Zeitung Heute : Ein Traum von Architektur: Luftschlösser auf Papier

Bernhard Schulz

Karl Friedrich Schinkel ist der neben Palladio wohl am umfassendsten publizierte Architekt überhaupt. Die Buchreihe des "Schinkel-Werks" wächst seit 1931 langsam, aber stetig heran - wenngleich sie eher in Bibliotheken zu finden ist als in Buchhandlungen. Wie sehr Schinkel heute gleichwohl als Autorität gilt, zeigt schon der Blick auf die Berliner Architekturdebatte der neunziger Jahre, als sich die Vertreter des "steinernen Berlin" auf den gebürtigen Neuruppiner ebenso beriefen wie die Verfechter eines freien Umgangs mit der Historie. Das Vorhaben, seine noch 1961 abgerissene Bauakademie gegenüber dem Schlossplatz wieder aufzubauen, das mit der Aufmauerung einer Gebäudeecke derzeit Gestalt annimmt, unterstreicht diese Bedeutung. Aber welchem Schinkel diese Reverenz gilt, ist nicht leicht auszumachen.

Weder ist Schinkels Werk auf einen Begriff zu bringen, noch verlief seine Laufbahn so geradlinig, wie es der gewaltige Nachruhm glauben macht. Sein früher Tod nach einem ungeheuer produktiven Leben wird seit jeher als Scheitern an der Borniertheit des preußischen Königshauses verstanden, das Schinkels Alltagsarbeit beschwerte und seine hochfliegenden Vorhaben unter der Last bürokratischer Pflichten erdrückte. Bezeichnenderweise hat es Schinkel nie zur Abfassung seines lang erhofften "Architektonischen Lehrbuchs" gebracht - er, der doch als oberster Baubeamter Preußens das Baugeschehen von Aachen bis Königsberg kontrollierte und Generationen von Schülern prägte.

In seinen letzten Lebensjahren verwandte Schinkel enorme Energie an Projekte, die er selbst kaum mehr zu verwirklichen hoffte oder von vorneherein als idealtypisch verstand, die aber die Summe ziehen sollten seiner Durchdringung der Baukunst und ihrer Prinzipien. Diese späten Projekte sind Papier geblieben. Aber was für ein Papier: Vorzügliche Farblithographien stellten sie als vollgültige Bauten vor Augen, als Vermächtnis und als bleibendes Vorbild. Konnten allerdings die Entwürfe für einen Palast auf der Athener Akropolis und für das Zarenschloss Orianda auf der Krim, die nach Schinkels Tod 1841 unter dem Titel "Werke der höheren Baukunst zur Ausführung bestimmt" veröffentlicht wurden, sowie die Rekonstruktionsvorschläge der beiden durch Jahrhunderte hindurch bewunderten Villen des Plinius tatsächlich als Vorbild gelten? Und wie steht es um den 1835 entstandenen Idealentwurf einer fürstlichen Residenz, der den Höhepunkt des Stückwerk gebliebenen "Architektonischen Lehrbuchs" hätte bilden sollen?

"An Schinkels späten Projekten scheiden sich die Geister", urteilt Klaus Jan Philipp im Kommentar der jetzt von ihm vorgelegten Ausgabe der "Späten Projekte". Die Zusammenfassung dieser Projekte in einer opulent ausgestatteten Neuausgabe ist ein Höhepunkt des Bücherherbstes im Bereich der Kunst- und Architekturpublikationen.

Der Gedanke, für den zum König des befreiten Griechenland bestimmten Wittelsbacher Otto eine Residenz auf der Athener Akropolis anzulegen, stammt nicht von Schinkel; er hat sich später, als die Undurchführbarkeit des Vorhabens deutlich wurde, davon als einem "schönen Traum" distanziert. Auffällig ist aber die Parallele zu den Bauten am Fuße von Schloss Sanssouci, also Charlottenhof samt Hofgärtnerhaus. Denn die freie Komposition von Bauten in der Landschaft, deren "mannigfach Gegebenes schön für sein Werk zu benutzen" ihm als Maxime diente, hat er in Potsdam erprobt, bevor er sie im Athener Entwurf nachvollzog. Ähnlich ging Schinkel bei dem Entwurf für Schloss Orianda vor, um den ihn 1838 die als preußische Prinzessin Charlotte geborene Zarin Alexandra Feodorowna gebeten hatte. Auch hier steigert Schinkel die gegebene Situation zu einer wie ein Bühnenprospekt aufgefassten Landschaft, die durch das als Tempelanlage aufgefasste Ensemble als "kultivierte" ausgewiesen wird. Abstrahiert man von dem profanen Anlass, einen feudalen Sommersitz zu entwerfen, kommt Schinkels lebenslanges Ideal der "Veredelung" des Menschen durch eine gleichermaßen zweckmäßige wie schöne Architektur zum Vorschein.

Die sorgfältige Erläuterung Klaus Jan Philipps macht die Tafeln der Neuausgabe wunderbar verständlich. Allerdings erweist sich die Auslassung des Entwurfs der "Residenz eines Fürsten", mag sie auch Schinkels Buchplan folgen, als Mangel. Der 1835 gezeichnete Gesamtplan Schinkels, zu dem ihn sein Auftraggeber, Gesprächspartner, aber auch hemmungsloser Ausbeuter, der preußische Kronprinz (und nachmalige König) Friedrich Wilhelm (IV.) nötigte, weist ein hochinteressantes Bauprogamm auf. Es handelt nicht allein von der Anlage einer Residenz für "alle Annehmlichkeiten und höhere Aufgaben eines hochgebildeten Lebens des Fürsten", wie Schinkel erläutert, sondern umfasst zugleich "Anlagen für Volksfeste, Gebäude für Auszeichnungen berühmter Personen des Landes in Denkmalen, Gebäude für Genuss und Bildung aller Wissenschaften und schönen Künste, für Teilnahme des Volkes an diesen Instituten, ferner Gebäude zu den in der Zeit gebräuchlichen Festen".

Es ist diese Verknüpfung herrscherlicher und in einem ganz neuzeitlichen Sinne öffentlicher Aufgaben, die den Residenzentwurf aus seinem Entstehungszusammenhang heraushebt. Die unmittelbare Wirkung auf die Schinkel-Schüler war enorm; sie ist an den Bauten von Stüler oder Persius in Berlin und Potsdam abzulesen.

Die späten Projekte haben zu Schinkels Architekturverständnis nichts Wesentliches mehr hinzuzufügen vermocht. Im Gegenteil; es waren tragisch falsche Bauaufgaben, an denen sich Schinkel mit all dem Reichtum seiner baukünstlerischen Möglichkeiten abarbeiten musste. Und doch: Mies van der Rohe, der vor allem den Orianda-Entwurf hervorzuholen pflegte, hat die Neue Nationalgalerie in Berlin als "Tempel auf dem Plateau über dem Museum" angelegt - so, wie Schinkel es für die Krim erdacht hatte. Aber bei Mies, in der Mitte des 20. Jahrhunderts, kann jeder Bürger das Gebäude betreten - und Architektur als Ausdruck ihrer selbst erleben.

Aus diesem historischen Abstand gesehen, bergen auch die "Späten Projekte" Anregungen zuhauf. In ihnen, so Philipp, "wird Architektur als Architektur propagiert". Berlin, das um die Bebauung des leergeräumten Schlossplatzes ringt, kann von Schinkels Baukunst auch in Zukunft nur lernen.

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