Zeitung Heute : Ein Test für die Diplomatie

Harald Maass[Peking]

Nordkorea hat einen ersten Atomwaffentest angekündigt. Wie realistisch ist es, dass das Land tatsächlich zur Atommacht wird?


Nicht alles, was Pjöngjang verkündet, sollte man ernst nehmen. Nordkoreas Regime droht in regelmäßigen Abständen damit, das verfeindete Südkorea in ein „Meer aus Flammen“ zu verwandeln – ohne dass dann aber ein einziger Soldat seine Kaserne verlässt. Am Dienstag hat Nordkorea nun einen Atombombentest angekündigt. Und obwohl das Regime von Präsident Kim Jong Il in dem seit 2002 schwelenden Atomstreit schon viele Drohungen und Warnungen verbreitet hat, ist die Situation dieses Mal ernst.

Experten haben keinen Zweifel daran, dass Nordkoreas Militär genügend technisches Wissen und auch spaltbares Plutonium besitzt, um unterirdisch eine Atombombe zu zünden. Die meisten Beobachter, darunter auch die US-Geheimdienste, gehen davon aus, dass genügend Material für vier oder gar sechs Bomben vorhanden ist.

In den vergangenen Monaten hatte es immer wieder Anzeichen für einen bevorstehenden Atomtest gegeben. Sollte Kim Jong Il seine Drohung wahr machen und tatsächlich eine Testbombe zünden, würde dies nicht nur die Sicherheitslage in Asien auf den Kopf stellen. Mit Japan, Südkorea und indirekt auch China liegt ein wichtiger Teil der Weltwirtschaft in Kims Schusslinie. Zwar mag es noch einige Zeit dauern, bis Nordkoreas Ingenieure eine Bombe auf einen Raketenkopf installieren können. Über Langstreckenraketen wie die Taepodong-2, die zurzeit in der Entwicklung ist, könnte Nordkorea irgendwann aber sogar die USA angreifen.

Eine Atommacht Nordkorea wäre eine kaum zu kontrollierende Gefahr für den Weltfrieden. Die Volksrepublik Korea, so der offizielle Name des Landes, ist der isolierteste Staat der Erde. Das Regime könnte die Atombomben nicht nur an andere Terrorregime in der Welt weiterverkaufen. Auch im Land wären die Bomben nie sicher – zum Beispiel bei einem plötzlichen Machtwechsel.

Selbst wenn Pjöngjang die Drohung vorerst nicht wahr macht und keinen Atomtest durchführt, ist der Schaden für die Diplomatie enorm. Kim Jong Il hat sich durch seine Politik der Eskalation seit 2002 immer tiefer in eine Sackgasse manövriert: Erst schmiss er die Inspekteure der Internationalen Atomenergiebehörde aus dem Land und kündigte den Atomwaffensperrvertrag auf. Er ignorierte die Warnungen der USA und die Verhandlungsbemühungen Chinas, ließ Brennstäbe aus den Atomreaktoren abtransportieren. Dann führte er Raketentests durch und erklärte sein Land im vergangenen Jahr offiziell zur Atommacht.

Ziel dieser Politik ist – so verrückt es klingen mag – eine Annäherung an die USA. Kim will mit seinen Drohungen Washington an den Verhandlungstisch zwingen. Er fordert eine Aufhebung der Sanktionen, Wirtschaftshilfen und, noch wichtiger, eine Bestandsgarantie für sein Regime. Seine große Angst ist, dass die USA irgendwann versuchen, einen Regimewechsel mit Militärgewalt zu erzwingen. Erfolg hatte Kim mit dieser Politik jedoch nicht. Vor einigen Monaten verschärfte Washington sogar die Sanktionen.

Durch die Ankündigung eines Atomtests hat Kim seinen letzten Verbündeten vergrätzt – China. Peking hatte versucht, als neutraler Vermittler den Konflikt beizulegen. Solange Pjöngjang sich grundsätzlich für Verhandlungen bereit zeigte, verhinderte China im Sicherheitsrat Sanktionen. Nach der Atomtestdrohung kann Kim bei Pekings Führern auf keine Sympathien mehr hoffen.

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