt. Seine Angestellten kommen nicht mehr zu spät wegen Anschlägen oder Schießereien. Er macht abends zwei oder drei Stunden länger auf. „Dass Sie hier sind, zeigt doch, dass sich die Sicherheit verbessert hat. Vorher wäre das auf gar keinen Fall möglich gewesen“, sagt er.

Ich frage ihn, ob er Verwandte verloren habe. Einen Cousin, getötet, weil er in die irakische Armee eingetreten war, antwortet er. Ein Assistant sagt, dass er zwei Verwandte durch eine Autobombe verloren habe. Ein anderer Mitarbeiter verlor eine Cousine durch eine Explosion, sie wollte gerade die Straße überqueren. Sie sprechen über die Verluste, als wären diese völlig normal – und das sind sie in Bagdad.

Draußen wechsele ich vorsichtshalber den Wagen, wir fahren die Arassat-Straße nach Osten – eine seltsame Mischung aus Kriegsgebiet und florierender Geschäftszone. Die Seitenstraßen sind mit Steinen und Baumstämmen verbarrikadiert. Bewaffnete Polizisten stehen an jeder Kreuzung. VIP-Eskorten schlängeln sich durch den Verkehr, mit Blaulicht und heulenden Sirenen. Wichtige Gebäude sind durch Splitterschutzmauern und Rollen aus Nato-Draht geschützt. Straßenfeger kehren den Müll zusammen, Gärtner pflegen frisch gepflanzte Büsche auf dem Grünstreifen, vor Elektrogeschäften stehen aufgereiht Kühlschränke, Gefrierschränke, Satellitenschüsseln, Fernseher und Generatoren, so dass man den Bürgersteig kaum noch sieht.

Wir halten bei B-Town, einer Mini- Mall, die von Perrier und Umbro-Sportschuhen bis zu Wasserpfeifen alles verkauft, nur nicht den Schal, den ich suche (die Nächte hier sind sehr kalt). Das Gesicht des Geschäftsführers hellt sich auf, als ich reinkomme. Dschalil Khalid, 39, sagt, dass ich sein erster westlicher Kunde bin seit dem Sommer. „Das lässt mich glauben, dass es besser wird“, sagt er. Aber er fügt hinzu: „Immer, wenn es ruhiger wird und die Leute sich wieder auf die Straße trauen, explodiert eine Bombe – und sie verschwinden wieder.“ Khalid hatte nicht viel Grund zur Freude. Der Besitzer von B-Town eröffnete den Laden direkt nach der US-Invasion vor fünf Jahren, er hoffte auf einen wirtschaftlichen Aufschwung, aber als der Irak im Chaos versank, floh er nach Deutschland. Die wohlhabendsten Kunden zogen nach Jordanien, Ägypten oder Dubai.

Vor einem Jahr sprengte sich ein Selbstmordattentäter in einer religiösen Prozession in die Luft, die draußen auf der Straße vorbeizog, alle Fenster zersplitterten. Ein Angestellter wurde auf dem Weg nach Hause durch eine Explosion getötet. Khalid selbst hat keine nahen Angehörigen verloren, die gehen ja auch nie aus dem Haus, aber vier Cousins starben durch eine Bombe auf einem Markt. Und von den Freunden sind so viele tot, verletzt oder im Ausland, „dass wir das Wort Freund aus dem Wörterbuch gestrichen haben.“

Die Fahrer überprüfen ständig, ob wir verfolgt werden, während wir im Schneckentempo die verstopfte Sadoun- Straße entlangfahren. Vorbei an Saddam Husseins ehemaligem Luftwaffenhauptquartier, geplündert und besetzt, an der zerbombten Telefonzentrale, der Betonhülle des ehemaligen Jugendministeriums. Durch eine Stadt, die nicht nur in den letzten fünf Jahren zerstört wurde, sondern die schon seit mehr als zwei Jahrzehnten unter Krieg, Sanktionen und Entbehrungen leidet.

Die Straßen sind zerfurcht, die Gebäude verwittert und zerfallen, die Laternenpfähle zerbrochen. Die Wände sind pockennarbig, Spuren der Schrapnelle. Alles ist von einer feinen braunen Staubschicht überzogen. Irgendjemand scheint sich trotz allem damit nicht abfinden zu wollen: Viele der hässlichen Beton-Splitterschutzmauern sind seit kurzem bemalt mit strahlend bunten ländlichen Szenen. Mitten auf dem Fardous-Platz, dort, wo früher Saddams Statue stand, ist jetzt ein Kinderspielplatz – für die Autoritäten wohl das Gegengift zum Schrecken. Auf dem Tahrir-Platz wurde ein Ring aus Palmen gepflanzt. Wir entdecken sogar einen Straßenreinigungswagen – ein in Bagdad noch nie da gewesener Anblick.

Wir fahren nach Westen, auf die Al-Dschumhurija-Brücke über den verschlammten Tigris und stehen eine Viertelstunde lang in einem riesigen Stau vor einem irakischen Armee-Checkpoint. Die Autos um uns herum sehen so aus, als seien sie mindestens aus vierter Hand, importiert aus Deutschland, Japan und SaudiArabien. Viele sind zu Taxis umfunktioniert, es gibt ja keine Jobs. Mittellose Frauen, in schwarze Tücher gehüllt, verkaufen Taschentücher, Kekse, Mülltüten.

Auf der anderen Seite erreichen wir Karradat Mariem, ein schäbiges Viertel. Am ersten Friseurladen laufen wir vorbei, er sieht zu voll aus. Wir finden einen ruhigeren, an der Wand hängt ein ausgeblichenes Poster von Londons Tower Bridge. Ich gehe hinein, um mich rasieren zu lassen. Jeder Iraker hat eine Geschichte zu erzählen, mein nachdenklicher Friseur, Ahmed Abdullah, 30, ist da keine Ausnahme.

Kurz nach der US-Invasion schnitt er Haare in einer US-Militärbasis, bis Rebellen drohten, ihn zu töten. Vor 18 Monaten gab er seinen Laden in der vornehmeren Palästina-Straße auf, nachdem sunnitische Extremisten ein halbes Dutzend seiner Kollegen getötet hatten, weil sie Bärte rasierten. Und selbst hier sind seine Fenster vor kurzem zersprungen, als eine Autobombe explodierte. Glaubt er, dass die schlimmste Gewalt vorbei ist? „Inschallah!“, so Gott will, antwortet er und nimmt ein mörderisch scharfes Rasierblatt, um meine Koteletten in Form zu bringen. Ich schlucke. „Komm bloß nicht meinem Hals zu nahe“, witzele ich. Er lacht. Als er fertig ist, weist er mein Geld zurück.

Wir beginnen uns zu entspannen. Nebenan entdecken wir ein frisch gestrichenes Restaurant, Al Jasmin, mit hellen roten Plastikstühlen und Tischen auf dem Bürgersteig. Wir bestellen süßen, dunklen irakischen Tee. Abbas Fadhill, 30, der Geschäftsführer, erzählt uns, dass sie erst vor zehn Tagen eröffnet haben. In dem Restaurant, das vorher hier war, ging vor sechs Monaten eine Bombe hoch, weil es irakische Polizisten bewirtet hatte. Sohn und Bruder des Besitzers starben, auch drei Kunden. „Wir haben das Risiko auf uns genommen, weil wir glauben, dass die Situation sich verbessert hat“, sagt Fadhill. „Aber es ist nicht so leicht, Kunden zu bekommen, weil alle bei diesem Restaurant sofort an Bomben denken.“

Wir fahren weiter, vorbei an Bagdads nicht mehr funktionierender Bahn, vorbei an alten Männern hinter Schreibmaschinen, die vor einem Gericht Formulare ausfüllen, vorbei an dem überraschendsten Anblick von allen: einer brandneuen und funktionierenden Ampel, die aber von allen missachtet wird. Und wir müssen einen Konvoi amerikanischer Humvees vorbeilassen, mittlerweile ein seltener Anblick auf Bagdads Straßen.

Ich möchte ein Bier kaufen, aber die zwei oder drei Läden, die sich immer noch trauen, Alkohol zu verkaufen, sind wegen des schiitischen Aschura-Festes geschlossen. Stattdessen fahren wir zu Haider, Bagdads berühmtestem Falafel-Laden.

In dem weißgekachelten Lokal erinnert sich Walid Abdullah, wie sie früher rund um die Uhr geöffnet hatten und jeden Tag 3000 Pitas verkauften. Heute schließt er um drei Uhr nachmittags und verkauft kaum ein Zehntel. Sein Laden liege zu nah an der Green Zone. Zu viele Checkpoints, zu viele Parkverbote, zu viel Spannung. „das Geschäft wird zwar besser, aber wir merken es kaum.“

Am frühen Nachmittag erreichen wir die anglikanische Kirche St. Georges, in der Nähe der Haifa-Straße, gleich wird der Sonntagnachmittagsgottesdienst beginnen. Das Gebäude aus den 30er Jahren ist fast komplett verdunkelt durch riesige Schutzmauern und aufgerollten Nato-Draht. Auf der einen Seite steht das ausgebrannte Raschid-Theater, auf der anderen die verlassene Hülle von Saddams Informationsministerium.

Viele Gemeindemitglieder wurden getötet, allein 2004 elf auf einmal. Das einzige Thema auf der letzten Gemeindeversammlung war, wie man verhindern kann, dass Faiz Georges, ein Laienpriester, wie seine zwei Vorgänger entführt wird. Die Gemeinde von über 1000 erwachsenen Gläubigen ist in vier Jahren auf 250 gesunken. Eine Frau sagt, sie habe heute erst zum zweiten Mal seit Weihnachten das Haus verlassen. Das andere Mal habe sie ihre Eltern besucht.Wächter führen mich nervös in die Kirche. Ich bin überrascht: Sie ist voller Kinder – ein weiterer ungewohnter Anblick. „Hier ist der einzige Ort, wo sie Menschen finden, die sich um sie kümmern“, erklärt Georges.

Andrew White, der britische Pfarrer Bagdads, kommt aus der grünen Zone in einem schwarzen Ford Suburban mit verdunkelten Fenstern, Blaulicht und eskortiert von einem halben Dutzend bewaffneter irakischer Polizei- und Armeefahrzeuge. White, ein Mann wie ein Bär, tauscht die kugelsichere Weste gegen sein Gewand und begrüßt seine Gemeinde mit Umarmungen und Küssen. Er lacht: „Schon ein bisschen anders als eine Fahrt zu einer englischen Kirche.“

In der Kirche, die von einem Denkmal für die Gefallenen des britischen Empires dominiert wird , sind fast nur Frauen und Kinder. Viele der Männer sind tot oder entführt, sagt White. „Sie dienen Jesus am gefährlichsten Ort der Welt“, sagt er seiner irakischen Gemeinde, und dann kündigt er eine Taufe an.

Im hinteren Teil der Kirche, mitten in einer Menge ausgelassener Kinder, deren „Halleluja“ klingt wie ein Fußball-Fangesang, tauft er ein Baby, ein Mädchen, auf den Namen Raneem. Es ist eine unerwartet berührende Zeremonie – eine Feier für ein neues Leben in einer Stadt, in der der Tod allgegenwärtig ist.

Als wir die Kirche verlassen, dämmert es. Überall haben sich die Menschen gefreut, dass wir kamen. Wir haben uns nicht ein einziges Mal bedroht gefühlt, und wir werden ein bisschen selbstgefällig. Wir fahren zurück an das Ostufer des Tigris und spazieren im schwindenden Licht durch den Park am Ufer. Menschen laufen am Wasser entlang und sitzen auf Bänken, junge Männer spielen Fußball, Kinder toben auf Schaukeln und Rutschen. Eine beruhigende Szenerie. Und in der untergehenden Sonne scheint es, als könne der Frieden in diese gequälte Stadt zurückkehren.

Doch die Illusion hält nicht lange an. Wir ziehen weiter, in das Fischrestaurant Faris am Ende des Parks, Abendessen. Bis vor kurzem war es nur mittags geöffnet, jetzt bis spät in den Abend hinein. Wir haben unser Essen beendet, der Geschäftsführer erinnert sich, wie Saddam und seine Söhne ihr Masgouf von diesem Restaurant bestellten, als der Fahrer mir ins Ohr flüstert. Wir haben zu viel Aufmerksamkeit erregt. Ein Fehler – und Bagdad kann immer noch tödlich sein.

copyright: The Times, London. Aus dem Englischen übersetzt von Anna Kemper

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