Zeitung Heute : Ein ungeheurer Schlaf

Belgien hat den Prozess mit Spannung erwartet, doch Marc Dutroux döst vor Gericht

Klaus Bachmann[Arlon]

Das Gerichtsgebäude unterhalb der Arloner Altstadt ist kaum zu erkennen. Ein ganzes Städtchen aus Wohncontainern verdeckt es. Journalisten haben darin ihre mobilen Büros, Satellitenschüsseln ragen aus den Quadern hervor. Nebendran stehen die Übertragungswagen der großen TV-Sender, die Reporter umzingeln jeden der Nebenkläger, der bei Gericht eintrifft. Der Hauptangeklagte im Pädophilenprozess, Marc Dutroux, war schon am frühen Morgen in einem grünen Transporter mit vergitterten Fenstern vom Gefängnis hierher gefahren worden.

Und kaum hatte der lange erwartete erste Prozesstag begonnen, untersagte Dutroux im Gerichtssaal sämtliche Film- und Fotoaufnahmen von sich. Auf den Bildern trägt er deshalb als Einziger der insgesamt vier Angeklagten einen schwarzen Balken über den Augen – obwohl er doch nach seiner Verhaftung vor acht Jahren schon hundertfach abgelichtet worden war.

Am ersten Verhandlungstag muss das Gericht aus 180 aufgerufenen Bürgern der Kleinstadt Arlon zwölf Geschworene und ebenso viele Stellvertreter auswählen. Die Verhandlung ist so zäh, dass Dutroux, der in einer Panzerglaszelle mit Sprechverbindung untergebracht ist, immer wieder vor sich hindöst und von seinem Anwalt ermahnt werden muss. Die Sensationen des mit so viel Spannung erwarteten Prozesses finden vor den Toren des Gerichts statt.

Dutroux’ Verschwörungstheorien

Am Vortag hat der flämische Sender VTM einen Brief von Marc Dutroux veröffentlicht, in dem dieser noch einmal heftig die in Belgien kursierenden Verschwörungstheorien anheizt. Im Visier hat der arbeitslose Elektriker den dubiosen, wegen Betrugs vorbestraften Brüsseler Geschäftsmann Michel Nihoul, dem gute Verbindungen zur belgischen Geschäftswelt und zur Politik nachgesagt werden. Der hat sich selbst dazu bekannt, in den 90er Jahren Sexorgien organisiert zu haben. Nihoul genießt wegen seiner schlechten Gesundheit Haftverschonung, er wurde erst in der letzten Phase des Ermittlungsverfahrens angeklagt.

Nihoul, so Dutroux in seinem Brief, sei das „Bindeglied der Affäre“. Er selbst, so Dutroux, sei „nur ein kleiner Fisch. Ich habe Dinge getan, aber ich wurde benutzt von anderen, und die wurden von wieder anderen benutzt.“ Bisher habe er Nihoul nicht belastet, weil er befürchtet habe, dieser werde dann das Land verlassen. „Ich will ja nicht, dass der Prozess auseinander bricht.“ Er sei nicht der Feind der Belgier, sondern „der Feind der belgischen Mafia. Die kontrolliert das Gericht.“ Alle Schuld werde auf ihn abgewälzt, und seinen Mitangeklagten würden weniger schwere Taten zur Last gelegt, als sie tatsächlich begangen hätten. Die flämische sozialistische Tageszeitung „De Morgen“, deren Redaktion in den letzten Jahren nichts unversucht gelassen hat, Hinweise für eine große Verschwörung um Dutroux aufzutreiben, bringt den Brief als Aufmacher. Doch natürlich ist auch den Anhängern der Verschwörungstheorie klar, dass Dutroux als Kronzeuge ihrer Thesen kaum taugt. Georges-Henri Bauthier, der Anwalt der Familie Delhez, die als Nebenkläger auftritt, sagt es in die zahlreichen Mikrofone, die ihm entgegengehalten werden: „Da ist die Perversion auf die Spitze getrieben. Er minimalisiert seine persönliche Verantwortung, indem er möglichst viele andere mit hineinzieht. Der Mann hat ja nichts zu verlieren.“

Die Anwälte der anderen Angeklagten weisen den Brief als Entlastungsversuch zurück. Ihre Mandanten belasten sich zum Teil gegenseitig. Michelle Martin, die bei den Entführungen am Steuer des Lieferwagens gesessen haben soll, war die Ehefrau von Dutroux, sie hat sich inzwischen scheiden lassen. An diesem Tag haben weder die Anwälte noch die Angeklagten die Möglichkeit, ihren Streit vor Gericht auszutragen. Die Verlesung der Anklageschrift und die ersten Verhöre der Angeklagten sind erst für Dienstag und Mittwoch vorgesehen.

Zwei Ehepaare werden dann wieder fehlen. Gino und Carine Russo, Eltern der damals achtjährigen Melissa haben ebenso abgesagt wie das Ehepaar Lejeune, Eltern von Julie. Die Leichen beider Mädchen waren 1996 nach Hinweisen des teilweise geständigen Dutroux tot geborgen worden. Bis heute ist unklar, unter welchen Umständen sie ums Leben kamen. Dutroux gibt zu, sie entführt zu haben, will aber mit ihrem Tod nichts zu tun gehabt haben – zum mutmaßlichen Todeszeitpunkt saß er hinter Gittern.

Pannen bei der Durchsuchung

Dutroux hat stets behauptet, sein damaliger Komplize Bernard Weinstein und seine Frau Michelle hätten die Mädchen in ihrem Kellerverlies verhungern lassen. Bei einer Hausdurchsuchung war das Kellerverlies von der Polizei nicht gefunden worden. Wegen der ungeklärten Umstände ist Dutroux formell nur wegen der Entführung und Misshandlung der beiden Mädchen angeklagt, nicht aber wegen Mordes oder Vergewaltigung – letzteres ließ sich wegen des Zustands der Leichen nicht mehr feststellen. Unter den flämischen Journalisten in Arlon kursiert nun ein Interview in der Zeitschrift „Deng“, in dem die Russos den Prozess in Arlon als „Zirkus“ bezeichnen. Die Anklageschrift sei so schwach, „dass man sich fragt, wie man damit überhaupt einen Prozess beginnen kann“. Viele Spuren seien nie weiterverfolgt worden, zahllosen Hinweisen seien die Behörden nicht nachgegangen. „Die ganze Akte basiert auf den Aussagen von Dutroux, eines patentierten Lügners. Man weiß bis heute nicht, wie Julie und Melissa ums Leben gekommen sind“, sagt Carine Russo.

Drinnen im Saal hat Dutroux seinen Kopf wieder auf die Arme gelegt und scheint eingeschlafen zu sein. Der Vorsitzende Richter macht Dutroux’ Anwalt darauf aufmerksam, dass sein Mandant vor sich hindöse. Der Anwalt greift daraufhin zum Telefon, um den Angeklagten hinter der Scheibe zu wecken. Ohne ihn kann der Prozess nicht geführt werden, er muss von Anfang an dabei sein.

Justizministerin Laurette Onkelinx hält eine ganze Mannschaft von Ärzten und Psychologen bereit, um einen reibungslosen Verlauf des Prozesses zu garantieren. Dass der Hauptangeklagte den Prozess einfach verschlafen könnte, war offenbar nicht eingeplant. Der Vorsitzende Richter fragt nun die einzelnen Jury-Kandidaten, ob sie in der Vergangenheit Petitionen und Aufrufe für die Nebenkläger unterzeichnet hätten. Zwölf der insgesamt 180 einberufenen Bürger antworten mit Ja. Die Geschworenen, die nach belgischem Recht zur Ausübung ihres Amtes verpflichtet sind, müssen unabhängig und unvoreingenommen sein. Doch was heißt das schon bei einem Prozess, dessen Angeklagter von den Medien schon lange vorverurteilt wurde? An diesem Montag wird Dutroux von Belgiens führender frankophoner Zeitung „Le Soir“ als „ein echter Lügner“ bezeichnet. In den letzten Tagen haben Journalisten der großen Blätter immer wieder betont, sie sähen es als ihre Aufgabe an, „Dutroux zu demaskieren“. Und in den Arloner Lokalzeitungen werden seit Wochen Leserbriefe mit dem gleichen Tenor abgedruckt: „Schade, dass es für Dutroux keine Todesstrafe geben wird.“ Ronny Baudewijn, einer von Dutroux’ Verteidigern, fragt sich, ob es da überhaupt Gerechtigkeit für seinen Mandanten geben kann: „Fast jeder hat ihn doch schon zu lebenslänglich verurteilt.“

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