Zeitung Heute : Ein Tag und sein Schatten

30. Juni 2003, Berlin-Kreuzberg, Wiener Straße: Die einen verlieren ihre Mutter, ein anderer beinahe sein Leben. Aus der Bahn geworfen sind sie bis heute. Besuch bei den Opfern eines Amoklaufs

Tanja Buntrock

Maier erinnert sich noch, wie der andere in die Innentasche seiner Jacke fasst und eine silberfarbene Waffe zieht. Dass er dem anderen „Du fehlst mir noch!“ zuruft. Dann wird es dunkel. Alles, was danach kommt und was davor passiert ist, erfährt er erst, als er acht Wochen später aus dem Koma erwacht. Zum Beispiel, dass der Mann gerade eine Frau erschossen hatte.

Markus Maier, 32, jetzt, ein Jahr danach, trägt über seinem linken Auge eine schwarze Piraten-Klappe. Die dritte Kugel drang durch seine rechte Wange und kam aus der Augenhöhle wieder heraus. Die Kugel, damals, 30. Juni 2003, ein lauwarmer Tag, so gegen 17 Uhr 25, ging knapp am Stirnhirn vorbei.

Die Zitronen fehlten. Barkeeper Maier hatte gerade seine Schicht in der „Bar11“ in der Wiener Straße in Berlin-Kreuzberg begonnen. Zitronen würden an diesem Tag auf jeden Fall gebraucht werden. Also setzte er sich aufs Fahrrad und fuhr zum Obsthändler. Sein Chef und Kumpel, Robby Schlesiger, blieb so lange im Lokal.

Nach etwa 150 Metern, an der Ecke Lausitzer Straße, sieht Maier Stefan H. Stefan H., 38, schießt dreimal auf Maier: zweimal in die Brust, dann in die Wange. Zuvor hatte er seine Ex-Freundin Regina H., die gleich daneben vor der Kneipe „Travolta“ saß, von hinten mit zwei Schüssen in den Kopf getötet. Während die Gäste, die vorm „Travolta“ sitzen, sich in Sicherheit zu bringen versuchen, die Polizei alarmieren oder vor Angst erstarren, läuft der Täter ruhig weiter, der Mann, der eben zwei Menschen niedergeschossen hat, geht in einen Zeitungsladen, um Zigaretten zu kaufen. Sekunden später schießt er einem Polizisten, der ihn stellen will, in den Bauch. Der sinkt schwer verletzt nieder. H. geht in einen Hausflur, läuft zum ersten Hof, weiß, dass Polizisten ihm folgen, hetzt in den zweiten Hof. Dort hält er sich die Pistole an den Kopf und tötet sich. So steht es im Polizeibericht.

Dass Maier überlebt hat, ist ein Wunder, sagen die Ärzte. „Die haben uns gesagt, wenn er überhaupt überlebt, dann wird er wohl im Rollstuhl sitzen und gar nicht mehr ansprechbar sein“, erzählt Robby Schlesiger, Maiers Chef. Erst als Maier aus dem Koma erwacht war und ihm im Krankenbett seine Handynummer hersagen konnte, habe Schlesiger gewusst: Alles wird wieder gut.

„Ich war kein Unbeteiligter“, sagt Maier. Eine Liebesaffäre mit Regina H. – wie spekuliert wurde – habe er nicht gehabt. „Aber ich habe mich mit ihr sehr gut verstanden, sie war öfter hier.“ Das habe Stefan H. mitbekommen. „Der konnte das nicht aushalten.“ Beziehungsdrama nennt die Polizei so etwas. Dabei sei H., sagt Schlesiger, wenn er mit Regina H. mal bei ihm in der Kneipe war, immer ein ganz Stiller gewesen. Einer, der, wenn überhaupt, nur mit ihr gesprochen habe. „Aber das sind ja die Schlimmsten“, sagt Maier.

Einer, der H. besser kannte, als die Leute aus der Kneipe, ist Eduard H., 20, der Sohn der Toten. Er sagt, dass der Ex-Freund seiner Mutter „unberechenbar in seinen Gefühlsausbrüchen“ gewesen sei. Eduard und sein 16-jähriger Bruder Jonathan waren zu Hause in der nahe gelegenen Manteuffelstraße, als wenige Stunden nach dem Amoklauf die Zivilpolizisten mit dem Seelsorger klingelten und ihnen die Nachricht vom Tod ihrer Mutter überbrachten. Eduard sagt, seine Mutter habe es schon lange gestört, dass H. „immer diese Waffe“ mit sich herumschleppte. Als Sportschütze war er zwar in einem Verein gemeldet, sei dort aber so gut wie nie aufgetaucht. „Stefan war wie ein großes Kind. Unreif. Er konnte sich überschwänglich freuen, aber auch total durchdrehen, wenn er wütend war.“ Wenige Tage vor dem Amoklauf habe Regina H. die Nase voll gehabt von ihm. „Die Nacht vor dem Mord hat Stefan Telefonterror gemacht deswegen“, sagt Eduard. Ihr letztes Telefonat habe seine Mutter vorm „Travolta“ mit H. geführt. „Dadurch muss er mitbekommen haben, wo sie gerade sitzt.“

Eduard hat ein Jahr pausiert mit der Schule, fängt erst nach den Sommerferien wieder an. „Ich war die ersten Wochen hyperaktiv, habe so gut wie nie geschlafen. Danach kam die Phase, wo ich mich zu nichts mehr aufraffen konnte, nicht mal zum Telefonieren“, sagt er. Mehrere Psychotherapien hat er abgebrochen. Und dann sagt er, über sich und seinen Bruder: „Wir betrachten alles im Leben als Gewinn.“ Und dann, dass die Trauer schmerzt und er gefasster wirkt, als er ist.

Cocktails wird Markus Maier nie wieder mixen können. Im Februar wurde er aus der Rehaklinik entlassen. Mindestens zwei Operationen stehen noch an, damit ihm ein Glasauge eingesetzt werden kann. Die Spenden, die Schlesiger für ihn gesammelt hat, seien aufgebraucht. Maier sitze jetzt in der „Armutsfalle“, sagt Schlesiger: 300 Euro Krankengeld. Wer will, könne ihm Geld spenden (Kontoinhaber Oberländer, Kontonummer 5943969100 bei der Norisbank, Bankleitzahl 76026000, Kennwort Markus Maier). Maier habe einen Antrag auf Sozialhilfe gestellt.

„Manchmal hab ich auch meine depressive Phasen und denke: Der ganze Scheiß nur deshalb?“ Aber vielleicht, sagt er, „ist der 30. Juni so etwas wie mein neuer Geburtstag“. Mehr aber auch nicht. So richtig habe er die Aufregung um ihn und das Geschehene sowieso nicht verstanden. „Wie auch? Du hast das Wichtigste ja verschlafen“, sagt Schlesiger. Er weint dabei.

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