Zeitung Heute : „Ein Teil dieser Patienten wird sterben“

-

Der an ALS leidende Maler Jörg Immendorff ließ sich in China fötale Zellen ins Hirn spritzen. Warum nennen Sie den Eingriff „unseriös und unethisch“, Herr Meyer?

Wenn man eine Therapie neu einführt, ist eine bestimmte Abfolge von Experimenten üblich: zunächst in einer Zellkultur, dann in so genannten Krankheitsmodellen, also mit Tieren. Bisher hat weder in einer Zellkultur noch in einem Maus oder Rattenexperiment eine Embryonalzell-Therapie, wie sie Dr. Huang in Peking jetzt durchgeführt hat, bei der Amyotrophen Lateralsklerose (ALS) funktioniert. Unseriös nenne ich den Eingriff, weil Dr. Huang ihn zu kommerziellen Zwecken einsetzt, obwohl es keinen wissenschaftlichen Hinweis darauf gibt, dass er erfolgreich sein kann.

Huang sagt, die Wirkung sei nicht erklär-, aber feststellbar, seine Patienten verspürten eine Besserung.

Ja. Das sagt Professor Immendorff auch. Und gerade das Beispiel von Professor Immendorff zeigt, dass es sich dabei um einen Placebo-Effekt handelt. Zwei Tage nach der Operation verspürt er einen positiven Effekt – das hieße, der Nerv hätte innerhalb von zwei Tagen über einen Meter wachsen und eine neue Verbindung herstellen müssen zwischen der zerstörten Nervenzelle im Gehirn und einem Muskel irgendwo im Körper. Das ist biologisch nicht möglich. Weil aber eine Operation im medizinischen Sinne die höchste Form von Zuwendung ist, die ein Patient erfahren kann, verwundert es nicht, dass der Patient eine Besserung verspürt – nur handelt es sich dabei eben um einen Placebo-Effekt.

Können Sie ausschließen, dass es bei Patienten, deren Operation länger zurückliegt, tatsächlich eine Heilung gab?

Nein. Das liegt aber an dem wissenschaftlich unseriösen Vorgehen von Dr. Huang: Bisher gibt es keine Daten, Vorträge oder wissenschaftlichen Publikationen von ihm, die eine Begutachtung der Behandlungsmethoden und -ergebnisse ermöglichen würden. Einer Prüfung seiner Arbeit durch die weltweite wissenschaftliche Gemeinde entzieht er sich bis jetzt.

Welche Risiken birgt eine Operation?

Zum einen medizinische, zum anderen soziale. Das medizinische Risiko betrifft den Eingriff an sich, das ist aber nur ein kleiner neurochirurgischer Eingriff mit Blutungs- und Infektionsrisiken, die ich nicht so hoch einschätzen würde – problematischer sind die Anreise und der Transport kranker Patienten mit zum Teil schwerwiegenden Atemfunktionsstörungen nach China. Das zweite Risiko ist sozialer Natur. Für ALS-Patienten ist es durchaus nicht ungewöhnlich, dass sie alles versuchen und in ihrer Verzweiflung auch für nicht zugelassene Behandlungsmethoden – Stichwort Wunderheiler – Hypotheken auf ihre Häuser aufnehmen oder sich sonstwie verschulden. Das führt nicht selten zur Zerstörung von Familien. Ich habe heute schon zahlreiche Anrufe bekommen von Patienten, die jetzt nach China wollen – von Leuten, die die nötigen 20000 Euro nicht so ohne weiteres aufbringen können.

Was ist das Unethische am Vorgehen Huangs?

Unethisch finde ich vor allem, und zwar ganz abgesehen von dem juristisch zweifelhaften Umgang mit abgetriebenen Föten, dass jetzt in Deutschland 6000, in den USA und Europa zusammengenommen 80000 ALS-Patienten suggeriert wird: In China gibt es eine hochwirksame Therapie, die in Deutschland aus formalen Gründen nicht zugelassen ist. Das ist gefährlicher Quatsch. Denn ein Teil dieser 80000 Patienten wird diesen unsicheren Weg nach China gehen – und ein Teil dieser Patienten wird deshalb sterben.

Thomas Meyer ist Leiter der ALS-Arbeitsgruppe der Charité und Arzt des Malers Jörg Immendorff.

Das Gespräch führte Michael Schmidt.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben