Zeitung Heute : Ein Traum in Beige

Er war der Mann am weißen Flügel. Millionen kauften seine Platten. Wie lebt Richard Clayderman heute? Unsere Autorin hat ihre Kinderliebe in Paris besucht.

Christine-Felice Röhrs

Ich war acht, als ich mich in Richard Clayderman verliebte. Stundenlang habe ich damals Luftklavier gespielt und ein Plattencover (samt Platte, behauptet meine Mutter) übers Bett genagelt. Heute kann ich Klaviermusik nur noch bedingt ertragen. Und blonde Männer mag ich auch nicht, erst recht nicht die mit Fönfrisuren. Es ist mir ein Rätsel, wie ich mich damals so sehr habe verlieben können. Vielleicht bin ich ja deshalb hingefahren zu ihm, auf der Suche nach den verlorenen Erinnerungen. Vielleicht auch, weil alle, die von meiner Suche erfuhren, aufgeschrien haben: Mensch, ja, der Clayderman, was ist aus dem denn nur geworden?

Plötzlich war ich nicht mehr allein mit meiner frühjugendlichen Peinlichkeit. Alle wussten sie was zu sagen über ihn. Nicht immer Nettes. König des Weichzeichners haben sie ihn genannt. Und Praliné-Pianist. Einer wusste aber immerhin, dass er auch mal im Guiness-Buch der Rekorde gestanden hat. 1982 war das, für 127 Gold- und 23 Platin-Platten. Entweder total verrissen oder gehätschelt als „schönster Mann am Klavier“ („Quick“), „blonder Terzengel“ („Neue Revue“) oder „Prince of Romance“ (Nancy Reagan) – Richard Clayderman polarisiert. Die Wahrheit über meine Jugend zu finden, und die über Richard Claydermann, deshalb war ich dort. Ich klingelte.

Paris. Boulevard Maillot 24. Ein Palais hinter schmiedeeisernem Zaun, gegenüber der Bois de Bologne. Ein Butler öffnet. Hier wohnt Olivier de Toussaint, Richard Claydermans Manager. Ich hatte vor, ihn zu ignorieren. Es sollte nicht klappen. Denn Clayderman ist die Erfindung dieses Mannes, des Endvierzigers im Kaschmirpulli, des Dauerrauchers mit den scharfen Gesichtszügen und dem routinierten, mit leichter Langeweile vermischten Charme des Adeligen. Richard ist noch nicht da, sagt er. Kurz darauf geht die Tür auf und herein kommt … Rain Man?

Blütenmuster in der Wange

Ich weiß noch, es war Ende der 70er, Anfang der 80er Jahre. Im Schlafanzug saß ich auf dem Sofa in der Hamburger Etagenwohnung. Braun-weiß war es, wie die Designer das damals diktierten, und der Stoff war rau. Das Blütenmuster drückte sich in meine Wange, während meine Blicke am Bildschirm klebten, wo er bei „Der große Preis“, „Hitparade“, „Wetten dass“ oder „Wünsch Dir was“, bei all den Großereignissen der TV-Unterhaltung, im weißen Smoking am weißen Piano Platz nahm. Der Mann war ein Star damals: Prinz auf Schimmel, Erretter vor Drachen, Inbegriff des großen Guten wie Jahre später Sascha Hehn. Ich glaube, damals fing das an mit dem Schwärmen. Bei meinen Freundinnen war es entweder der Klassenlehrer oder Flash Gordon. Bei mir er. Unser Männerhorizont war wirklich begrenzt.

Er scheint geschrumpft seit diesen Kindertagen. Der Mann, der das Wohnzimmer des Olivier de Toussaint betritt, ist nur noch mittelgroß. Und er ist beige. Beige Hose, beiger Anorak und beiges Haar. Beige. Die Farbe zwischen allem. „Allo“, sagt er, und macht ein paar Schrittchen auf mich zu, die Stimme ist hell, keine Singstimme, die Schultern hängen ein wenig nach vorne, warm ist seine Hand, sehr weich, er drückt nicht zu. Nur kurz guckt er hoch, dann rüber zum Manager. Setzen, befiehlt der mit einer Handbewegung.

Es war 1976, als Olivier de Toussaint Richard Clayderman entdeckte. 23 Jahre war der damals alt, ein unbekannter Pianist namens Philippe Pagès, verheiratet, ein Kind, erfolgloser Rockmusiker, zwischenzeitlich Bankangestellter. Olivier de Toussaint und sein Kompagnon Paul de Senneville indes hatten als Inhaber der Plattenfirma Delphine gerade einen Hit gelandet mit einer getragenen Trompetenmelodie. Dafür hatten sie einen jungen Musiker von der Hochschule geholt. Das Konzept – Schmusemusik und dekorativer Künstler – war eingeschlagen. Nun brauchten sie wieder ein Zugpferd für eine Melodie, diesmal einen Klavierspieler, warum sollte das nicht auch klappen?

Ein paar kamen, die waren arrogant, sagt Olivier de Toussaint. Die wollten unser Stück nicht spielen. Ein paar konnten nicht spielen. Andere waren hässlich. Dann kam Richard. Ein Junge, der spielen konnte und wollte, hübsch und blond dazu. Toussaint saugt heftig an der Zigarette, mustert Clayderman und sagt: „Es war die perfekte Kombination.“ Clayderman macht es nichts aus, dass über seinen Kopf hinweg gesprochen wird. Gleichmütig sitzt er zwischen Manager und Gast, guckt an die Decke und streichelt sein Knie.

Wollten Sie denn damals ein Star werden, Herr Clayderman?

„Nur Musiker eigentlich“, sagt der höflich.

Wären Sie ohne Management ein Star geworden?

„Ich denke, nein. Olivier und Paul sind die, die mich vorangebracht haben.“

Ballade pour Adeline hieß die Melodie, die Paul de Senneville komponiert hatte. Im November 1978 lief sie als Thema des ZDF-Krimis „Der Alte“ – und dann wurde Philippe Pagès zum Star. Und zum Pionier eines Trends, dem Hunderte folgen sollten, von Rondo Veneziano bis André Rieu.

Ich bin nicht traurig

Toussaint und Senneville hieben in die Kerbe, so schnell und fest sie konnten. „Träumereien“ hieß die erste Platte. Drei Tage nach dem Erscheinen von „Träumereien 2“ waren schon 250 000 Exemplare verkauft. Später sollte es noch „Träumereien in Gold“ geben und „Zeit zum Träumen“ und „Ein Traum von Liebe“ und „Ein Weihnachtstraum“ undundund. Abend für Abend spielte Clayderman sich durch den Massengeschmack: Nach „Für Elise“ kam „ Yesterday“, dann „Don’t cry for me Argentina“ und „Rhapsody in Blue“. Und ich beschloss, diesen Mann zu heiraten.

Warum nur? Heute kriege ich irgendwie kein Zipfelchen mehr von dem zu fassen, was ich damals gedacht habe. Vielleicht, weil Achtjährige nicht in Sätzen denken, die sich erinnern ließen? Sie fühlen. Reagieren.

Habe ich mich also damals nur anstecken lassen von der Hysterie, von seiner Allgegenwart in Fernsehen und Radio und von Tante Sigrids missionarischem Eifer, mit Clayderman-Notenheften auf dem heimischen Klavier seinen Ruhm zu verbreiten? Vielleicht war das ja wie eine Gehirnwäsche. Es brach einfach ein in mein Kinderzimmer mit dem Hochbett, mit der orangefarbenen Schrankwand und Mucki, der Schildkröte, die immer auf den Rücken kippte, wenn sie über die Schienen der Carrera-Bahn kletterte.

Vielleicht hat mich damals aber auch nur die Nettigkeit in seinen Augen angezogen. Die ist immer noch da. Aber heute kann ich sehen, dass die Zurückhaltung nicht Souveränität ist, sondern Schüchternheit. Clayderman braucht eine Stunde, um lockerer zu werden. Dann aber gibt er sich Mühe, er lehnt sich auf dem Sofa nach vorne, stützt die Ellbogen auf die Knie, antwortet ausführlicher, lächelt öfter. Er will genügen. „Sehen Sie“, sagt er, „manchmal sind Interviews immer noch eine Prüfung für mich.“ Zu jemand anders hat er mal gesagt: „Es verdirbt mir das Leben, dass ich den Leuten gern Freude mache und nicht ,nein’ sagen kann.“

Bis heute hat Richard Clayderman 1000 Titel aufgenommen, 1500 Konzerte gegeben, 70 Millionen Platten verkauft und ist mehrfacher Millionär geworden. 300 Goldene Schallplatten sind ihm verliehen worden und 60 aus Platin. Seine Hände sind für 750 000 Euro versichert. Und immer noch ist er sieben Monate im Jahr auf Tournee. Nur in Deutschland ist er kein Star mehr. Hier tritt er zwischen Plastikmandelblüten und Trachtenträgern im Musikantenstadl auf.

Ja, er hat ihn realisiert, diesen Absturz vom Popstar zum Volksmusikanten. „Ich verstehe gut, was Sie meinen“, sagt Clayderman. „Ich bin nicht traurig. Ich mache trotzdem weiter. Ich bin ja immer noch erfolgreich, nur der Schwerpunkt hat sich geändert.“ In Südamerika und Asien spielt er immer noch vor 30 000 Menschen. Da werfen die Mädchen noch mit Rosen und klopfen nachts leicht bekleidet an die Tür. Öffnet er dann? Warum nicht, sagt Clayderman. Er erklärt, dass er verheiratet ist, und zum Trost gibt er dann Autogramme. „Ich bin so, wie mein Image ist“, sagt er. „ Ich lebe ein normales Leben, ich bin treu und helfe meiner Frau beim Einkaufen. Ich mag Harmonie. Ich bin so.“

Werden Sie denn nie mal wütend, Herr Clayderman?

„Ich werde selten wütend.“

Herr Toussaint, kann er denn wirklich nicht wütend werden?

„Ich mache das für ihn“, sagt Toussaint, „ich will nicht, dass er gestört wird.“

Zuletzt hat das Leben dann doch noch zugeschlagen. Richard Clayderman, so meldete eine Zeitschrift im vergangenen Jahr, steckt in einer Ehekrise. 20 Jahre war Clayderman da mit Christine, einer ehemaligen Friseuse, verheiratet. Er sagt: „Ich bin immer noch verheiratet. Aber jetzt, da die Kinder groß sind…“ Der Satz bleibt in der Luft hängen. „Es ist alles nicht so leicht“, sagt er leise.

Da, nach zwei Stunden, bin ich endlich so weit, dass ich nicht mehr den Drang verspüre, mich zu rechtfertigen dafür, dass ich den Mann mal toll fand. Mitgefühl spüre ich auf einmal mit Richard Clayderman, nein, eher mit dem Mann in ihm: mit Philippe Pagès, der ein Sanfter ist und doch besser ein Sonnyboy wäre für dieses Leben. Umsorgen will ich ihn, meinen neuen Hut zeigen und ihn vor seinem Manager beschützen.

Nur anbeten kann ich ihn nicht mehr.

In unregelmäßigen Abständen schreiben Tagesspiegelautoren über ihre Jugendhelden. Als nächstes besucht Stephan Lebert die Schauspielerin Desirée Nosbusch.

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