Zeitung Heute : Ein Tick zwischen Gold und Edelweiß

Was zeigt die Uhr? Darauf gibt es nicht nur rationale Antworten. Die Geschichte eines kleinen, aber etwas spinnerten Faibles

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Mit der Frage, wie viele Armbanduhren ich trage, kann man mich in Verlegenheit bringen. Oder auch nicht, je nachdem. Natürlich trage ich immer nur eine Uhr. Aber eben nicht immer dieselbe. Das wechselt, je nach Jahreszeit, Gemütslage, Gelegenheit. Armbanduhren sind für mich mal modisches Accessoire, mal Gebrauchsgegenstand und gelegentlich auch einmal – etwas Besonderes.

Ich bin nicht einer jener Krösusse, die, in schönen Lederbeuteln separat aufbewahrt, eine ganze Reihe hochedler Produkte der schweizerischen oder sächsischen Uhrmacherkunst ihr eigen nennen. Solche Sammler beneide ich durchaus, aber meine Leidenschaft spielt sich auf einem niedrigeren, nicht so teuren, etwas verspielten, sagen wir: bürgerlichem Niveau ab. Nehmen wir zum Beispiel die Uhr von Michel Jordi. Das ist ein Schweizer Uhrenbauer, der 1991, zum 700jährigen Jubiläum der Eidgenossenschaft, eine Uhr im Ethnolook anbot. Das vergoldete Gehäuse ist mit Kühen im Relief verziert, auf dem schwarzen Lederarmband sind Edelweißblüten eingestickt. Wenn man Appenzeller heißt, muss man so etwas einfach haben.

Glauben Sie nicht, dass ich nur spinne. Auf einem Flug mit der leider verblichenen Swissair entdeckte ich im Bordkatalog das genaue Gegenstück zu der ausgeflippten Jordi-Uhr, eine ganz klassische, silbergraue Uhr von Calvin Klein. Die trage ich genauso gerne wie eine sehr flache, quarzgetriebene goldene Longines-Uhr. Mein teuerstes Stück, eine Maurice Lacroix mit Datumsanzeige und Wecker, habe ich zum 50. Geburtstag bekommen. Dann gibt es noch mehrere Swatchuhren, robuste zum Wassersport oder Laufen, aber auch eher elegante. Es gibt eine ganz nüchterne Uhr mit Tagesspiegelwerbung und eine ganz versponnene meiner früheren Zeitung, auf deren Zifferblatt sich Mond und Sterne drehen. Ich habe nie eine Uhr mit Digitalanzeige besessen. Ich möchte mir Zeit räumlich vorstellen können. Das gelingt mir mit einer Uhr mit Zifferblatt und analoger Anzeige einfach besser. Eine Uhr ohne Zifferblatt ist für mich wie eine Zeitung im Binärcode, ohne Buchstaben – also eben unvorstellbar. apz

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