Zeitung Heute : Ein unabhängiger Geist

Mit seiner originellen Filmsprache begeistert Hal Hartley auch europäische Cineasten

Silvia Hallensleben

Auf den Grünen Hügel war er bis jetzt nicht eingeladen. Doch in Salzburg durfte Hal Hartley schon 1998 ein eigenes Stück einrichten. Und erst letztes Jahr war er mit seiner „Inanna“-Inszenierung bei den Berliner Festspielen zu Gast. Vor zehn Jahren, als der damals gerade mal 36-jährige amerikanische Autorenfilmer in Interviews seinen vorläufigen Abschied vom erzählenden Leinwandkino zu anderen Darstellungsformen verkündete, waren Filmregisseure auf der Bühne noch eine Rarität. Doch Hartley war von Anfang an in vielen Künsten zu Hause: Er hatte gemalt, bevor er das bewegte Bild für sich entdeckte. Die Musik zu seinem Film komponierte er unter einem Pseudonym selbst. Und die Bewegungsabläufe seiner Spielfilme waren so exakt durchkalkuliert, dass es zum rein choreografischen Arbeiten nur noch ein kleiner Schritt war.

Seinen ersten Spielfilm „The Unbelievable Truth“ hatte der 1959 als Sohn einer katholischen Arbeiterfamilie im New Yorker Fast-Vorort Lindenhurst geborene Hartley 1988 mit einem 75 000-Dollar-Darlehen seines damaligen Arbeitgebers und der Hilfe von Freunden und Verwandten realisiert. Mit „Trust“ (1991) und „Simple Men“ (1992) präzisierte und etablierte er dann schnell den speziellen Hartley-Stil, der Erfahrungen eigener Suburbia-Jugend in lakonischen Szenen zu leuchtender Transparenz verfremdete. 1994 wagte sich Hartley mit „Amateur“ dann erstmals ans Genrekino: Die ironisch inszenierte Thrillervariante spielte in New York und war mit einem echten Star – Isabelle Huppert als Porno schreibende Nonne – besetzt.

Trotz aller Erfolge hat Hollywood ihn nie wirklich locken können. Doch sein unabhängiger Geist, die originelle Filmsprache und die ebenso erfrischenden wie herzwärmenden Plots haben Hartley die Herzen von Cineasten auch aus Europa zufliegen lassen. Ihn wegen seines Nonkonformismus aber gleich, wie manche es taten, zum heimlichen Europäer zu machen, ginge wohl an der uramerikanischen Fundierung seiner Bilderwelten grob vorbei. Sicher: Er liebt das europäische Kino, Godard und Murnau, Eisenstein und Renoir.

Zu Berlin hat der große, schlaksige Wahl-New-Yorker mit dem wachen Jungengesicht seit einem Jahrzehnt auch praktische Arbeitsbeziehungen: 1994 war er zur Vorbereitung einer 27-Minuten-Episode von „Flirt“ zwei Monate in der Stadt. Damals hatte ihn überrascht, dass die Straßen, die er nur aus alten Schwarz-Weiß-Filmen kannte, in der Realität farbig waren. Der Film, der die gleiche Geschichte nacheinander in drei verschiedenen Städten erzählt, platzierte Berlin gleichwertig zwischen New York und Tokio, womit sich sein Schöpfer bei hiesigen Weltstadtambitionisten eingeschmeichelt haben dürfte.

Seinem Entschluss, sich aus der Spielfilmregie zurückzuziehen, ist Hartley schon 1997 mit „Henry Fool“ untreu geworden, hat sich aber seitdem immer wieder parallel anderen – vor allem choreografischen – Arbeiten zugewandt.

Die luzide Schlankheit des Frühwerks hat in den späteren Arbeiten einiges an Bedeutsamkeitspfunden zugelegt. Vielleicht, weil mit der Sesshaftigkeit die Unruhe der Möbelsuche weicht. Oder, weil mit dem Älterwerden auch die Fragen komplizierter werden, denen sich Hartley mit seiner Arbeit immer noch bereitwillig stellt. Sein letzter Film, die isländisch koproduzierte Monster-Parodie „No Such Thing“ (2001) wurde von vielen als hoffnungslos verstiegen angesehen und hat im verschärften Wettbewerb um Verleihplätze den Weg in die deutschen Kinos nicht geschafft.

Die allerneueste Produktion heißt „The Girl from Monday“, soll eine Konsum-Satire sein und ist gerade in der Postproduktion. Da können wir uns von Hartleys Anwesenheit in Berlin wohl zumindest bevorzugte Standortbehandlung als Premierenstätte erhoffen. Was er sonst noch hier vorhat, werden wir bald sehen.

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