Zeitung Heute : Ein Tor zum Himmel

Die Fußball-WM macht auch vor Klostertoren nicht Halt: Wenn es die Arbeit erlaubt, sitzt Pater Valentin, Mönch im berühmten bayrischen Kloster Andechs, beim Public Viewing in der Kneipe. Beim Spiel der deutschen Elf gegen Polen kollidieren allerdings die Termine.

-

Chips werden nicht gereicht. Aber ab und an genehmigt sich Benediktinermönch Pater Valentin gerne ein Bier zum Fußball. Davon gibt es im Kloster Andechs schließlich genug: Mit 12 Millionen Liter Ausstoß jährlich ist die Klosterbrauerei eine der größten Privatbrauereien Bayerns. Pater Valentin weiß es ganz genau, schließlich überwacht der Spross einer Winzerfamilie aus der Pfalz die Finanzen der Brauerei. Wenn er sein Tagwerk verrichtet hat, trifft sich der Geistliche während der WM mit Ordensbruder Pater Lambert im Wappensaal des klösterlichen Braustüberls – und schaut dort die Spiele auf Großbildleinwand. Selbst die schweren Eichentore am Eingang des Benediktinerklosters von 1455 konnten nicht verhindern, dass das WM-Fieber sich in geistliche Gefilde ausbreitet. Hier in der Peripherie von München kennt man sich schließlich aus mit der Fußballprominenz. Der scheidende Michael Ballack wohnt einen Katzensprung entfernt am Starnberger See. Oliver Bierhoff residiert drei Dörfer weiter. Fußball ist fast allgegenwärtig in Andechs: Walter Beckenbauer, ein Bruder jener Lichtgestalt, zeichnet als Setzer verantwortlich für den Druck des klösterlichen Mitteilungsblattes „Andechser Berg & Echo“. Im Kerzengewölbe der Kirche steht eine Wachssäule, die 1860 München 1994 zum Wiederaufstieg in die Bundesliga stiftete. Seite an Seite mit einer Kerze, die kurze Zeit später aus der Säberner Straße in München eintrudelte.

Fürbittgebet für Spieler

Als Seelsorger muss sich Pater Valentin auch beruflich mit der gegenwärtigen Kicker-Hysterie befassen. „Die WM bewegt die Menschen. Sie verbindet die Völker. Solange sie friedlich, fair und gastfreundlich verläuft, ist es nur gut, dass wir sie haben.“ In der Austragungszeit schließt er die Sicherheit für Zuschauer und Spieler regelmäßig in sein Fürbittengebet mit ein. Sein Seelenheil hängt indes nicht vom Erfolg der deutschen Mannschaft ab. Beim Eröffnungsspiel gegen Costa Rica seien im Braustüberl alle bei den Toren der Deutschen aufgesprungen – nur der Vater Lambert und er nicht. „Aus der offensiven Parteilichkeit halte ich mich raus.“ Der in der WM-Zeit offen zur Schau getragene Nationalismus der Deutschen stößt ihn ab. „Trotzdem,“ gibt der 37-Jährige ein wenig kleinlaut zu, „hat mich beim Eröffnungsspiel die Begeisterung im Saal schon ein wenig gepackt …“ Ihm gefällt die Natürlichkeit und Kameradschaft im deutschen Team. „Dass sich da zwei Jungs wie Podolski und Schweinsteiger anfreunden und diese Freundschaft auf dem Platz zelebrieren, ist etwas sehr, sehr Schönes.“ Auch das soziale und religiöse Engagement gerade bei vielen jungen Spielern nimmt der Mönch wohlwollend zur Kenntnis. Die tiefe Religiosität von Charakteren wie Sebastian Deisler, Miroslav Klose oder Roque Santa Cruz wirke sich schließlich positiv auf das allgemeine Interesse an der Bibel aus. Mit großer Genugtuung stellt er fest, dass der Einfluss der Kirche trotz der von Sepp Blatter selbstherrlich ausgerufenen Weltreligion Fußball immer noch deutlich sichtbar ist: Bei der Eröffnungsfeier entdeckte Pater Valentin mit Verwunderung, wie die traditionellen Heiligenbilder in den dort aufgetragenen Blumenkränzen durch Fußballbilder ersetzt wurden. Und als Péle den Weltpokal von Claudia Schiffer empfing und emporreckte, war das nichts anderes als die Huldigung des heiligen Grals – und damit ein geistliches Ritual.

So weit, dass die klösterliche Arbeit wegen der WM ruht, ist es in Andechs allerdings noch nicht. Am Mittwoch droht den Fans im Kloster Ungemach. Das Spiel der Deutschen gegen Polen fällt für Pater Valentin und Vater Lambert aus. In der Kirche ist, wie jeden Mittwoch, um 18 Uhr heilige Messe mit anschließendem Abendessen. Doch die Hoffnung stirbt zuletzt: „Mal sehen, vielleicht schaffen wir’s zur zweiten Halbzeit ...“Tim Jürgens

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben