Zeitung Heute : Ein Tropfen zu viel

In manchen Teilen Deutschlands ist das Trinkwasser stark mit Uran belastet. Erst jetzt wird über einen verbindlichen Grenzwert diskutiert. Was kann gegen die Belastung getan werden?

Dagmar Dehmer

Uran im Trinkwasser. Das klingt dramatisch. Deshalb sagt Thilo Bode, Gründer der Verbraucherorganisation Foodwatch: „Die Behörden haben ihre Fürsorgepflicht, die sie gegenüber Verbrauchern haben, sträflich vernachlässigt.“ Foodwatch hat im Frühjahr sämtliche Landesumweltministerien um Informationen über Urangehalte im Trinkwasser gebeten. Das Ergebnis: In 150 Gemeinden wird der Leitwert des Umweltbundesamtes (UBA) von zehn Mikrogramm pro Liter Wasser überschritten. Das entspricht etwa zwei Prozent der untersuchten Kommunen. Obwohl es bisher keinen Grenzwert für Uran im Trinkwasser gibt, müssen sich die Wasserwerke an diesen Leitwert halten. Das UBA hat ihn so festgelegt, dass „die tägliche Aufnahme dieser Stoffmenge mit zwei Litern Wasser ohne jedes Risiko lebenslang gesundheitlich duldbar sein muss“. So definiert das UBA in seinem Kinder-Umwelt-Survey, einer Untersuchung über die toxische Belastung von Kindern in Deutschland, die Grenzwerte für sämtliche Schadstoffe im Trinkwasser. Der UBA-Trinkwasserexperte Hermann Dieter sagt, eine Belastung unterhalb des Leitwerts sei auch im Rahmen der Ernährung von Säuglingen unbedenklich. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hält sogar 15 Mikrogramm für unproblematisch. Trotzdem hat das Bundesamt für Risikobewertung (BfR) für Mineralwässer, die mit der Aufschrift „für Säuglingsnahrung geeignet“ werben, einen Grenzwert von zwei Mikrogramm festgelegt. Dies allerdings weniger aus gesundheitlichen Gründen: Die Sprecherin des BfR sagte „Spiegel online“, man habe einen Wert definieren wollen, mit dem sich die teuer beworbenen Mineralwässer vom Leitungswasser abheben müssten. Diesen Grenzwert schaffen Proben aus 800 Brunnen nicht.

Uran ist zwar radioaktiv. Doch für die Gesundheit ist es vor allem deshalb gefährlich, weil es giftig ist. Das Schwermetall wirkt ähnlich wie Quecksilber und Blei chemotoxisch. Es wird nach Informationen des Bundesamtes für Strahlenschutz (BfS) innerhalb von Tagen nach der Aufnahme über die Niere ausgeschieden. Die Nieren können durch Uran geschädigt werden, „in Form einer Nierenfunktionsstörung bis hin zum Nierenversagen“. Gerade für nierenkranke Menschen oder für die Ernährung von Säuglingen ist es deshalb problematisch, nicht zu wissen, ob das Trinkwasser aus dem eigenen Wasserhahn erhöhte Uranwerte aufweist oder nicht. Hermann Dieter, der Experte des UBA sagt: „Zehn Mikrogramm sind unbedenklich. Doch wer sein Leben lang einer höheren Belastung ausgesetzt ist, muss statistisch ab dem 70. Lebensjahr mit einer leichten Nierenschädigung rechnen.“ Insgesamt hält er Uran im Trinkwasser nicht für ein „wesentliches Problem“. Zwei Prozent sei die übliche Überschreitungsrate auch für andere Schadstoffe im Trinkwasser, wie etwa die Schwermetalle Cadmium, Blei, Nickel oder Kupfer. Allerdings bedeute eine Überschreitung des Leitwerts von zehn Mikrogramm pro Liter in einer Region für „100 Prozent der Bevölkerung eine Überschreitung“ und sollte deshalb „unbedingt angegangen werden“. Es gibt Filterverfahren, die für wenige Cent pro Liter das Uran nahezu komplett aus dem Trinkwasser entfernen können. Eine andere Möglichkeit sei es, Wasser aus belasteten Quellen mit dem von unbelasteten Quellen zu mischen.

Foodwatch fordert deshalb einen einheitlichen Grenzwert für Uran von zehn Mikrogramm pro Liter. Zudem sollten die Behörden bei einer Überschreitung von zwei Mikrogramm pro Liter die Bürger auf der Wasserrechnung darüber informieren, fordet die Organisation. Zumindest in Sachen Grenzwert hat Foodwatch aus den Ländern Unterstützung. Sowohl die Sozialministerin Sachsen-Anhalts, Gerlinde Kuppe, als auch die rheinland-pfälzische Umweltministerin Margit Conrad (beide SPD) verlangten gestern einen einheitlichen Grenzwert für Uran. Für das Gesundheitsministerium sagte sein Sprecher Klaus Vater: „Wir wollen alles tun, um Gesundheitsgefahren möglichst auszuschließen.“ Bis Ende des Jahres solle entschieden werden, ob es künftig einen Grenzwert geben soll. Allerdings seien die Kommunen für die Qualität des Trinkwassers zuständig. Und die Trinkwasserverordnung schreibe auch ohne Grenzwert vor, dass vom Leitungswasser keine gesundheitlichen Gefährdungen ausgehen dürften.

Die Daten, die Foodwatch auf seiner Homepage veröffentlicht hat (www.foodwatch.de) sind nicht ganz einfach einzuordnen. Zwar haben bis auf Hessen alle Länder Daten geliefert – aber in sehr unterschiedlicher Qualität. Während Baden-Württemberg den umfangreichsten Datensatz mit 3766 Wasserproben lieferte, kamen aus NRW gerade mal 27. Insgesamt hat Foodwatch Informationen über 8177 Wasserproben bekommen, bundesweit gibt es etwa doppelt so viele Brunnen. Die Ergebnisse der Erhebung sind deshalb nur eingeschränkt repräsentativ.

Das UBA hat schon bei seinem Kinder-Gesundheits-Survey Trinkwasserproben aus Familien mit Kindern auf die Schwermetallbelastung, einschließlich Uran, untersuchen lassen. Die höchsten gemessenen Werte lagen zwischen 19,4 Mikrogramm und 26,20 Mikrogramm pro Liter. Das UBA hat damals alle betroffenen Gemeinden über die Werte informiert und sie auf den Leitwert hingewiesen. Allerdings hätten sich nur wenige Gemeinden daraufhin bei ihm erkundigt, wie sie das Problem lösen könnten, sagt Hermann Dieter. Ob sie überhaupt etwas unternommen haben, wisse er nicht. Eines ist aber bei den Trinkwasserproben in den Familien ganz deutlich geworden: Wasser, das länger als vier Stunden in den Wasserleitungen gestanden hat, sollte nicht für die Zubereitung von Säuglingsnahrung verwendet werden. Denn für sämtliche Schadstoffgruppen gab es in diesem sogenannten Stagnationswasser höhere Belastungen als bei Wasser, das frisch vom Hahn kommt. Man sollte also, rät das UBA, das Wasser so lange laufen lassen, bis es deutlich kühler aus dem Hahn komme, dann sei das Stagnationswasser abgelaufen. Gesundheitlich bedenklicher als Uran im Trinkwasser ist übrigens immer noch Blei aus nicht sanierten Trinkwasserleitungen. Das UBA rät dringend, die alten Bleileitungen auszutauschen.

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