Zeitung Heute : Ein Traum explodiert

Im Sari Club in Kuta war es lauter als beim Ballermann auf Mallorca. Seit Samstagnacht ist es still dort, den Sari Club gibt es nicht mehr. Bisher galt Bali als friedliche Insel inmitten einer gefährlichen Welt. Jetzt ist der internationale Terrorismus auch hier angekommen.

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Von Moritz Kleine-Brockhoff,

Jakarta, und Julica Jungehülsing, Sydney

Im Vorgarten, direkt an der Straße, und weiter hinten an der Theke stehen auch an diesem Samstagabend Hunderte. Es ist eine warme Nacht wie fast immer hier in Kuta, Bali, Indonesien. 20 Grad. Die Männer und Frauen tragen kurze Hosen oder Miniröcke, und vielleicht unterhalten sie sich über den vergangenen Urlaubstag. Der Strand, an dem sie ihn verbracht haben, ist nur ein paar Hundert Meter entfernt. Sie stehen Schulter an Schulter beisammen, wer auf die Toilette will, muss sich durchkämpfen, sie schauen möglicherweise über die Hecke den Hunderten Taxis auf der Legian-Straße nach, und sie loben ganz bestimmt den billigen gebratenen Reis aus den Garküchen und Restaurants nebenan. Und wenn wirklich alles so war wie immer, dann verabreden sie sich auch für die Disco Double Six, wo viele von ihnen am frühen Morgen immer hingehen. Aber noch sind sie hier im Sari Club, sie trinken, sie grölen. Es ist „lauter als beim Ballermann auf Mallorca“, sagt ein Deutscher, der noch vor zehn Tagen in Kuta war.

Die meisten von ihnen sind jung und kommen aus Australien. In Kuta sind Bier und Unterkunft billig, und es ist nur ein paar Flugstunden entfernt. Sie treffen sich also im Sari Club wie jeden Abend, in der großen Kneipe auf der rechten Seite der Einbahnstraße. Ins Double Six wird keiner von ihnen mehr gehen, und auch nicht ins Padis auf der anderen Straßenseite, wo Technomusik dröhnt und die Tanzfläche immer ab Mitternacht voll ist.

Jede Stunde eine neue Zahl

Denn gegen 23 Uhr gibt es zwei Explosionen, die erste vermutlich im Padis, die zweite, lautere wohl kurz darauf im Sari Club. Mehr als 180 Menschen sterben nach dem gewaltigsten Anschlag in Indonesiens Geschichte. Vom Padis sind nur Trümmer übrig, der Sari Club ist ein Schutthaufen. Tags darauf werden nur wenige Augenzeugen hier sein, fast jeder, der in der Nähe war, ist tot oder im Krankenhaus. Überall verstreut werden die Schuhe der Flüchtenden liegen.

Unter den Überlebenden bricht Panik aus, viele Häuser brennen und fallen in sich zusammen. Als die ersten Hilfskräfte kommen, sehen sie Staub und Rauch. Und dazwischen zerfetzte Leichen, blutverschmierte Körperteile und Verletzte, die nach Hilfe rufend auf der Straße liegen oder orientierungslos umherirren. „Der Anblick der Toten und Verletzten, der Gestank, die Schreie, das Knistern der Flammen, das Scheppern beim Herunterfallen von Trümmern – es war fürchterlich“, erzählt ein Tourist, der unverletzt überlebte, weil er mehrere hundert Meter entfernt war, als die Bombe explodierte. „Ich habe einen Mann gesehen, der am ganzen Körper blutig war, und eine Frau, die mit brennender Kleidung umherrannte.“

In Jakarta klingeln gegen 23 Uhr 30 die Telefone von Politikern, Diplomaten und Journalisten. Aus dem Chaos in Kuta dringt eine Nachricht zu ihnen, die die Dimension des Verbrechens noch nicht erkennen lässt: „Sprengstoffanschlag auf Diskothek ,Padis’, drei Tote“, heißt es. „Bali? Dort ist doch noch nie etwas passiert“, sagen viele und wundern sich.

Dass eine Bombe hochgeht, ist nicht ungewöhnlich in Indonesien, auch in den Gegenden, in denen kein Bürgerkrieg tobt, gab es in den vergangenen drei Jahren Sprengstoffanschläge. Dabei starben 62 Menschen. Und 181 Sprengsätze fand und entschärfte die Polizei, bevor sie explodierten. Meist geht es bei diesen Fällen um Schutzgelderpressung.

Im Lauf der Nacht und am Morgen danach wird deutlich, dass der Anschlag auf Bali alles in den Schatten stellt, was bislang in Indonesien geschehen ist. Stündlich kommen neue Zahlen: 15, 45, 60, 120, 187 Tote und über 300 Verletzte – in den nächsten Tagen wird die Zahl wohl noch größer werden, weil wahrscheinlich noch viele Menschen unter den Trümmern liegen. Auf Bali pendeln stundenlang Krankenwagen und Privatautos zwischen den medizinischen Einrichtungen der Insel, wo die Verletzten behandelt werden, so gut es eben geht, und der Legian-Straße, wo es bis zum Morgengrauen brennt. Am Flughafen treffen die ersten Touristen ein, die sofort nach Hause wollen.

Weil jetzt klar ist, wie gewaltig die Explosion war, sprechen immer mehr Experten vom internationalen Terrorismus. Die relativ kleinen militanten Gruppen, die in Indonesien operieren, könnten einen so großen Anschlag nicht ohne Unterstützung anderer Organisationen aus dem Ausland durchführen, sagen die meisten Kenner der Szene. Diskotheken sind in der Vergangenheit oft angegriffen worden, weil es moslemische Fundamentalisten stört, dass dort in der Regel Prostituierte arbeiten und dass meist nicht nur Alkohol, sondern auch Drogen verkauft werden, mancherorts vom Kellner. Aber die Schlägertrupps der FPI, der „Front zur Verteidigung des Islam“ prügeln für gewöhnlich nur und zerstören das Mobiliar. Anfang des Jahres allerdings lagen in Jakarta einmal vor fünf Discos kleine Sprengsätze, zwei explodierten, ein Mann wurde verletzt. Der Anschlag von Bali spielt in einer anderen Liga, er ist der größte seit dem 11. September 2001.

Am Nachmittag spricht Indonesiens Präsidentin Megawati Sukarnoputri persönlich vor Journalisten. Das tut sie selten, weil sie nicht in die vielen Fettnäpfe treten will, die es in ihrem Land gibt, in dem mehr Moslems leben als in jeder anderen Nation der Welt. Fast alle sind moderat und tolerant, aber sie tolerieren die Gewalt der wenigen militanten Gruppen. Wer Fundamentalisten kritisiert, wird von islamischen Parteien als unislamisch gebrandmarkt. Megawati hat das bisher vermieden. Sie und ihre Regierung sagten monatelang, es gebe keine Beweise dafür, dass Terroristen aus dem Ausland in Indonesien aktiv seien und mit lokalen Gruppen zusammenarbeiteten.

Die US-Regierung indes überschüttete die Indonesier mit Geheimdienstinformationen, die zwar nicht besagten, dass Touristen in Gefahr seien oder auf Bali etwas zu befürchten sei, die aber deutlich machten, dass Anschläge geplant seien. Megawatis Regierung wollte davon wenig hören. Auch nach der Bombe von Bali wählt sie ihre Worte vorsichtig: „Der Anschlag ist eine Warnung für uns. Terrorismus ist eine reale Gefahr und eine potenzielle Bedrohung der nationalen Sicherheit.“ Einer von den Reportern, die vor ihr sitzen, schüttelt den Kopf, während sie vom Blatt liest – mehr als 180 Menschen sind tot, über 300 verletzt, und die Präsidentin spricht von einer „Warnung“ und von einer „potenziellen Bedrohung“.

Auch Deutsche sind unter den Opfern. Eine Frau, die auf Bali lebte, ist tot, drei Verletzte liegen auf der Insel im Krankenhaus, drei sind in australische Hospitäler geflogen worden, zehn Deutsche werden vermisst. Außenminister Joschka Fischer sagt, auf „unnötige Reisen“ nach Bali und Besuche in dortigen „Unterhaltungslokalen“ solle derzeit verzichtet werden.

Die meisten ausländischen Opfer jedoch kommen aus Australien. Mindestens sieben Australier wurden getötet und 113 verletzt. Der australische Premierminister John Howard wird deshalb auch deutlicher als Megawati. Einen „barbarischen Terror-Akt, der unser Land nachhaltig schockieren wird“ nannte Howard den Anschlag auf die Nachtclubs in Kuta. „Wir müssen der Tatsache ins Auge sehen, dass Terrorismus jederzeit jeden von uns und an jedem Ort der Welt treffen kann.“ Auch auf der idyllischen Urlaubsinsel vor der eigenen Haustür.

Bali, die Insel, die für Australier ein Feierparadies ist, so wie für Europäer Ibiza, galt bisher als sichere Urlaubsgegend. Drei Viertel der Bali-Reisenden kommen aus Australien, 20000 hielten sich nach Schätzungen des Außenministeriums zur Zeit des Anschlags auf der Insel auf. Darunter waren mindestens fünf komplette Rugby- und Football-Teams, die in der vergangenen Woche auf die Insel geflogen sind, um das Ende der Spielzeit zu feiern – die beiden zerstörten Clubs Padis und Sari gehörten zu den Lieblingstreffpunkten der Sportler.

Der Indonesien-Experte Greg Fealy vermutet deshalb, dass der Anschlag sich gezielt gegen Australien richtet: „Es ist schwer zu glauben, dass diese Bomben nicht uns galten“, sagt er in einer Nachrichtensendung am Sonntagabend. Und dem australischen Premier Howard bietet das Attentat eine traurige Gelegenheit, seine Unterstützung für die Irak-Kriegspläne von US-Präsident George W. Bush zu verteidigen: „Dies ist sicherlich nicht der Moment für hitzköpfige Reaktionen“, sagt er, „aber wir müssen einsehen, dass wir uns auch nicht in unserer Ecke verstecken können und sagen: Das wird schon vorbeigehen.“

Auf den Flughäfen von Sydney und Melbourne warten unterdessen die Familien von Urlaubern zitternd vor Anspannung auf die Maschinen aus Bali, in der Hoffnung, ihre Angehörigen seien an Bord. An den Abflugschaltern herrscht Ratlosigkeit: Fliegen oder nicht? Mehr als 50 Passagiere einer Maschine der indonesischen Fluggesellschaft Air Garuda entscheiden sich, ihre Bordkarten nicht zu benutzen und lassen ihr bereits aufgegebenes Gepäck wieder zurückholen.

Es war eine Autobombe

Australiens Außenminister Alexander Downer warnt seine Landsleute davor, in nächster Zeit nach Bali zu reisen. Doch das dürfte ohnehin schwierig werden: Die australische Fluggesellschaft Qantas hat nämlich sämtliche Flüge auf die Urlaubsinsel gestrichen, stellt aber zusätzliche Maschinen bereit, um Australier so schnell wie möglich zurück nach Darwin, Melbourne und Sydney zu fliegen. In Darwin, dem nördlichsten Flughafen Australiens, machen sich unterdessen zwei Royal-Australian-Airforce-Maschinen auf den Weg in die Inselhauptstadt Denpasar, um die Versorgung der Verletzten in Kuta mit Ärzten und Medikamenten zu unterstützen.

In der Legian-Straße qualmt es Sonntagnacht immer noch aus den Trümmern. 17 Gebäude sind komplett zerstört, aus allen wurden Tote geborgen. Der Sprengstoff sei in einem Auto gewesen, sagt die Polizei. Das Fahrzeug ist zerfetzt. Dort wo es stand, vor dem Sari Club, ist ein großes Loch im Asphalt.

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